Bamberg
Unterhaltungsmedien

Großes Aufsehen: Skandale, Dramen und neue Medien in den 80er Jahren

Auch in Franken gingen in den 80ern erste private Radiosender an den Start, es gab Musikfernsehen - aber auch große Medienskandale.
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Geiselnehmer Dieter Degowski hält der 18-jährigen Silke Bischoff die Pistole an den Hals und plaudert gleichzeitig mit Journalisten -    die Medien waren  mit schuld am blutigen Ausgang des Banküberfalls, der 1988 als   Geiseldrama von Gladbeck bekannt wurde.   Journalisten folgten den Verbrechern auf der Flucht durchs halbe Land, verstört und sensationsgeil schaute die Nation zu. Das Ende: eine wilde Schießerei, drei Tote, darunter Silke Bischoff.   Danach wurde der Deutsche Pressecodex geän...
Geiselnehmer Dieter Degowski hält der 18-jährigen Silke Bischoff die Pistole an den Hals und plaudert gleichzeitig mit Journalisten - die Medien waren mit schuld am blutigen Ausgang des Banküberfalls, der 1988 als Geiseldrama von Gladbeck bekannt wurde. Journalisten folgten den Verbrechern auf der Flucht durchs halbe Land, verstört und sensationsgeil schaute die Nation zu. Das Ende: eine wilde Schießerei, drei Tote, darunter Silke Bischoff. Danach wurde der Deutsche Pressecodex geändert. Foto: Hartmut Reeh dpa
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D as Netz der Technikbegeisterten hieß in den 80er Jahren Arpanet, erst als dieses 1990 abgeschalten wurde, begann die Kommerzialisierung und damit die massenhafte Ausdehnung des Internet. Aber schon vorher entstand eine ganze Reihe neuer Medien: ab 1984 das Kabelfernsehen, 1986 die ersten privaten Hörfunksender.

Auch in Franken gab es nach Ende des öffentlich-rechtlichen Rundfunkmonopols erste private Radiostationen. Sie entwickelten Formate mit leichter Unterhaltungsmusik (für verschiedene werberelevante Zielgruppen). In Bamberg beispielsweise setzte Radio Regnitzwelle 1987 auf Schlagermusik, während Fun Boy Radio moderne Popmusik spielte. In Kulmbach hatte Radio Plassenburg ein Jahr später ein Außenstudio in einem Modegeschäft in der Ladenpassage Webergasse. Der heutige Programmleiter und Moderator Markus Weber sagt über die "wilden" Anfangsjahre des Privatradios, dass sie aufregend, aber auch chaotisch waren. "Quereinsteiger als Moderatoren waren nicht selten, die Musikauswahl jedem Moderator selber überlassen. Manche nahmen sogar ihre eigenen Schallplatten oder CDs mit."

Die Deutschen nutzten das Mehr Freizeit für mehr Medienkonsum

Bevor die technischen und rechtlichen Bedingungen für die privaten Medien geschaffen wurden, gab es eine breite politische Diskussion über die befürchtete Spaltung der Gesellschaft in eine kleine, gut informierte Schicht und eine Masse schlecht informierter Unterhaltungsmedienkonsumenten. Unterhaltungsformate waren zu dieser Zeit stark im Kommen - und zwar bei öffentlich-rechtlichen und privaten Anbietern gleichermaßen. Das hatte vor allem einen Grund: Die Menschen hatten mehr Zeit. Zwischen 1970 und 1980 erhöhte sich die Freizeit der Bundesbürger dem Meinungsforschungsinstitut Emnid zufolge um ein Viertel. Statt wie 1970 zwei Stunden liefen Radio und Fernsehen nun im Schnitt drei Stunden täglich.

