Herzogenaurach

Geldschwemme vor 95 Jahren

Die Erlaubnis, zehn Billionen Mark in Scheinen zu zehn Milliarden drucken zu dürfen, hatten die Herzogenauracher Stadtväter 1923 beim Berliner Finanzminister angefordert. Das wurde gestattet, aber das Geld war durch die Inflation nichts wert.
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Zu den Hochzeiten der Inflation 1923 wurde auch in Herzogenaurach eigenes Geld gedruckt.  Repro: Klaus-Peter Gäbelein
Zu den Hochzeiten der Inflation 1923 wurde auch in Herzogenaurach eigenes Geld gedruckt. Repro: Klaus-Peter Gäbelein
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Vor 100 Jahren hätten sich eigentlich sehr viele Herzogenauracher oder Höchstadt "steinreich" fühlen müssen. Sie erlebten zwischen 1918 und 1923 die größte Inflation, die es jemals in unserem Land gegeben hat. Doch eigentlich begann die Geld- und Wirtschaftskrise bereits 1914 unmittelbar nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Die Kriegsführung verschlang zwischen 1914 und 1918 unvorstellbare Summen. Und da die Staatskasse die Kosten nicht mehr auffangen konnte, wurde der "kleine Mann" im Rahmen der kriegswirtschaftlichen Maßnahmen verstärkt zur Kasse gebeten. Man zeichnete Kriegsanleihen, in der Hoffnung, sein Geld nach einem siegreichen Krieg mit Gewinn zurückzuerhalten.

Gleichzeitig musste sich die Bevölkerung bereits ab 1915 Einschränkungen gefallen lassen. Die Preise stiegen zwischen 1914 und 1918 durchschnittlich um 100 Prozent im Jahr oder insgesamt auf das 16-Fache. Von einer geregelten Versorgung mit den wichtigsten Grundnahrungsmitteln (Kartoffeln, Mehl, Fett) konnte bis 1918 nicht mehr die Rede sein.

Und als nach dem verlorenen Krieg noch die Reparationsforderungen der alliierten Siegermächte hinzukamen, waren die Ersparnisse zahlloser Familien weitgehend vernichtet. Bereits bis Ende des Krieges musste der Zahlungsverkehr mit Kleingeld, also mit Münzen bis zu fünf Mark eingestellt werden, weil die Rohstoffe wie Kupfer oder Nickel für Rüstungsgüter benötigt wurden.

Zehn-Pfennig-Münzen gab es ab 1916 aus Eisen oder Aluminium, später als fast wertlose Papierscheine. Mit der Sammelaktion "Gold gab ich für Eisen" wurde der Mittelstand um seine Ersparnisse gebracht.

Vor allem in den Städten klagte die Bevölkerung über den Mangel an notwendigsten Versorgungsgütern. Fleisch, Butter, Eier wurden in den Großstädten zu unerschwinglichen Luxusgütern, und bereits 1915 wurden Brotkarten eingeführt, die allerdings keine Gewähr für die Verbraucher boten, dass sie auch das Notwendigste gegen Eintausch der Marken erhielten.

Selbst Kleinstädte wie Herzogenaurach mit seinen rund 3000 Einwohnern trafen die Versorgungsengpässe bis zum Kriegsende sehr hart. So mussten sich die beiden Konditoreien Weiß und Café Adler (beide Hauptstraße) mit der Zuweisung von einem halben Zentner Zucker (25 Kilogramm) im September 1918 zufriedengeben. Und weil immer mehr landwirtschaftliche Flächen im Landkreis Höchstadt statt für Getreide-für Kartoffelanbau hergenommen wurden, stand es auch schlecht um die Getreideversorgung in unserer Gegend.

Bald standen auch die Dreschmaschinen still, denn die Lieferung mit Leichtbenzin für diese Maschinen war mit dem 19. Juli 19118 eingestellt worden. In Herzogenaurach sank zudem die Zuteilung von Leder für die schwächelnde Schuhindustrie seit März 1917 auf gerade einmal 20 Pfund(!), in Höchstadt gar auf 15 Pfund für Besohlungen und Ausbesserungen. Wie sollte da die Schuhproduktion aufrechterhalten bleiben?

Die Bevölkerung griff mehr und mehr zur Selbsthilfe. Ein eigener Garten für Gemüse- oder/und Kartoffelanbau war Gold wert . Längst hatte die Bevölkerung von nahrhaften Kartoffeln auf minderwertige Kohlrüben (Dorschen) umstellen müssen.

Als der Herzogenauracher Gastwirt Drescher (Rotes Ross, heute Sparkasse in der Hauptstraße) ein Kalb "schwarz" schlachtete, zog der Polizist Herbig dieses Fleisch ein. Es wurde an die Insassen der beiden Lazarette im Liebfrauenhaus und in der Gaststätte Monopol (gegenüber der Realschule) sowie an kranke Personen verteilt. Die Bemerkung von Gendarm Herbig "... wenn ich gewusst hätte, dass das Kalb die Preußen zu fressen kriegen, hätte ich in Sachen der Schwarzschlachtung überhaupt nichts unternommen" brachte ihm von seinem Dienstvorgesetzten, dem Amtmann Röder in Höchstadt eine scharfe Rüge ein.

Dem Gastwirt Römmelt wurden 1918 nur fünf Pfund Fleisch in der Woche zugeteilt. Der Metzger Johann Welker er hielt am 4. August 1918 die Genehmigung, in den folgenden vier Wochen ein Stück Großvieh, ein Kalb und ein Schaf zu schlachten. Und im September 1918 wurden der Stadt gerade einmal 4500 Zentner Kartoffeln für die rund 3000 versorgungsberechtigten Einwohner für die kommenden Wintermonate zugeteilt.

Der Schwarzmarkt stand bald in voller Blüte. So wurde beispielsweise ein Nürnberger festgenommen, der zwölf Laib Brot auf dem Schwarzmarkt erworben hatte, um damit seiner Heimatstadt Geschäfte zu machen. Noch schlimmer wurde die Versorgung in den Folgejahren.

Die Inflation erreicht 1923 im September, also vor 95 Jahren ungeahnte Höchststände. Vom Mai 1923 bis zum 8. September 1923 stieg der Preis für ein Ei auf dem Erlanger Markt von 350 Reichsmark auf 160 000 bis 180 000 Mark. Ein Pfund Schweinefleisch konnte man für 3,8 Millionen Mark erwerben, und für ein Suppenhuhn mussten drei bis vier Millionen Mark bezahlt werden.

In diesen Tagen erhielten zahlreiche Städte 1923 die Genehmigung, ihr eigenes Notgeld zu drucken. Die Herzogenaurach Notgeldscheine zeigen auf der linken Seite das Wahrzeichen, den Fehnturm. Die Banknoten tragen links die Unterschrift von Bürgermeister Herold und recht jene von Stadtkämmerer Schürr. Als Wasserzeichen sind stilisierte Pflanzenornamente enthalten, die Rückseiten besitzen nicht einmal ein Wasserzeichen und sind kahl. Die durchschnittliche Höhe der Scheine beträgt 50 Milliarden Mark.

Noch 1923 erging von der Stadt die Bitte an den Reichsfinanzminister in Berlin, 10 Billionen Mark in Scheinen zu 10 Milliarden zuzuweisen (zum besseren Verständnis: eine Billion hat zwölf Nullen). Über die Höhe der Stundenlöhne ist nichts überliefert.

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