Adelsdorf

Ende mit dem im Stillen köcheln

Christian Poellmann ist Gastronom und Hotelier aus Leidenschaft. Doch fällt ihm in letzter Zeit auf, das die Gesellschaft sich wandelt.
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Christian Poellmann startete um 5.30 Uhr an der Rezeption zum Check-Out. Darf ein Chef nun acht Stunden später Feierabend machen?  Fotos: Busch
Christian Poellmann startete um 5.30 Uhr an der Rezeption zum Check-Out. Darf ein Chef nun acht Stunden später Feierabend machen? Fotos: Busch
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Kopfschütteln, Unverständnis, tiefes Durchatmen. Christian Poellmann ist der Chef des Adelsdorfer Hotels 3Kronen. Als solcher hat er schon viel erlebt. Gute Zeiten, schlechte Zeiten. Geblieben ist immer die Lust der Menschen essen zu gehen, sich bedienen zu lassen und sich den lukullischen Freuden ebenso hinzugeben wie einem den Gaumen verwöhnenden Getränk von Bacchus oder einer Gambrinus'schen Köstlichkeit.
Am Wochenende hat er sich aber geärgert. Der Satz einer Mail in einem sozialen Netzwerk veranlasste den Profi zu einer Antwort.

Was war die Antwort auf den Vorwurf, dass die "Preise gerade noch okay gewesen seien"?
Christian Poellmann: Mich freute zunächst die grundsätzliche Bewertung (4 von 5 Sterne). Aber der Rest der Aussage war nicht in Ordnung. Hätte der Gast geschrieben "für unseren Geldbeutel gerade noch ok", dann wäre das in Ordnung gewesen. Aber "gerade noch ok" ist nicht in Ordnung.

Warum nicht?
Es ist unqualifiziert. Hätte uns der Gast angesprochen, hätten wir gesagt: Sie finden bei uns eine hochwertige, bequeme Bestuhlung, die nicht von irgendeiner Brauerei kommt. Sie finden ein flauschiges Handtuch auf der Toilette, das WLAN steht all unseren Gästen kostenfrei zur Verfügung, ebenso der Parkplatz, der uns durchaus Kosten verursacht, die wir aber ungerne weitergeben. Wir haben die GEMA, die für jeden Lautsprecher im Restaurant und auf den Toiletten die Hand aufhält, die gesetzlich vorgeschriebene Entsorgung der Speisereste, Kosten, die durch einen qualitätsbewussten, für beide Seiten (Käufer/Verkäufer) fairen Einkauf entstehen und nicht zuletzt durch eine faire, Bezahlung unserer abends, an Sonn- und Feiertagen arbeitenden fleißigen Mitarbeiter, die nicht selten nach dem einen oder anderen Zusammentreffen mit Gästen Anspruch auf Schmerzensgeld hätten. Ach ja, und dann sind auch noch 19 Prozent Mehrwertsteuer.

Aber: Muss ein Gast das wissen?
Sicher nicht. Es sind die Rahmenbedingungen, die unsere Branche treffen. Vieles davon bekommt der Gast tatsächlich nicht mit. Aber eines gilt dennoch: Die Frage der Wertschätzung. Es wäre schön, wenn uns ein Gast einfach mal anspricht. Stattdessen wird gleich im Netz, in den sozialen Netzwerken in die Welt hinaus posaunt, was so nicht passt.
Und diese Meldungen kommen oft von Menschen, die keinerlei Hintergründe haben, die nicht wissen, wie dieser Apparat funktioniert.

Wer nichts wird wird Wirt!
Eines dieser pauschalen Vorurteile, die uns das Leben schwer machen. Ja, es gibt schwarze Schafe, da finden Sie Schwarzarbeit, da finden Sie Bezahlungen, die unterhalb des Mindestlohns stattfinden. Aber es sind die Ausnahmen. Ein Betrieb kann, wenn er sich nicht an die Vorgaben hält, längerfristig gar nicht bestehen.
Wir sind zum Beispiel ein Betrieb, der sehr stark auf die Einhaltung der Arbeitszeiten schaut, der über Mindestlohn beachtet, der seine eigenen Mitarbeiter auch wertschätzt. Dennoch finden wir keine geeigneten Mitarbeiter, weil es in der Gastronomie sehr schwierig ist entsprechende Mitarbeiter zu bekommen.

Will keiner in der Gastronomie arbeiten?
Arbeiten schon, aber die Bewerber müssen überlegen, was diese sich antun wollen. Dabei ist allerdings der Lohn nicht alles, ich bezahle zum Beispiel seit Jahren - schon vor der Einführung - deutlich über Mindestlohn. Man sollte sich aber mal Gedanken über die Wertschätzung machen. Das gilt nicht unbedingt und ausschließlich vom Arbeitgeber gegenüber dem Arbeitnehmer, es geht auch um die Wahrnehmung durch den Gast. Es stehen immer wieder Mitarbeiter vor mir, mit Tränen in den Augen, weil Gäste jeglichen Respekt fehlen lassen.

Was kann man dagegen tun?
Puh, schwierig. Es ist ein Frage der Aufklärung, eine Frage der Anerkennung, der Empathie. Ich kann nur versuchen den Menschen unsere Rahmenbedingungen näherzubringen. Wir wollen alle mehr Dienstleistung, mehr Freizeitgestaltung, dann müssen wir das aber auch zur Verfügung stellen und verstehen, dass es dies nicht zum Nullpreis gibt.


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