Herzogenaurach
Brauch

Die Martinikirchweih und der "Ententoni"

Von 1972 bis in die 90er Jahre wurden an der Aurach Enten und Gänse verkauft. Mit Berechtigungsscheinen konnte man sich seinen Braten sichern.
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Die Enten und Gänse an der Aurach waren zu Martini bei der Bevölkerung sehr beliebt.  Fotos: FT-Archiv
Die Enten und Gänse an der Aurach waren zu Martini bei der Bevölkerung sehr beliebt. Fotos: FT-Archiv
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Viele ältere Herzogenauracher erinnern sich an die Zeit, als sich in den Tagen vor der Martinikirchweih an der Aurach ein großes Gewusel einstellte. Viele Bürger begaben sich dorthin, zumeist ausgerüstet mit Kartons oder Säcken und vor allem mit einer Berechtigungskarte, und warteten geduldig in der Schlange. Jenseits der Absperrung schnatterte eine Horde von Gänsen und Enten. Mittendrin der städtische Tierpfleger Anton Gehr. Es war die Zeit, als das Federvieh an der Aurach an die Bürger verkauft wurde.

Von 1972 bis in die 90er Jahre gab es dieses Spektakel alle Jahre, am 10. November 1990 berichtete der FT von insgesamt 185 Tieren, von denen in diesem Jahr die weißen Peking-Enten den weitaus größten Anteil ausmachten. Rund 50 Bürger hatten sich unterhalb der Aurachwiesen eingefunden und sicherten sich so ihren Martinsbraten.

Hans Lang erinnert sich

Ursprünglich wurde die Aktion eingeführt, damit das hungrige Federvieh die verwachsenen Ufer der Aurach reinigen konnte. Später dann hat die Stadt die Aktion aus traditionellen Gründen fortgesetzt, wie der FT berichtete. Was für viele Herzogenauracher eine beliebte Bereicherung der Martinszeit war, stieß aber auch damals schon bei Naturschützern auf Kritik.

Hans Lang, seit 1990 Erster und zuvor schon Dritter Bürgermeister der Stadt, erinnert sich gut an diese seiner Meinung nach "tolle Aktion", die ein guter Brauch gewesen sei. "Der Toni hat das mit großer Liebe gemacht", sagt Lang. Der städtische Tierpfleger sei sehr naturverbunden gewesen und habe auch von den Tieren etwas verstanden. Neben dieser Tätigkeit war Anton Gehr vor allem der Betreuer des städtischen Wildgeheges im Dohnwald. "Das war sein Metier", berichtet Lang.

Auch Helmut Biehler hat mit dem Tierpfleger damals gerne zusammengearbeitet. 1984 begann der heutige "Leiter Kultur" im Rathaus als Sozialpädagoge im Freizeitheim, dessen Leitung er später übernahm. Anton Gehr war neben seiner Tätigkeit als Tierpfleger auch noch Hausmeister in dem städtischen Gebäude in der Erlanger Straße, und so ergab sich ein enger Kontakt der Beiden.

Biehler erinnert sich an die Zeit, als die Kinder und ihre Eltern respektive Großeltern säckeweise Eicheln und Kastanien sammelten und sie im Freizeitheim abgaben. Gehr kümmerte sich ja um die Tiere in dem bei der Bevölkerung überaus beliebten Wildgehege, wie das Rotwild oder die Wildschweine. Er war dankbar für diese Futterspenden, berichtet Biehler.

Und an noch etwas kann er sich gut erinnern. Im Keller des Freizeitheims sei eine regelrechte Entenbrutanstalt eingerichtet gewesen. Da standen verschiedene Kästen in einem warmen Raum, in denen Eier von Enten und Gänsen ausgelegt wurden. Man wartete dann darauf, dass die Küken schlüpften. Solche Termine konnten genau vorhergesagt werden, weiß Biehler. Einmal gab es einen Seniorennachmittag. "Um 15 Uhr schlüpfen die Küken", habe man geworben. Und um 15 Uhr schlüpften sie tatsächlich. "Da wurden die Eier dann halt rechtzeitig angepiekst", schmunzelt Biehler über diese Form der Geburtshilfe.

Im Sommer wurden die Tiere an der Aurach ausgesetzt, rechtzeitig vor Martini waren sie schlachtreif und wurden zusammengetrieben. Einmal stand eine Frau mit einer Flasche am Zaun. Sie wünschte "a weng a Blut" für den Entenpfeffer. In heutigen Tagen ist dieser Brauch von einst eher nicht mehr vorstellbar.

Berechtigungsscheine

Irgendwann endete der Verkauf der Aurach-Enten dann auch. Warum, weiß auch Hans Lang nicht mehr so genau. Offenbar hatte Gehr das Rentenalter erreicht. Aber auch die Proteste von Bürgern, die das nicht mit ansehen wollten, gaben nicht nach. Daran kann sich auch Klaus-Peter Gäbelein, der Verfasser des "Herzogenauracher Stadtschreibers", erinnern. Da gab es Leute, die mit ihren Kindern und Enkeln die Tiere an der Aurach gefüttert haben, sagt er. Sie wollten nicht mehr mit anschauen, dass die Vögel dann geschlachtet wurden. Aber solange es die Aktion gab, berichtet Gäbelein, sei das immer ein Aufgschau gewesen. Denn es fanden sich auch immer zahlreiche Schaulustige ein.

Die Käufer brauchten einen Berechtigungsschein, den man in der Stadtkasse erwerben konnte. 150 waren es im Jahr 1990, die im Nu vergriffen waren. Zehn Mark kostete damals ein Vogel. An der Stadtkasse saß damals auch Günter Ruhmann. Gekauft hat er eine Gans oder Ente dort aber nicht,wie er heute sagt. "Mir war das zu umständlich. Ich kauf' sie tiefgefroren".



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