Die automatische Schiebetür des Bäckers in der Hauptstraße geht ständig auf und zu. Davor hat sich eine Traube Menschen gebildet. Wisch. Wieder öffnet sich die Tür. Vor allem Frauen sind gekommen, junge wie alte, manche haben ihre kleinen Kinder dabei. Christina Plank hat das organisiert. Auf Facebook hat die Mutter einer kleinen Tochter die Seite "Mahnwache für die Sektenkinder von Lonnerstadt" gegründet. Kurzerhand an diesem Freitagmorgen.



Jetzt ist es nach halb vier am Nachmittag. 20 Menschen sind gekommen. Sie diskutieren über das heruntergekommene Haus auf der anderen Straßenseite. Oder besser über das, was darin passiert, in dem Haus in der Nähe der mittelfränkischen Stadt Höchstadt, wo eine Familie in Armut wohnt. Weil sie der Sekte "Neue Weltdiener" angehört, die jeden Materialismus ablehnt.

Die Eltern verteidigen sich

Die Tür des Bäckers schließt sich wieder, als auf einmal die Bewohner aus dem Haus kommen. In weißen Gewändern und weißen Mützen gehen sie auf die Gruppe zu. Es sind die Eltern der drei Kinder, die - wie in einem WDR-Film am Donnerstagabend gezeigt wurde - ohne ärztliche Versorgung, ohne richtige Heizung oder ausreichend fließend Wasser leben. Die Menschen sind empört - und deshalb hier.

"Unsere Kinder hungern nicht und frieren nicht - sie sind nicht eingesperrt", sagen die Eltern zunächst ganz ruhig. Es gebe einen Heizstrahler im Bad und in der Küche, meint Bärbel, die Mutter, die einmal Gymnasiallehrerin war, bevor sie ihren Job aufgeben hat. Jetzt grinst sie triumphierend.

Doch dann ändert sich ihre Gemütslage schnell, als es um die Ernährung der Kinder geht. Peter ist aufgebracht, meint, dass die Kinder nicht dünn seien. "Michael hat sogar einen Bauch!" Das sieht eine aus dem Kreis der Besorgten anders: "Radha geht aber betteln." Ruhig wirken die Eltern jetzt nicht mehr. "Sie muss nicht betteln, sie will nur manchmal andere Sachen", sagt Vater Peter über das Verhalten seiner achtjährigen Tochter. "Es ist alles Lüge - Scheiß-Film!"

Die Filmemacherin habe Halbsätze aus dem Film geschnitten. Die Eltern sagen, sie hätten genug von den verlogenen Medien. Auch die Kinder. Einer seiner Söhne wollte angeblich erst mit nach draußen. Jetzt sei er im Haus geblieben, weil es ihn aufregt, was verbreitet würde. Im Film wurde gezeigt, dass die drei Kinder Johannes, Michael und Radha ein Leben ohne Krankenversicherung und medizinischer Versorgung führen müssen.

"Wenn was ernsthaftes wäre, würden wir zum Arzt gehen", sagt Peter. "Wie wollen Sie das bezahlen?", fragt eine besorgte Mutter eines kleinen Kindes. Sie könnten im Falle des Falles Geld bekommen, antwortet der Vater stoisch. Von wem, sagt er nicht. Vielleicht vom Guru? Der wohnt einen Ort weiter in Ailsbach. Er bestimmt über die Familie. An ihn hat Peter sein gesamtes Geld gegeben.

Landrat: Enger Kontakt mit der Familie

Wenige Stunden vor der Begegnung in Lonnerstadt hat das Landratsamt Erlangen-Höchstadt Stellung bezogen zu dem Fall. Vielfach wurde im Vorfeld gefordert, dass das Amt einschreiten müsse. Doch das hat sich mit einer Stellungnahme lange zurückgehalten. An diesem Freitag gibt es auch nur eine schriftliche Erklärung. Als "unwahr" bezeichnet Landrat Eberhard Irlinger (SPD) darin die medialen Vorwürfe, dass das Jugendamt nichts für das Wohl der Kinder tue. Es bestehe seit langem ein enger Kontakt sowohl zu den Kindern als auch zur Familie und den Schulen. In diesem Zusammenhang hätten immer wieder angemeldete und unangemeldete Hausbesuche des Jugendamts stattgefunden.

Der Entwicklungszustand der Kinder sei "bezogen auf ihre körperliche und gesundheitliche Situation in einem normalen Entwicklungszustand", sagt Irlinger in der Stellungnahme. Der Ernährungszustand sei normal. Ebenso seien die Wohnverhältnisse nicht zu beanstanden.

Gefährdung doch vorhanden?

Dennoch war aus Sicht des Jugendamtes zu klären, inwieweit es eine Gefährdung der Kinder in psychosozialer Hinsicht gebe. Ein Gutachten werde derzeit auf familienrichterlichem Beschluss eingeholt. Es soll prüfen, ob das seelische und geistige Wohl von Johannes, Michael und Radha gefährdet ist.

Ihre Großeltern, speziell Christine W., die Oma, macht sich große Sorgen, sie will um ihre Enkel kämpfen - das tut sie schon seit acht Jahren. Mit der Stellungnahme des Amtes sind sie und ihr Mann nicht zufrieden, der Landrat wiegelt aus ihrer Sicht nur ab. Und ihren Sohn Peter, den Vater ihrer drei Enkel, erreichen sie längst nicht mehr.

Das wird deutlich als Peter mit seiner Frau Bärbel draußen vor dem alten Bauernhaus in Lonnerstadt steht. Er würdigt seine Mutter Christine keines Blickes. Christine steht etwas weiter hinter Peter, ihrem Sohn. Sie blickt zu Boden, als der sagt: "Die Großeltern wollen die Kinder doch gar nicht." Das schmerzt. Bärbel zieht Peter weg. Sie verschwinden wieder. Mancher sagt, dass sie den armen Peter in der Hand hat und über ihn bestimmt.
Um halb fünf löst sich die Mahnwache friedlich auf. Doch Christina Plank, die Organisatorin, und die anderen wollen weiter machen. Wegen der Kinder. Langsam schließt sich die Tür beim Bäcker in der Lonnerstadter Hauptstraße wieder.