Höchstadt a. d. Aisch

Egersdörfer lässt in Höchstadt die Sau raus

Matthias Egersdörfer tauchte in der Höchstadter Kulturfabrik in die Untiefen des Lebens. Dabei ging der Fürther bis an die Grenzen des humoristischen Genres - und des guten Geschmacks. Für sensible Gemüter ist das gewiss nichts.
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"Vom Ding her" immer übellaunig: der Humorist Matthias Egersdörfer in der Höchstadter Kulturfabrik Fotos: Rudolf Görtler
"Vom Ding her" immer übellaunig: der Humorist Matthias Egersdörfer in der Höchstadter Kulturfabrik Fotos: Rudolf Görtler
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Den Schlüsselsatz dieses Freitagabends in der leider recht kalten und zugigen Kulturfabrik Fortuna sprach der Protagonist erst ganz zum Schluss seines gut zweieinhalbstündigen Monologs: "Erhalten Sie sich diesen Hang zu etwas abseitigem Humor!" Von diesem Hang braucht man viel, ja sehr viel, wenn man einen Abend lang den verschlungen mäandernden Reflexionen des Matthias Egersdörfer folgen will.

Der 44-Jährige schlug vor einigen Jahren in der Kleinkunstszene auf und heimste namhafte Kabarett-Preise ein. Bei seinem Höchstadter Auftritt, organisiert vom verdienstvollen Thomas Ackermann, trug er sein aktuelles Programm "Vom Ding her" vor. Was ist das nun für ein seltsames Ding? Politisches Kabarett sicher nicht. Von der klassischen Stand-up-Comedy trennt Egersdörfer der fast völlige Verzicht auf Pointen.
Man könnte sagen: Der Mann artikuliert den puren Wahnsinn des Daseins selbst, das Groteske im banalen Leben; dabei hangelt er sich entlang an der eigenen Biografie, die er zu einer Art fantastischen Realismus aufpeppt. Ergo verwandelt sich sein Ich-Erzähler in einen Karpfen, sieht Mafiosi im Schlafzimmer und sein "Weibla" als "Engela".

Dabei zeichnet Egersdörfers Vortrag ein bewusst kultivierter dicker Nürnberger Dialekt aus, wie man ihn schon kaum mehr zu hören bekommt. Vulgäre Ausfälle - die nicht mehr so schlimm sein sollen wie früher, aber es reicht noch immer: Egersdörfer ist gewiss nichts für sensible Gemüter - gehören dazu wie cholerische Anfälle. Dann steigert sich der breiige Dialekt zum keifenden Geschrei. Immerhin reanimiert er dabei solche halbvergessenen schönen Invektiven wie "Hirnheiner" oder "Orsch und Friedrich" (wie die Fäkalsphäre überhaupt in des Humoristen Sprache oft aufschillert).

So geht es also vom "Gun Omd" und dem scheinbar vergifteten Morgenkaffee ins Krankenhaus, zurück in Kindheit und Jugend in Lauf an der Pegnitz, in eine Kleinbürger-Kindheit mit Raufasertapeten, gewohnheitsmäßigem Ladendiebstahl, bösen Schwestern und einer grauenhaften Pubertät samt Beschimpfungen der "Drecksweiber", die den knödeldicken Erzähler nie rangelassen haben. Egersdörfers Bühnen-Ich spielt den Grantler, den Choleriker und Misanthropen - nicht umsonst stahl er angeblich etliche Regalzentimeter Thomas Bernhard "beim Hugendubel". Und auch das Publikum bleibt als "unreifes Gesocks" und anderes nicht ungeschoren.
Der Mann hat die Abschweifung zum stilistischen Prinzip erhoben. So folgt auf die Geschichte der Ladendiebin die vom Ladendetektiv als Underdog, auf die der Meerjungfrau im Süßwasserteich die von Zivildienst-Erlebnissen in Hamburg.

Dem endlos verschlungenen Erzählstrom zu folgen, kann schon sehr ermüden. Obwohl gerade im zweiten Teil des Abends die Höhepunkte "vom Ding her" stecken: das nervende Getue jugendlicher Kiffer, das Leiden wegrationalisierter Arbeitnehmer, im Bademantel geklimperte disharmonische Pianotöne. Um den Bademantel drehte sich ein Gutteil der Szenen in einer "Sauna-Badeanstalt", ordinär bis an die Grenze des Erträglichen. Wobei man den Eindruck hat, dass das Publikum genau darauf wartet und den Tabubruch mit befreitem Lachen quittiert.

Egersdörfer ist in der deutschen Kleinkunstszene ein interessanter Sonderfall. Man kann ihn lustig finden, muss aber nicht.

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