Höchstadt a. d. Aisch
Kommentar

"Heldenfriedhof": Höchstadt sollte sich eine modernere Form der Erinnerung überlegen

Die Stadt braucht dringend einen neuen Umgang mit der Erinnerungskultur. Mit "Flammenschwertern" und "letzten Blutstropfen" geht es sicher nicht.
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Die Kapelle auf dem "Heldenfriedhof" in Höchstadt wartet schon länger auf eine Sanierung. Im Zuge einer Instandsetzung sollte  die Stadt über eine neue Erinnerungskultur für die Opfer der Kriege   nachdenken. Foto: Christian Bauriedel
Die Kapelle auf dem "Heldenfriedhof" in Höchstadt wartet schon länger auf eine Sanierung. Im Zuge einer Instandsetzung sollte die Stadt über eine neue Erinnerungskultur für die Opfer der Kriege nachdenken. Foto: Christian Bauriedel

Am 17. November ist Volkstrauertag. Dann begeben sich wieder Fahnenabordnungen auf den "Heldenfriedhof". Sie werden wieder vor einer bröckelnden Kapelle stehen. Ein Symbol dafür, dass auch das Gedenken bröckelt?

Im Jahr 1923 wurde die Gedächtniskapelle gestaltet. Im Dachknauf wurde damals eine Urkunde hinterlegt. Georg Schockel, ehemaliger Höchstadter CSU-Stadtrat und leidenschaftlicher Denkmalfreund, ist im Besitz einer Kopie. Man liest Sätze, bei denen es einem aus heutiger Sicht, auch im Lichte der aktuellen Debatte um Fremdenhass und politische Hetze, die Sprache verschlägt.

Es sind Sätze, geprägt von der damaligen Zeit kurz nach dem Ersten Weltkrieg, der Zeit der politischen Wirren der Weimarer Republik ("Der Bürgerkrieg steht vor der Tür"), der Besetzung des Ruhrgebiets durch Franzosen und Belgier ("freche Gallier"), der Reparationen des Versailler Vertrags und der Währungskrise. Die Urkunde trieft von nationalem Stolz und Rachegelüsten, von soldatischer Schmach, den Krieg nicht gewonnen zu haben. Sie drückt eine Sehnsucht aus, es dem Erzfeind bald heimzuzahlen: "Gedenket der Taten unserer Väter, die sie vollbracht in ihren Tagen! Seid einig und macht euch bereit, den letzten Blutstropfen und den letzten Heller zu opfern, wenn die heilige Stunde des Vaterlandes kommt", heißt es stolz auf das Handeln der Soldaten. Man warte auf den "wuchtigen Schlage gegen das ekelhafte Geschmeiß der fremden Blutsauger."

Die Urkunde ist unterzeichnet mit "M. Schütz, Kaplan". Aus der Feder von Michael Schütz, dem damaligen Geistlichen in Höchstadt, stammt auch das Gedicht, das am Ende der Urkunde steht. Dort heißt es: "O komm', du Tag, da deutsches Auge wieder - Die Flammenschwerter gegen Westen zückt (...) Entzwei die Ketten; offen steht das Tor: - Das Tor zur Rache und das Tor zur Freiheit! - Hei, deutsche Faust! Nun zahle doppelt heim" Einzuordnen ist das Schriftstück in den Kontext der Zeit, als Vaterlandsliebe anders bewertet wurde als heute. Auch wenn der Friede als Ziel genannt wird, so handelt es sich um einen Frieden im Sinne von Sieg - militärischem Sieg. Sicher, Kaplan Schütz war Kind seiner Zeit, als er dies verfasste. Aber auch in den Zwanziger Jahren gab es schon mutige Mahner für Frieden (im Sinne von Abwesenheit von Gewalt, nicht von Siegfrieden).

Die Menschen von 1923 haben dem "Heldenfriedhof" seinen Namen gegeben. Heute, bald hundert Jahre später, ist es richtig, nachzudenken, ob er auch in Zukunft so heißen soll. Eine Debatte, die der Höchstadter Klaus Strienz angeregt hat. Wer sich auch durchringt, die Summe für die Sanierung aufzubringen: So wie es ist, sollte das Areal nicht bleiben. Historiker und Stadtarchivar Christian Plätzer hat bereits Vorschläge für eine Erneuerung der Erinnerungskultur gemacht. Es ist an der Zeit, in eine Debatte darum zu treten, wie diese in Höchstadt aussehen soll.

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