Erlangen
Aufarbeitung

Dunkles Kapitel der Erlanger Stadtgeschichte

Die Stadt lässt untersuchen, was sich im Zweiten Weltkrieg in der Heil- und Pflegeanstalt, der sogenannten "Hupfla", abspielte.1846 als Kreisirrenanstalt gegründet, 1910 in Heil- und Pflegeanstalt umbenannt, wurden in ihren Mauern abscheuliche Verbrechen begangen.
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Hier in der früheren Direktion der Erlanger Hupfla fiel die Entscheidung, das Euthanasie-Programm mitzutragen.Pascale Ferry
Hier in der früheren Direktion der Erlanger Hupfla fiel die Entscheidung, das Euthanasie-Programm mitzutragen.Pascale Ferry
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Im Nationalsozialismus sollten Geisteskrankheiten durch die "Ausmerzung" der Kranken beseitigt werden. Auch Erlangen beteiligte sich: Die Hupfla wurde in eine Zwischenstation umgewandelt. Zwischen 1939 und 1941 wurden 908 Patienten von dort nach wenigen Tagen oder Wochen in die Tötungsanstalten Pirna Sonnenstein, Grafeneck oder Hartheim/Linz überführt.

In Anstalten wurden deutschlandweit Hunderte Patienten zwangssterilisiert, viele fielen der "Aktion Gnadentod" (Euthanasie) zum Opfer, weitere wurden auf speziellen "Hungerstationen" getötet. Ab 1939 mussten die Einrichtungen der Zentraldienststelle T4 in Berlin über Krankheiten, Heilungschancen und die Arbeitsfähigkeit ausgewählter Patienten Auskunft geben.

Dort entschied man über ihr weiteres Schicksal. Euthanasie-Patienten verlegte man zur Verschleierung zunächst in andere Anstalten, die sogenannten "Zwischenstationen". Von dort aus wurden sie zu Tötungsanstalten abtransportiert, wo sie der Tod in einer Gaskammer erwartete. Bis 1945 wurden unter der Leitung der Zentralstelle T4 mehr als 70 000 Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen ermordet.

Das ungeheuerliche Treiben blieb trotz allen Vertuschens nicht unbemerkt: Nach erheblichen Protesten wurde die Euthanasie in den Tötungsanstalten Mitte 1941 eingestellt, die dezentrale Tötung behinderter Erwachsenen durch Nahrungsentzug und überdosierte Medikamente jedoch fortgesetzt. Man geht davon aus, dass auch in der Erlanger Hupfla zwischen 1940 und 1945 rund 1500 Patienten an den direkten oder indirekten Folgen von Hungerkost starben Ein 1949 eingeleitetes Ermittlungsverfahren wurde eingestellt.

Warum das geschah und weitere Fragen soll das gemeinsame Forschungsprojekt von Institut für Geschichte der Medizin (Professor Dr. Karl-Heinz Leven) und Stadtarchiv (Dr. Andreas Jakob) bis Mitte 2019 klären. In Auftrag gegeben wurde es von einem eigens gegründeten Beirat, der sich mit der Schaffung eines "Orts der Erinnerung" befasst. Zusätzlich zur wissenschaftlichen Aufarbeitung wird die offene Diskussion mit der Bevölkerung über die Form des Gedenkens gesucht.

Nach Auskunft von Josef Weber, Bau- und Planungsreferent der Stadt Erlangen, gibt es verschiedene Möglichkeiten: "Das kann ein Denkmal im städtischen Umfeld sein oder aber in der Nähe der Hupfla. Bei letzterer hat man die Auswahl zwischen dem Pflegebau, in dem die Patienten untergebracht waren, oder aber der Direktion, in der das staatliche Euthanasie-Programm mitgetragen wurde."

Denkbar wäre auch die Schaffung eines kleinen Ablegers des Dokumentationszentrums in Nürnberg. Hier könnte man das Geschehene geschichtlich aufbereitet zugänglich machen, an die Opfer erinnern und einen Begegnungsort schaffen, an dem Fragen rund um psychische Erkrankungen, Genmanipulation und vieles mehr diskutiert werden könnten.

"Das stünde einer Medizinstadt wie Erlangen gut zu Gesicht", findet Weber. Obwohl die Genehmigung für einen Teilabriss der Hupfla vorliegt - hier soll unter anderem das "Zentrum für Physik und Medizin" der Max-Planck-Gesellschaft entstehen - wird die Entscheidung über das Schicksal des Gebäudes wohl noch etwas vertagt.

Interessierte können sich bereits den Termin für eine Podiumsdiskussion am 20. November um 19 Uhr im großen Hörsaal am Ulmenweg vormerken.



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