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Medizin

"Es ist nicht wie im Film"

Wer hat mehr Verantwortung als ein Notarzt im Einsatz? Manchmal geht es dabei um Leben und Tod. Aber auch Patienten haben eine Verantwortung.
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Julian Zeilner ist leidenschaftlich gerne Notarzt.  Foto: privat
Julian Zeilner ist leidenschaftlich gerne Notarzt. Foto: privat

Wie im Fernsehen dürfe man sich das nicht vorstellen, betont Julian Zeilner. Aber spannend und interessant sei dieser Aspekt seines Berufes allemal.

Zeilner ist Facharzt für Allgemeinmedizin und als Leiter der Zentralen Notaufnahme am Kreiskrankenhaus St. Anna in Höchstadt angestellt. Außerdem ist er Notarzt. Zweimal pro Woche hat er Notarztdienst, neben seinen Aufgaben in der Klinik. Die müssen bei einem Einsatz dann eben mal liegen bleiben. "Man holt natürlich keinen Chirurgen oder Anästhesisten aus einer Operation", meint er schmunzelnd. Aber eine Visite könne auch verschoben werden, wenn der Piepser geht.

Keine Zeit verlieren

Und dann heißt es schnell sein. "Man weiß ja nie so genau, mit was man es zu tun hat." Die Leitstelle würde im Zweifel immer vom Schlimmsten ausgehen, beispielsweise bei der Angabe "nicht mehr ansprechbar" von einem Herzinfarkt oder Schlaganfall. "Auch wenn sich das am Ende nicht immer bewahrheitet, will man ja im Fall der Fälle nicht zu spät kommen", so der Arzt.

Zeilner fährt seit Sommer 2018 Notarztdienste in Höchstadt. Zuvor hat er mehrere Stationen in Praxen und anderen Krankenhäusern absolviert, war in der Unfallchirurgie und Inneren Medizin tätig und hat natürlich seine Notarztausbildung gemacht. Außerdem ist er diplomierter Alpinmediziner. All das und sein technisches Interesse, wie er betont, befähigt ihn zum Notarzt.

Widrige Umstände

"Allgemeinmedizin und Notarztdienst haben viel gemeinsam", erklärt der 38-Jährige. Immer habe man es mit einem "unausgelesenen Patientenkollektiv" zu tun. Auf Deutsch: Es kommt alles mögliche an Krankheitsbildern auf einen zu, ohne "Vorsortierung". Mit der Alpinmedizin hätten die Einsätze in Sachen widriger Umstände große Ähnlichkeit. Man arbeitet nicht in einem ordentlichen Raum oder an einem sauberen OP-Tisch. "Das Umfeld kann eine Privatwohnung sein oder die Straße. Es kann kalt, nass, dunkel sein." Das erfordere ein hohes Maß an Flexibilität und Kreativität.

Keine Zeit für Emotionen

Trotz, oder besser gesagt wegen all dieser Umstände arbeitet Zeilner gerne als Notarzt. "Das macht es interessant und spannend." Adjektive, die ein Laie nicht unbedingt gleich mit Unfällen, Verletzungen oder lebensbedrohlichen Krankheiten verbindet. Beängstigend oder belastend würde einem da vielleicht eher einfallen. "Da hilft uns die professionelle Distanz", erläutert der 38-Jährige. "Der Patient hat ein Problem. Ich bin dazu ausgebildet, dieses Problem zu lösen." Man habe im Einsatz überhaupt keine Zeit, über die emotionale Dimension nachzudenken. Das komme, wenn überhaupt, erst hinterher. Als traumatisch werde schließlich oft die Hilflosigkeit einer Situation gegenüber empfunden. "Ich bin ja aber nicht hilflos. Ich bin qualifiziert, zu helfen."

Belastend sei eher der Stress, wenn eine Sachlage unübersichtlich sei, wie bei den meisten Unfällen. Hier habe man oft nicht nur einen Patienten, sondern mehrere Verletzte. Dabei komme eine der größten Verantwortungen des Notarztes ins Spiel: "Wir müssen die einzelnen Fälle bewerten." Sprich: Wer muss zuerst behandelt werden? Wer hat nur leichtere Blessuren?

