Herzogenaurach
Austausch

Herzogenaurachs Perufreunde kämpfen für die Rechte der Bauern

Die Herzogenauracher Perugruppen haben Besucher aus den Anden. Der neue Pfarrer von Tembladera und das Lehrerpaar aus Apalin sind zum ersten Mal in der fränkischen Partnergemeinde. Eine Ausstellung von Schülern begleitet den Besuch.
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Carlos Arana zeigt ein Bild, das die Landfrauen aus Tembladera angefertigt haben und das er den Herzogenaurachern als Geschenk mitgebracht hat. Mit im Bild seine Frau Pancha Ruiz  Foto: Bernhard Panzer
Carlos Arana zeigt ein Bild, das die Landfrauen aus Tembladera angefertigt haben und das er den Herzogenaurachern als Geschenk mitgebracht hat. Mit im Bild seine Frau Pancha Ruiz Foto: Bernhard Panzer
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Padre Segundo Alarcon trägt eine rote Schirmmütze. Darauf steht "Frente Amplio", der Name einer peruanischen Partei. Die komme eher vom linken Spektrum, erklärt der Herzogenauracher Hans Meister und schmunzelt ein bisschen. Denn dieses Detail passt zu seinem Gast aus Tembladera, der peruanischen Partnergemeinde von St. Magdalena. Mit den Herrschenden hat es Alarcon nicht so. Er setzt sich für die Rechte seiner Schäfchen ein und das verträgt sich dort selten mit den Interessen der Oberen.

Padre Segundo ist zum ersten Mal zu Besuch in der neuen deutschen Partnerpfarrei. Seit drei Jahren wirkt er als Pfarrer in Tembladera und hat dort Padre Victorino abgelöst. Auch der war ein unbequemer Zeitgenosse. Er ist vom Bischof versetzt worden, vermutlich deshalb, wie Meister annimmt. Dem Nachfolger geht es darum, die Macht des nahe liegenden Steinbruchs zu schmälern.
Er fordert Staubfilter und eine gerechte Bezahlung der Arbeiter.

Der Minenbetreiber zieht die Bewohner auf seine Seite, indem er ihnen säckeweise Zement schenkt. Einschließlich des Bürgermeisters. Korruption sei weit verbreitet, sagt Hans Meister. Padre Segundo macht da aber nicht mit. "Der Staub ruiniert eure Gesundheit", predigt der Geistliche immer wieder. Und: "Wehrt euch!" Hoffnung, dass sich schnell was verbessert, hat er indes nicht. "Die Gesetzgebung ist auf der Seite der Unternehmen."

Bis zum 6. Oktober

Ebenfalls zum ersten Mal in Herzogenaurach ist das Lehrerehepaar Carlos Arana und Pancha Ruiz aus dem Bergdorf Apalin Alto, etwa 160 Kilometer von Tembladera entfernt. Auch die beiden Pädagogen sind Streiter für die unterdrückten Bauern ihres Dorfes. Und auch dort ist der Gegner eine große Mine. Die Landwirtschaft werde systematisch ausgerottet, übersetzt Meister. Die Menschen wollen dennoch in ihrem Dorf auf 3700 Metern Höhe bleiben. Auch wenn sie immer weniger werden. Als Carlos die Dorfschule als Rektor übernahm, hatte er noch 120 Schüler. Heute sind es gerade mal 25 Kinder.

Noch bis zum 6. Oktober befinden sich die drei Gäste aus der Diözese Cajamarca im Norden Perus zu Besuch in Herzogenaurach. Hier will man in Gesprächen die Partner kennenlernen und die Franken über ihre Heimat informieren. Eine Ausstellung mit Schülerbildern zeigt das traditionelle Weltbild der Kleinbauern in dem Bergdorf Apalin, Führungen und Begleitveranstaltungen sind geplant. Und in einem gemeinsamen Vortrag berichten der Rektor aus Apalin und der Pfarrer aus Tembladera über die Situation in den beiden Gemeinden.

Apalin Alto, das kleine Dorf droben in den Bergen, ist etwa acht Fußstunden von Cajamarca entfernt. Diese Stadt wiederum liegt drei Autostunden von Tembladera entfernt. Man erklärt Entfernungen nicht in Kilometern, sagt Hans Meister. Zeitangaben sind leichter verständlich.

