Willersdorf
Interview

Fränkin dreht Film über das Stottern

Birgit Gohlke leidet unter einem Sprachfehler, den viele Menschen haben. Jetzt hat sie das Stottern zum Thema eines Kinofilms gemacht.
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Birgit Gohlke ist Filmemacherin und nach 16 Jahren in Wien heuer nach Franken zurückgekehrt.    Foto: Johanna Blum
Birgit Gohlke ist Filmemacherin und nach 16 Jahren in Wien heuer nach Franken zurückgekehrt. Foto: Johanna Blum

Am Sonntag, 11. November, wird um 16 Uhr der Film "Mein Stottern" in Erlangen in den Lamm-Lichtspielen gezeigt. Die Deutschlandpremiere war am 22. Oktober (Weltstottertag) in Berlin. Der FT traf die junge Regisseurin Birgit Gohlke, eine gebürtige Aischerin, die nach 16 Jahren in Wien jetzt wieder nach Franken zurückgekehrt ist und in Willersdorf wohnt, zu einem Gespräch über das Stottern und über die Motive zu diesem etwas ungewöhnlichen Film. Birgit Gohlke gehört selbst zu den knapp 900 000 Menschen in Deutschland und Österreich, die unter diesem Sprachfehler leiden.

Stellen Sie sich bitte unseren Lesern kurz vor!

Birgit Gohlke: Ich wurde 1981 geboren. Nach dem Schulbesuch (VS Adelsdorf, Abitur in Höchstadt), einem Auslandsaufenthalt und diversen Praktika habe ich Theater-, Film- und Medienwissenschaften in Wien studiert. Im Anschluss arbeitete ich bei Film- und Theaterfestivals. Die letzten knapp sieben Jahre war ich als Filmemacherin tätig (Regie, Drehbuch). Mit meinem Mann und unseren drei Kindern lebe ich nun seit April diesen Jahres in Willersdorf.

Wie kamen Sie auf die Idee zu diesem Film?

Der Anstoß zu diesem Projekt war für mich und meine Regiekollegin Petra Nickel eigentlich der Film "The King's Speech", der 2011 im Kino zu sehen war. Dieser Film widmete sich erstmals ernsthaft dem Thema Stottern und stieß auf großes Interesse. So kamen einige Radio- und Fernsehstationen auf Petra Nickel, die auch als Logopädin arbeitet, zu und fragten sie, ob sie einmal mit einem stotternden Kind ins Studio kommen könnte. Ihr gefiel zwar das Interesse am Thema, aber dieser etwas voyeuristische Zugang löste Unbehagen bei ihr aus. Ihre Idee war es, diesem Interesse etwas entgegenzubringen und besser die Leute zu Wort kommen zu lassen, die tagtäglich mit dem Stottern zu tun haben. So fragte sie mich, ob ich mit ihr einen Film machen wolle.

Bei mir selbst riss der Film alte Wunden auf. Ich erkannte, dass ich mit meinem Stottern endlich Frieden schließen muss. Hierfür konfrontierte ich mich mit anderen Stotternden sowie deren Strategien. Ich musste mich also meiner eigenen Vergangenheit stellen.

Erzählen Sie bitte ein bisschen aus Ihrer Vergangenheit.

Ich stottere seit meiner Kindheit. Früher war das Stottern sicher schlimmer als heute. Es war auch mit Angst, Scham und Schmerz verbunden. Es war nicht immer leicht, damit umzugehen. Aber irgendwann kam der Punkt, an dem ich mich entschieden hatte, mich nicht länger dahinter zu verstecken, sondern offen und auch offensiv damit umzugehen, mich hin und wieder damit zu konfrontieren. So habe ich mich im Jahr 2011 also dazu entschlossen, diesen Film zu machen.

Der Film "The King's Speech" genügte bei Ihnen, um altbekannte Gefühle auszulösen?

Colin Firths Darstellung als stotternder King George war sehr gelungen und realistisch gespielt. Es gibt am Anfang des Films eine Situation, in welcher der König vor einer großen Menschenmenge sprechen muss, was natürlich nicht problemlos funktioniert. Man sieht ihn sehr groß auf der Leinwand, mit eben dieser Angst in den Augen, die jeder Stotternde sicher gut kennt. Genau in diesem Moment hat im Kinosaal hinter mir jemand gelacht. Und diese zwei Dinge haben sich vermischt und mich in meine Vergangenheit zurück katapultiert ...

Wen holten Sie für Ihren Film ins Boot und war es schwer, diese Menschen zu überzeugen, bei Ihrem Projekt mitzumachen?