Diagnose stellt wichtige Weichen

Danach geht es zunächst um die Erstversorgung und die richtige Diagnose - egal bei welcher Ausgangslage. "Eine professionelle, qualitativ hochstehende Behandlung und eine möglichst schnelle Diagnose. Das ist die Hauptverantwortung eines Notarztes", erklärt Zeilner. Die Diagnose am Einsatzort stelle schließlich die Weichen für die weitere Vorgehensweise. Danach richtet sich auch die Einweisung in eine Klinik. "Stimmt die Diagnose nicht und der Patient muss verlegt werden, geht wertvolle Zeit verloren." Wichtig sei jedoch auch, sich schnell zu entscheiden - damit nicht schon am Anfang zu viel Zeit verstreicht. "Im Zweifel helfen Erfahrung, Bauchgefühl und unsere inzwischen sehr gut ausgereifte Technik."

Und natürlich die zweijährige Ausbildung zum Notarzt (s. Kasten). Hier sei die Messlatte in den vergangenen Jahrzehnten immer höher gelegt worden. "Was auch eine höhere Hürde für den Nachwuchs bedeutet", erklärt Albert Prickarz, Kaufmännischer Leiter des Kreiskrankenhauses. Denn eigentlich sei der Beruf für junge Ärzte attraktiv, auch das Ansehen in der Bevölkerung sei hoch. Außerdem runde dieser zusätzliche Aspekt die medizinische Ausbildung gut ab, weil Ärzte Abläufe ganz anders kennenlernen, als wenn sie immer nur innerhalb der Klinik tätig seien.

Erst nachdenken, dann wählen

Dennoch fehlen Notärzte. Laut Prickarz hat das Krankenhaus St. Anna zwar eine gute Quote, Patienten sollten sich trotzdem vorher überlegen, ob es wirklich nötig ist, die 112 zu wählen. "Ein gebrochener Finger tut richtig weh, ist aber kein Fall für den Notarzt", erläutert Julian Zeilner. Ebenso Rückenschmerzen oder hohes Fieber. "Dafür gibt es den ,Hausarzt am Wochenende', den ärztlichen Bereitschaftsdienst." Dieser ist bundesweit kostenfrei unter der 116117 erreichbar (s. Kasten).

Denn wenn ein Notarzt unnötigerweise ausrücken muss, steht er für einen möglicherweise wirklich dringenden Einsatz nicht mehr zur Verfügung. "Das läuft dann auf längere Wartezeiten hinaus, was bei einem Herzinfarkt oder Schlaganfall weitreichende Folgen haben kann", appelliert der Mediziner an das Verantwortungsgefühl jedes Einzelnen.

Zum Thema Verantwortung ergänzt Albert Prickarz zudem, dass Unfallzeugen oder Angehörige im Zweifelsfall immer helfen sollten, bis ein Notarzt oder Rettungssanitäter da ist. "Lieber helfen und dabei etwas falsch machen, als nicht helfen", lautet das Credo. Ist dann der Fachmann vor Ort, könne - und müsse - man die Verantwortung an ihn übergeben. "Er hat die entsprechende Ausbildung und weiß, was zu tun ist."

Ausbildung und Zuständigkeit

Kriterien: Abgeschlossenes Medizinstudium; mindestens zwei Jahre Berufserfahrung; Facharztausbildung ist in Deutschland nicht notwendig; wenn vorhanden, spielt die ärztliche Fachrichtung keine Rolle. Zusatzausbildung: 80-stündiger Kurs; zweijährige Tätigkeit in einer Klinik mit Schicht- und Bereitschaftsdiensten; davon mindestens sechs Monate Erfahrung auf Intensivstation, in der Notaufnahme oder in der Anästhesie; 50 Einsätze gemeinsam mit einem erfahrenen Notarzt.

Dienst: Kliniken übernehmen die Notarztdienste am Tag; niedergelassene Ärzte nachts.

112 ist die Nummer für Notarzt und Rettungsdienst. Sie sollte nur gewählt werden, wenn wirklich sofort ein Arzt nötig ist. Zum Beispiel bei Bewusstlosigkeit, schwerer Atemnot, starken Brustschmerzen, Herzbeschwerden, nicht stillbaren Blutungen, Vergiftungen, Stromunfällen, Suizidversuchen, akuten Krampfanfällen.

116117 ist die Nummer für alle anderen Erkrankungen, die aber nicht bis zur nächsten Praxisöffnungszeit warten können. Zum Beispiel Erkältung mit Fieber über 39 Grad, anhaltender Brechdurchfall, starke Hals- oder Ohrenschmerzen, akute Harnwegsinfekte, Schnittverletzungen, akute Rücken- oder Bauchschmerzen.

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