Serien waren in: Pumuckl, die Schlümpfe und tschechische Formate wie "Luzie, der Schrecken der Straße" unterhielten die Kinder; Traumschiff, Schwarzwaldklinik, Monaco Franze und die Lindenstraße die Erwachsenen, dazu amerikanische wie Miami Vice, Knight Rider, Dallas und Denver. Bei den großen Samstagabendshows wie "Wetten, dass..?" schaute die ganze Familie zu.

Die skandalösen 80er

Revolutionär für die Jugend war die Musikvideosendung Formel Eins, die ab 1983 in den dritten Programmen der ARD lief. Ab 1986 gab es Satellitenfernsehen und 1987 ging MTV Europe auf Sendung. Die Zahl der angemeldeten Fernsehgeräte stieg der Bundeszentrale für politische Bildung zufolge von 14 Millionen im Jahr 1970 auf 24 Millionen im Jahr 1990 - bei Radios lag der Zuwachs bei acht Millionen (von 19 auf 27 Millionen).

Die großen Medienskandale

Es war das Jahrzehnt, in dem die elektronischen Medien die Mehrheit der Deutschen erreichten, und es war das Jahrzehnt, in dem der Journalismus seinen Sündenfall erlebte. Bereits 1983 gab es eine Glaubwürdigkeitskrise, weil der "Stern" auf Konrad Kujau und seine gefälschten Hitler-Tagebücher hereinfiel. Es sollte ein Knüller für den "Stern" werden, wurde aber einer der größten Medienskandale in der Bundesrepublik: Am 25. April 1983 präsentierte das Magazin die angeblichen Hitler-Tagebücher. Zwei Wochen später stand fest: Sie sind gefälscht. Stern-Reporter Gerd Heidemann hatte einem Militaria-Händler namens Konrad Kujau für die gut 60 Bände insgesamt 9,3 Millionen Mark überbracht. Beide wurden 1985 zu über vier Jahren Haft verurteilt. Der "Stern" stürzte in eine Krise.

Im Sommer 1988 änderte sich die Pressearbeit grundlegend. Bei der auf einen Banküberfall folgenden Geiselnahme von Gladbeck behinderten Journalisten die Arbeit der Polizei, absurde Szenen waren zu sehen: ein Reporter, der ins Auto der Verbrecher stieg und ihnen den Weg wies. Bei einer bizarren "Pressekonferenz" rief ein Fotograf den Geiselnehmern zu: "Halt der noch mal die Knarre an den Hals, ich hab das Bild noch nicht." Aus heutiger Sicht ist das damalige Verhalten völlig unbegreiflich. In der Folge änderte die Polizei ihren Umgang mit der Presse und sperrt seitdem bei Großlagen weiträumig ab. Aber auch der Pressecodex wurde geändert: Interviews mit Tätern während des Tatgeschehens sind seitdem verboten.

Noch mehr Skandale

Noch mehr Skandale? Gab's in den 80er Jahren reichlich, allerdings waren die Medien normalerweise nur an der Aufdeckung beteiligt, wie bei der Flick-Parteispenden-Affäre oder als der Autor und Journalist Günter Wallraff , der in der Rolle des Türken Levent (Ali) Sigirlioglu in der Bundesrepublik verschiedene Arbeiten annahm und vielerorts Ausbeutung und Ausländerfeindlichkeit begegnete. Ein Skandal, der deutschlandweit aufsehen erregte, passierte gleich zu Beginn des Jahrzehnts. Und zwar in Nürnberg.

Nürnberger Justizskandal

Nach einer Demo aus dem Umfeld der Hausbesetzerszene mit etwas Vandalismus am Rande nahm die Polizei auf einen Schlag 141 Jugendliche fest. Die größte Massenverhaftung nach Ende der NS-Diktatur machte bundesweit Schlagzeilen: Richter hatten identische, kopierte Haftbefehle ausgestellt, in die nur der Name eingetragen wurde, Eltern blieben bis zu vier Tage ohne Nachricht, wo ihre Kinder sind. Der Spiegel titelte "Bricht Bayern das Recht?" Später wurden alle Verfahren eingestellt.

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