Feldweg für die Autos

Dabei ist Apalin näher herangerückt an die Stadt. Denn Carlos Arana ist nicht nur Rektor der Dorfschule, er ist gleichsam der Manager im Ort. Und so hat er es in mühsamer Arbeit gemeinsam mit den Dorfbewohnern geschafft, am Berghang entlang einen Feldweg anzulegen. Jetzt kann man auch mit dem Auto ins Dorf gelangen. Mit dem Lehrerehepaar haben die Herzogenauracher um ihren Motor Hans Meister seit vielen Jahren Kontakte. Wenn auch meist in Briefen oder bei persönlichen Besuchen in Peru.

Pancha Ruiz war es, die von peruanischer Seite aus die spätere Partnerschaft mit anstieß. Sie war in den 70er Jahren in einem kleinen abgeschiedenen Dorf namens Chetilla, in dem die Bewohner noch nicht mal spanisch sprachen, sondern sich in der Inkasprache Ketschua verständigten. Damals war Hans Meister ein paar Jahre lang Entwicklungshelfer in der dortigen Provinz. Damals schon kümmerte sich Pancha um Frauen und Kinder, arbeitete pastoral, weil es keinen Pfarrer gab. Als sie ihren Mann kennenlernte, zog sie mit ihm nach Apalin. Und setzte dort die Arbeit mit den Menschen fort. Deren Problem ist der Bergbau. Daraus stammen laut Meister 64 Prozent der Exporte.

Das bedeute auch, dass die Politik diesen Wirtschaftszweig stärke, die klassische Landwirtschaft aber verdränge. Das sei auch im Raum Tembladera so geschehen. Einst sei die Gemeinde die reichste in der Diözese gewesen. Dann aber kam die Mine mit dem Stausee, die Reisfelder wurden überflutet, die Gegend verarmte. Heute leben in Tembladera 2500 Menschen und in der Region einschließlich der etwa 45 umliegenden Dörfer etwa 9000 Menschen. Viele sind arbeitslos.

Probleme mit dem Bergwerk

Und jetzt kommen die Sorgen mit dem Kalksteinbruch hinzu. "Der Staub vergiftet das Dorf", behauptet Meister, "er schädigt die Lungen der Menschen". Der Herzogenauracher Perufreund deutet das mit Daumen und Zeigefinger an: "So eine hohe Staubschicht liegt auf dem Dach des Pfarrhauses", zeigt er an.

Padre Segundo sieht da einen Schwerpunkt seiner Arbeit. Er möchte, dass Filter eingebaut werden. Diese würden zwar zwei Millionen Dollar kosten, doch das wäre für die Minenbetreiber nur ein Griff in die Portokasse. Der Geistliche setzt auf den Kampf des Volkes. Der Widerstand sei ein langsamer Weg, aber "der einzige Weg." Denn: "Irgendwann erreicht man das Ziel", sagt er. Beim elektrischen Licht sei das auch so gewesen. Weil die Bevölkerung 20 Jahre dafür gekämpft habe, sei es nun dauerhaft eingerichtet worden. Mut mache außerdem der Widerstand von tausenden Menschen gegen eine große Goldmine bei Cajamarca.

Eindrücke

Während ihres Aufenthalts sind die Gäste in Familien untergebracht. Dort haben sie auch Gelegenheit, Deutschland und Franken kennenzulernen und Antworten auf ihre vielen Fragen zu finden. Und was waren die ersten bleibenden Eindrücke? Die Disziplin und Ordnung gefielen dem Schulrektor Carlos. Und die Bereitschaft, Regeln zu beachten. "Offensichtlich halten sich alle sogar an die Gesetze", sagte er verwundert. Peru habe auch tolle Gesetze, aber eben auch viel Korruption.

Die Art des Zusammenlebens hingegen sei in Peru familiärer. Dort herrsche in den Großfamilien quirliges Leben unter einem Dach. In Deutschland aber wohnten die Menschen viel verstreuter, und wohl auch einsamer. Und drei Autos in einem Haus seien wohl auch eher verwunderlich. "Verkauft doch zwei", meint der Peruaner. Mit dem Erlös könne man ja die Armen unterstützen.
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