Niederndorf
Gesundheit

Ein großer Schritt ins neue Leben

Jakob Conrads, elfjähriger Leukämie-Patient aus Niederndorf, hat nach der Knochenmark-Transplantation inzwischen gute Blutwerte.
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Jakob macht schon wieder Späßchen: Der Elfjährige - hier mit  Schwester Lena  sowie den Eltern  Daniel und Birgit -  ist froh, zu Hause bei der Familie zu sein. Foto: Bernhard Panzer
Jakob macht schon wieder Späßchen: Der Elfjährige - hier mit Schwester Lena sowie den Eltern Daniel und Birgit - ist froh, zu Hause bei der Familie zu sein. Foto: Bernhard Panzer
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Jakobs Eltern ist die Erleichterung anzusehen. Ihr elfjähriger, an Leukämie erkrankter Sohn hat die Knochenmark-Transplantation gut weggesteckt und erholt sich zusehends. Vor zwei Wochen hat Jakob das Krankenhaus verlassen und durfte zurück in den Schoß der Familie. Für Birgit und Daniel Conrads ist das ein großer Schritt ihres Jungen in sein neues Leben. Denn irgendwie, so sagt die Mutter, ist dieser 28. November, als der schwer kranke Bub das lebensrettende Knochenmark erhielt, wie ein zweiter Geburtstag.
Die Hoffnung, den Blutkrebs besiegen zu können, hat sich bei den Eltern daher in Zuversicht gewandelt. Immer verbunden mit Dankbarkeit und Demut - Dankbarkeit dafür, dass viele Menschen Anteil nehmen und das Personal in der Erlanger Kinderkrebsklinik sich wirklich kümmert. Und eine gewisse Demut schwingt mit, weil just in dem Moment, als die medizinische Behandlung mittels Chemotherapie nicht mehr geholfen hat, sich durch einen unbekannten Spender eine neue Hoffnung ergab und damit eine zweite Chance.
In der Tat sind die Blutwerte des Schülers inzwischen richtig gut, wie Vater Daniel sagt. Die erste Punktion am 27. Dezember habe zu einhundert Prozent frisches, gesundes Knochenmark des Spenders angezeigt, das die schlechten eigenen Zellen verdrängt hat. "Besser geht's gar nicht", sei ihm gesagt worden.
Der Oberarzt der Station, Dr. Daniel Stachel, bestätigt das. Er sei mit dem Erfolg der Transplantation sehr zufrieden. "Wir freuen uns, dass der Jakob die Transplantation so gut überstanden hat. Er war sehr stark und hat das mit Bravour gemeistert", sagt er im FT-Gespräch.


Eine Momentaufnahme

Freilich wissen die Eltern, dass dieses sehr gute Ergebnis trotzdem nur eine Momentaufnahme ist. Man weiß um die 100-Tage-Regel. Erst wenn diese Zeit verstrichen ist, könne man konkrete Angaben machen, ob die Werte dauerhaft gut bleiben. Denn noch immer besteht die Gefahr, dass sich schlechtes Mark versteckt hat und wieder zum Ausbruch kommen könnte. Das müsste man dann medikamentös bekämpfen, sagt Vater Daniel. Und auch danach brauche man viel Geduld. Wie bei jedem Krebspatienten sei in den ersten Jahren noch nicht wirklich sicher, ob nicht irgendwo noch Krebszellen lauern. Aber bisher, so berichtet Oberarzt Stachel, "gibt es keine Hinweise, dass etwas im Argen liegt. Wir sind sehr zufrieden".
Birgit und Daniel bleiben dennoch vorsichtig, blicken nicht in die Ferne. "Wir wollen nicht zu sehr in die Tiefe denken, das macht einen nur nervös", sagt Papa Daniel. Ändern könne man es ja doch nicht. Stattdessen wollen sich die beiden über jeden positiven Schritt freuen. Und diese Erfolge dann gemeinsam mit den Kindern erleben und genießen. Solche Schritte gibt es seit dem Tag null, also der Transplantation, indes wahrlich schon viele.


Cooles Auftreten

Und was macht Jakob? Cool ist er, als er zum Pressegespräch im Elternhaus dazustößt. Er lächelt und wirkt, als wäre nichts Außergewöhnliches an der Situation. Seine Ruhe und Ausgeglichenheit habe ihm auch schon in der Klinik geholfen, die Strapazen zu überstehen, sagt Birgit. "Cool war er die ganze Zeit schon."
Und dann wird geplaudert. Auch seine Schwester Lena sitzt mit am Tisch, beide sprechen über die Weihnachtsgeschenke und kibbeln etwas, wie es wahre Geschwisterliebe in diesem Alter eben erfordert. Beide sind glücklich über ihre Geschenke. Jakob hat einen PC bekommen, den er sich zwar gewünscht, aber "so groß nicht erwartet" hätte, wie er sagt. Das sei auch nur mit finanzieller Unterstützung möglich gewesen, gibt Vater Daniel zu. Playmobilfan Lena freute sich über ein ferngesteuertes Auto und Schlittschuhe.
Und natürlich auch darüber, dass ihr Bruder wieder da ist. Das bringt vielleicht wieder etwas mehr Normalität in den Alltag. Und damit auch wieder mehr Aufmerksamkeit für die kleine Schwester. Dann kibbeln die beiden wieder. Jakob kann vielleicht schön reden, sagt Lena, als er meint: "Die tut doch nur so freundlich." Aber, so fügt sie hinzu: "Ich kann die besseren Grimassen machen."
Vom normalen Alltag jedoch ist die Familie noch weit entfernt. Noch muss Jakob jede Woche mehrmals zur Untersuchung in die Klinik, Ende des Monats soll eine zweite Punktion weiter Aufschluss geben über die Entwicklung. Nach der langen Zeit in der Isolation, mit künstlicher Ernährung und abgeschirmt von der Außenwelt, muss der Bub das Leben draußen erst wieder lernen. Richtig essen gehört dazu, aber auch trinken. Zwei Liter Wasser am Tag sollen es sein, jetzt am Anfang. "Da muss man schon dahinter sein", sagt Mama Birgit. Anfangs war das jeden Tag ein Kampf. Aber die Nieren wollen gespült sein. Gerade bei der großen Anzahl an Medikamenten.


