Höchstadt a. d. Aisch
Erinnerungskultur

Heldenfriedhof Höchstadt: "nicht unproblematisch"

Der Höchstadter Stadtarchivar und Geschichtslehrer Christian Plätzer hat sich eingehend mit der Historie des Heldenfriedhofs beschäftigt. Im FT-Gespräch schlägt er vor, das Gedenkstättenkonzept zu überdenken. Sein Draht zu Jugendlichen zeige: Das Thema Krieg lässt sie nicht kalt.
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Seit 1961 wird auf dem Höchstadter "Heldenfriedhof"  mit  einer Engelsfigur und   Tafeln mit 227 Namen   Gefallenen und Vermissten des  Zweiten  Weltkriegs gedacht. Foto: Christian Bauriedel/Archiv
Seit 1961 wird auf dem Höchstadter "Heldenfriedhof" mit einer Engelsfigur und Tafeln mit 227 Namen Gefallenen und Vermissten des Zweiten Weltkriegs gedacht. Foto: Christian Bauriedel/Archiv

Herr Plätzer, die Kapelle auf dem Heldenfriedhof bröckelt. Die katholische Kirche sucht zusammen mit der Stadt nach einer Lösung für die Renovierung. Dass saniert werden muss, da sind sich alle einig. Was sollte mit der Anlage aus Ihrer Sicht als Historiker passieren?

Christian Plätzer: Die Stadtgesellschaft muss sich klarwerden, was sie will. Die Notwenigkeit dieser Sanierung sollte man zum Anlass nehmen, sich mit dem gesamten Gedenkstättenkonzept intensiver auseinanderzusetzen. Gedenkorte dieser Art haben inzwischen alle ein Problem. Ursprünglich sind sie konzipiert worden, um einen Ort für privates Gedenken zu schaffen. Im Ersten Weltkrieg sind 84 junge Männer aus Höchstadt gefallen. Für die kleine Stadt eine Katastrophe. Daher hat man damals etwas gebraucht, wo die Hinterbliebenen mit ihrer Trauer hinkonnten. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Situation ähnlich, wahrscheinlich noch schlimmer. Es stellt sich die Frage: Ist die Form des Gedenkens heute noch zeitgemäß?

Diese Hinterbliebenen gibt es heute nicht mehr. Das dürfte auch der Grund sein, warum die Gedenkstätte kaum noch besucht wird und warum auch am Volkstrauertag jedes Jahr die Gruppe, die das offizielle Totengedenken durchführt, immer kleiner wird.

Aber es gibt doch Urenkel.

Das mag schon sein, aber die Zeit schreitet halt fort. Und man trauert nicht mehr in dieser emotionalen Form um einen verstorbenen Urgroßvater. Da ist niemand mehr unmittelbar betroffen. Das ist eine Entwicklung die man übrigens überall in Deutschland feststellen kann. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge kennt dieses Phänomen. Daher erscheint es mir sinnvoll, wenn die Anlage ohnehin saniert werden muss, weil Teile davon baufällig werden, jetzt gleich Nägel mit Köpfen zu machen. Wir müssen uns überlegen: Was wollen wir denn in Zukunft daraus machen? Wozu soll der Ort künftig dienen?

Was könnte man machen?

Das ist eine Frage, die intensives Nachdenken erfordert. Selbstverständlich sollte weiter an die beiden Weltkriege erinnert werden. Sie haben unser Land komplett verändert. Man sollte sich aber zudem überlegen, ob die Anlage nicht zu einer Art Friedenserziehung genutzt werden kann. Einen Lernort daraus machen. Im Bogen über dem Tor der Kapelle steht: "Seid Eingedenk der Taten eurer Väter". Dieser Aufforderung kann man auch eine zeitgemäße Bedeutung geben. Die Anlage müsste so gestaltet werden, dass sie ein moderner Mensch versteht, in unsere Welt übertragen wird.

Es gibt Höchstadter, die wenig Verständnis dafür haben. Für sie soll der Ort so bleiben, wie er ist. Ist zum Beispiel eine mögliche Umbenennung des Heldenfriedhofs Wortklauberei?

Die Höchstadter werden den "Heldenfriedhof" weiter so nennen. Das ist eine etablierte Bezeichnung. Nichtsdestotrotz ist sie nicht unproblematisch. Für einen Gedenkort des Ersten Weltkriegs ist es eine Bezeichnung, die einen historischen Hintergrund hat. Man kann sie aus der Zeitgeschichte erklären. Seit 1961 die Tafeln für die Soldaten des Zweiten Weltkriegs mit angebracht worden sind, ist die Bezeichnung eigentlich historisch falsch. Der Krieg, wie er von deutscher Seite geführt wurde, war ein verbrecherischer Krieg. Wir können nicht ausschließen, dass Personen, die auf der Tafel stehen, an Kriegsverbrechen beteiligt waren. Diese pauschal als Helden zu bezeichnen, ist hochproblematisch. Das kann man niemandem erklären.

Sie sind Geschichtslehrer am Höchstadter Gymnasium. Gibt es bei den jungen Leuten heute noch ein waches, emotionales Bewusstsein für die Themen Krieg und Frieden? Wie weit weg sind die Opfer der beiden Weltkriege?

Krieg ist ein abstraktes Thema für die heutigen Jugendlichen. Allerdings: Wenn wir die NS-Zeit und den Zweiten Weltkrieg ab der neunten Klasse behandeln, dann ist das Interesse riesig. Das ist im Geschichtsunterricht das Thema, bei dem wir auf das größte Interesse stoßen. Ich merke, wenn wir diese Themen besprechen, dann erreichen wir die jungen Leute unmittelbar. Die Betroffenheit ist mitunter sehr groß. Es ist nicht so, dass es sie kalt lässt.

Waren Sie mit Schülern schon einmal auf dem Heldenfriedhof?

Nein. Ich kann mit ihnen dort wenig erarbeiten. Sie können kaum etwas erkunden. Und es ist für sie schwer zu verstehen. Das Gespräch führte Christian Bauriedel.

Welch verschiedene Meinungen es zum "Heldenfreidhof" in Höchstadt gibt, lesen Sie im inFrankenPlus-Artikel.

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