Das war sehr schön, denn die Leute sind uns großteils irgendwie in den Schoß gefallen. Angefangen hat es mit unserer Kamerafrau Judith Benedikt, die uns wiederum an den Produzenten Peter Janecek vermittelt hat. Er war sofort begeistert von unserer Projektidee und wollte unbedingt mit uns diesen Film machen. Sein Enthusiasmus hat die gesamten sechseinhalb Jahre angehalten!

Die Protagonisten zu finden war auch nicht so schwer. Einige stammen aus unserem Bekanntenkreis. Den jüngsten, Benedikt, haben wir per Ausschreibung gefunden, was wirklich ein Glücksgriff war. David Seidler, der Drehbuchautor von "The King's Speech", war gerade zufällig in Wien zur deutschsprachigen Uraufführung des Theaterstückes. Da haben wir nicht lange gefackelt und um ein Interview gebeten. Das war dann mein erstes Gespräch, das ich für den Film vor der Kamera geführt habe.

Was war das Ziel Ihres Filmprojektes?

Wir wollten das Thema Stottern "von innen heraus", auch mit einem humorvollen Blick auf dieses Sujet, behandeln und zeigen, dass es viele individuelle Wege gibt, damit umzugehen. Wir wollten mit so manchem Vorurteil aufräumen und auch ein Tabu brechen. Mir persönlich war auch immer sehr wichtig, aufzuzeigen, dass Stottern weit mehr ist als das, was man hört und sieht. Es geht im Film ja auch um viel mehr als um das Stottern allein. Es geht einfach darum, dass man etwas hat, das man eigentlich nicht will und man muss trotzdem schauen, wie man damit zurecht kommt. Und so etwas hat ja jeder, behaupte ich jetzt mal ...

Sie sind ja dann selbst vor die Kamera getreten. War das geplant?

Nein, das war anfangs so nicht geplant. Aber im Laufe der Entwicklungsgespräche zwischen Petra und mir wurde schnell klar, dass ich eigentlich auch vor die Kamera treten muss, wenn wir das Thema tatsächlich "von innen heraus" behandeln wollten. Denn das ist natürlich ein riesengroßer Bonus, als Betroffene selbst die Fragen stellen zu können. Denn ich traue mich natürlich auch, andere Fragen zu stellen, die ein Nicht-Stotternder entweder nicht wagen würde zu stellen, oder auf die er gar nicht kommen würde.

Hat Ihnen dieser Film mit all seiner Arbeit und dem Eintauchen in Ihre eigene "Stotter-Problematik" geholfen und wenn ja, wie?

Ja, es war einfach noch einmal ein neuer und weiterer Schritt, das Thema zu bearbeiten. Durch die vielen Gespräche mit anderen war es eine große Reflexion der eigenen Geschichte. Das war gut. Und das Sprechen vor der Kamera oder besonders auch im Tonstudio war eine Herausforderung für sich!

Gibt es Tricks, wie man sein Stottern besser in den Griff bekommt? Singen statt sprechen würde helfen, wird allgemein angenommen.

Naja, Singen tut einfach jedem gut. Ich würde es keinesfalls als Therapie bezeichnen, man kann ja auch schlecht singen statt sprechen. Beim Singen und Sprechen werden zudem verschiedene Gehirnareale benutzt, deshalb stottert man in der Regel beim Singen nicht. Das wird auch in unserem Film thematisiert. Ich würde sagen, jeder Stotternde hat so seine Tricks bzw. Techniken. Aber im Grunde muss jeder seinen eigenen Weg finden, wie er am besten mit seinem Stottern leben kann.

Haben Sie Ihr Ziel erreicht?

Ja, das würde ich schon sagen. Ich persönlich habe das Stottern und mein Stottern noch einmal von allen Seiten beleuchten können.

Petra und ich haben es einfach geschafft, einen sehr persönlichen Film zu machen, der bisher viele Menschen, ob stotternd oder nicht, emotional berühren konnte und dem Thema ein bisschen seine Schwere nehmen und somit auch etwas das Tabu brechen konnte. Darüber freuen wir uns sehr.

Das Gespräch führte Johanna Blum.

Der Film läuft in den Lamm-Lichtspielen in Erlangen am Sonntag, 11. November, um 16 Uhr sowie am 12. und 13. November jeweils um 14.30 Uhr. Am Sonntag, 11.November findet im Anschluss an den Film ein Regiegespräch mit Petra Nickel und Birgit Gohlke statt. Am Dienstag, 13. November, wird er in Bamberg um 18.45 Uhr in den Lichtspielen gezeigt. Auch hier findet im Anschluss daran ein Gespräch mit den beiden Regisseurinnen statt. Weitere Infos und Termine finden sich unter www.meinstottern.at.



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