Jakob muss vieles neu lernen

Beim Einkaufen der Lebensmittel haben die Eltern schon jetzt eine gewisse Routine. Sie handeln nach festen Regeln, nicht alles ist geeignet. Vor allem frisch muss es sein. Die Bäckerei am Ort weiß das, "die packen die frischen Semmeln jeden Morgen für uns weg", sagt Birgit. Und der "Metzger unseres Vertrauens" aus der Hauptstraße "weiß auch genau, was wir brauchen", ergänzt Daniel.
Weiterhin lernt Jakob, sich nach den Ruhewochen im Bett wieder zu bewegen. Kraft zu sammeln für die täglichen Dinge. Schon das Treppensteigen wird da zur echten Herausforderung. Zusätzlich eingeschränkt ist der junge Patient durch den Hickman-Katheter, den er ständig an sich trägt und der ihn mit Medikamenten versorgt. Seit August hat er den "Hicki", wie das Gerät im Ärztejargon bezeichnet wird. Einen richtigen Namen hat Jakob ihm auch gegeben: Willi heißt das Ding.
Außerdem müssen noch die Impfungen aufgefrischt werden, was Jakob gar nicht verstehen mag. Aber Mama Birgit erklärt ihm das: "Du bist auf Babyniveau", sagte sie und meint damit die Tatsache, dass er durch die Transplantation ja im übertragenen Sinne neu geboren wurde.


Männergespräch über Fußball

Und dann sprechen die Männer über Fußball. Am Tag nach dem WM-Aus der deutschen Mannschaft gegen Italien 2006 wurde Jakob geboren. "Ich dachte, ich komme mal schnell zur Welt. Dann denken die Eltern an was Schönes", kommentiert Jakob, weltmännisch, weise und witzig wie ein Großer.
Und Fan vom FC Köln sei er, weil sein Papa das auch ist. 2016 sind die beiden im Stadion gewesen und haben den 4:3-Sieg der Geißböcke gegen Bremen miterlebt, der dann die Tür nach Europa öffnete. Seither trägt Jakob ein Bändchen am Arm, als Souvenir und Glücksbringer. Das durfte er sogar auf der Isolierstation in der Klinik anlassen, obwohl da alles gründlich desinfiziert werden muss. "Aber das Bändchen gab ihm Kraft", sagt Vater Daniel. Und es hat offenbar geholfen.
Jetzt versuchen die Conrads, das Familienleben so normal wie möglich zu gestalten. Zwischen den Klinikgängen muss auch noch Zeit für den Hausunterricht untergebracht werden. Drei Lehrer des Gymnasiums versorgen den Schüler mit dem wichtigsten Lernstoff der fünften Klasse. Mama Birgit ist täglich zu Hause. Sie ist zurzeit krankgeschrieben, wird aber wohl noch länger daheimbleiben müssen. Denn so ein Neustart geht nicht mal einfach so von heute auf morgen. Und dann denken die Conrads auch über einen gemeinsamen Familienurlaub nach. Große Sprünge werden heuer zwar noch nicht drin sein, aber im kommenden Jahr will er schon wieder "über die Grenze", sagt Jakob.


Spendenaktion des FT

Unterdessen verzeichnet die Spendenaktion "Franken helfen Franken" der Mediengruppe Oberfranken ein Rekordergebnis. Der FT in Herzogenaurach hat für Jakob gesammelt. 6300 Euro sind es bisher, die die Familie für die anstehenden Ausgaben gut gebrauchen kann. Das Spendenkonto bleibt geöffnet: DE62 7705 0000 0302 1945 01 (Spendenzweck "Jakob Conrads" angeben).
Der Bub war im Sommer 2016 an Blutkrebs erkrankt. Die anschließende, langwierige Chemotherapie half letztlich nicht, es wurde eine Knochenmarkspende erforderlich. Tatsächlich fand sich aus der Kartei der DKMS ein Spender. Am 28. November wurde das Mark übertragen, seither erholt sich der Patient gut. Unabhängig davon lief im September eine große Typisierungsaktion, die von Freunden organisiert worden war. Ganz Herzogenaurach, wie es scheint, nahm und nimmt Anteil am Schicksal des Niederndorfer Jungen.
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