Herzogenaurach
100 Jahre "Eintracht"

"Eintracht" in den Fängen der NSDAP

Die Herzogenauracher Baugenossenschaft feiert dieses Jahr Jubiläum. Ihre Anfänge lagen in der Armut und Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg.
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Hermann-Müller-Straße 2 bis 3: ein Projekt der "Eintracht"Manfred Welker
Hermann-Müller-Straße 2 bis 3: ein Projekt der "Eintracht"Manfred Welker
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Auch in den 1930er Jahren war die "Eintracht" auf dem Bausektor aktiv. Einige Häuser wurden von den Interessenten auch erworben, so in der Hermann-Müller-Straße.

Das nächste Bauprojekt der "Eintracht", ein Sechsfamilienhaus mit der Adresse Erlanger Straße 20, konnte ausschließlich mit den Spargeldern der Mitglieder im Jahr 1932 erstellt werden. Die Not der Jahre hatte den vereinten Sparwillen nicht zum Erliegen gebracht. In diesem Haus befanden sich ein Laden und eine Milchkühlanlage. Damit konnte nicht nur für die Bewohner der "Eintracht"-Wohnbauten, sondern auch für die sich allmählich entwickelnde östliche Vorstadt die Nahversorgung sichergestellt werden. Nach dem Plan des Vorsitzenden Nikolaus Schaub wurde dieses Haus auch mit Wasserleitung und WC ausgestattet. Die Verantwortlichen handelten mit bemerkenswerter Weitsicht, denn für die Wasserleitung der Stadt Herzogenaurach erfolgte der Spatenstich am 1. Mai 1933 durch den damaligen Bürgermeister. Valentin Fröhlich. Heute befindet sich in dem gebäude die Geschäftsstelle der Baugenossenschaft "Eintracht".

Verteilt auf einige Jahre entstanden in der Kellergasse sechs moderne Einfamilienhäuser. Einer der neuen Nutzer, Christoph Nagel, unterschrieb gemeinsam mit seiner Frau Barbara als Mitglied Nr. 111 seinen Mietvertrag am 12. April 1934 und zog in das neuerbaute Haus ein. In der Wohnung gab es einen Herd und ein WC, das aber noch nicht über ein Waschbecken verfügte. Die Wohnung hatte noch kein eigenes Badezimmer. Im Keller stand ein gemauerter Waschkessel zum Wäsche waschen. Das Haus hatte einen Garten zur Aurach hin, die Familie baute sich zusätzlich einen Stall für Hühner und Gänse.

Trotz dieser modernen Bauweise und Einrichtung konnten die Mietpreise zwischen 18 und 24 Mark pro Monat auf einer verträglichen Höhe gehalten werden. Die innere Organisation der Baugenossenschaft wurde durch eine sparsame und uneigennützige Verwaltung erleichtert.

Der Bau des Fliegerhorstes (jetzt Herzo-Base) in Herzogenaurach brachte einen weiteren Schub für die Bevölkerungszahl mit sich, was sich erneut in einer starken Wohnungsnot bemerkbar machte. Die Stadt Herzogenaurach trat 1936 als eingetragenes Mitglied der Genossenschaft bei und erkannte somit die gemeinnützigen Leistungen an. Es gelang dadurch aber auch, die Baugenossenschaft "Eintracht" für die Ziele der NS-Machthaber einzusetzen.

Denn die Luftwaffe drängte die Stadtspitze massiv, Wohnraum für Offiziere und Unteroffiziere bereitzustellen. Als Ergebnis entstanden 1936/1937 unter der Federführung der "Eintracht" die Anwesen der Hans-Sachs-Siedlung für Offiziere und der Pirckheimerstraße für Unteroffiziere der Luftwaffe, damals noch als Berthold-Siedlung bezeichnet.

Ein Grund dafür war, daß sich im September 1935 ein Projekt mit der Bayerischen Wohnbau GmbH zerschlagen hatte. In einer Stadtratssitzung vom 22. April 1936 wurde beschlossen, dass die Baugenossenschaft "Eintracht" den Bau von fünf Häusern mit 14 Wohnungen als Träger federführend übernimmt. Die Finanzierung sah vor, dass das Luftfahrtministerium 40 Prozent der Kosten übernehmen würde und zehn Prozent von der Baugenossenschaft "Eintracht" aufgebracht werden. Die verbliebenen 50 Prozent der Kosten sollten mit Darlehen aus Reichsmitteln der Sparkasse abgedeckt werden. Das Baugelände am damaligen "Zigeunergässla" kaufte die Baugenossenschaft "Eintracht" Ziegeleibesitzer Adam Zimmerer ab.

Als Bezugstermin war der 1. Oktober 1936 vom Amt für zentrale Verwaltungsaufgaben der Luftfahrt in Berlin mit einem Schreiben vom 27. Mai 1936 gesetzt worden. Darin wurden die 14 Wohnungen genauer definiert: Sechs Wohnungen für Offizieren, davon vier mit vier Zimmern und zwei mit dreieinhalb Zimmern. Die acht Wohnungen für Unteroffiziere sollten sich in sechs Wohnungen mit drei Zimmern und zwei Wohnungen mit zwei Zimmern aufteilen. Die Pläne lieferte Architekt Josef Deschermeyer in Nürnberg, für die Bauleitung zeichnete Stadtbaumeister Hans Motzer verantwortlich.

Es entstanden sieben Häuser mit 22 Wohnungen. Ausgestattet waren sie mit Bad, WC, elektrischem Herd und teilweise Etagenheizung. Das hatte auch Mietpreise von 34 bis 82 Mark pro Monat zur Folge. Der Baubeginn der Häuser an der Hans-Sachs-Straße mit den Nummern 2,4,6,8 und 10, damals Bertholdsiedlung genannt, war am 1. Juli 1936. Bezugsfertig waren die Wohnungen zum 1. Oktober 1936. Ein Jahr darauf entstanden die Häuser Pirckheimerstraße 1 und 3 mit den geforderten Wohnungen für die Unteroffiziere.

1939 war die Einwohnerzahl Herzogenaurachs, auch durch die Militärangehörigen, auf 4943 gestiegen.

Ein weiteres großes Projekt der Genossenschaft war die "Reichsheimstättensiedlung" am Weihersbach. Die Planung von Stadtbaumeister Hans Motzer datierte vom Mai 1938. Das Bezirksamt Höchstadt an der Aisch stellte mit einem Schreiben vom 27. August 1938 die Baupolizeiliche Genehmigung für zunächst 22 Wohnungseinheiten für die "Gefolgschaftsmitglieder der Automaten- und Apparatefabrik Haas-Herzogenaurach", die nachmalige Firma Weiler, in Aussicht. Nach Sicherung der Rohstoffe und Bau der ersten 22 Wohneinheiten könnten die übrigen 18 "Volkswohnungen" erstellt werden. Die letzten der 40 durch die Baugenossenschaft "Eintracht" erstellten Wohnungen in zehn Doppelhäusern konnten zum 1. November 1939 bezogen werden.

Die Finanzierung erfolgte als "Erwerbshaussiedlung". Bereits im Oktober 1940 konnten die Häuser in der Hermann-Müller-Straße, der Richard-Wagner-Straße, der Ansbacher- und der Sandstraße den Anwärtern für 13 000 und 14 000 Reichsmark als Eigentum übertragen werden. Die monatliche Wohnungsmiete betrug 34 bis 36 Reichsmark.

In den Kriegsjahren kam die Bautätigkeit der "Eintracht" fast vollständig zum Erliegen, mit einer Ausnahme: 1942 wurde mit der Kellergasse 23 ein Musterwohnungsbau für kinderreiche Familien errichtet.

Im März 1942 wurde eine neue Satzung genehmigt. Sieorientierte sich nicht nur am Genossenschaftsgesetz, sondern auch am Gesetz für die Gemeinnützigkeit im Wohnungswesen. Damit hatten sich die NS-Machthaber auch die indirekte Kontrolle über die Genossenschaften gesichert. Ein Mitglied konnte ab da zum Geschäftsjahresschluss ausgeschlossen werden, wenn es nachmeinung der der NSDAP politisch unzuverlässig war oder als Inhaber einer Genossenschaftswohnung trotz Abmahnung Personen in die Wohnung aufnahm, "die nicht arischer Abstammung oder politisch unzuverlässig oder nicht im Besitz der bürgerlichen Ehrenrechte sind".

Noch 1944 erwarben die Verantwortlichen der "Eintracht" ein Gelände in der Edergasse am Kindergarten. Es kam jedoch nur zur Errichtung von sechs Behelfsheimen, wovon jedes nur 1800 Reichsmark kosten durfte.

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