Herzogenaurach
Projekt

Die Grenzen fallen in der Schulküche

Ein Thema, das immer wieder hochkocht, bringen fünf Schülerinnen auf den Tisch, gemeinsam mit fränkischen Gerichten: die Integration von Flüchtlingen.
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Die Schülerinnen und die jungen Flüchtlinge arbeiteten Hand in Hand.   Foto: Markus Bedruna
Die Schülerinnen und die jungen Flüchtlinge arbeiteten Hand in Hand. Foto: Markus Bedruna
"Der Topf ist viel zu klein, da passen niemals alle Zutaten rein!" Besorgt blickt die 14-jährige Antonia auf den Herd, doch kurz darauf greifen Baschar und Mohammad beherzt zu und schütten lachend die Hälfte der Kartoffelsuppe in einen weiteren Topf um. Ausgelassen geht es zu in der Schulküche der Herzogenauracher Realschule an jenem Donnerstagabend, also einer eher ungewöhnlichen Zeit für Schülerinnen, um sich darin aufzuhalten.
Leah, Mona, Lisa, Lana und Antonia, alle Schülerinnen der Klasse 9f an der Realschule, verbringen diesen Abend dennoch an den Elektroherden des Lehrraums - und das nicht alleine: Mit ihnen kochen fünf Mitglieder der Flüchtlingswohngruppe St. Josef aus dem Liebfrauenhaus. Auf dem Speiseplan steht fränkische Kost, nämlich Kartoffelsuppe und Apfelküchle.


Motto: "Grenzen überwinden"

Die jungen Männer aus Syrien und Afghanistan sind Teil einer Projektarbeit, das gemeinsame Kochen ist Ziel des Ganzen gewesen, erläutert Lehrer Markus Bedruna. Das seit einigen Jahren für Realschulen vorgeschriebene Projekt samt seiner Präsentation, das von Schule zu Schule unterschiedlich umgesetzt wird, stand in diesem Jahr in Herzogenaurach unter dem Motto "Es lohnt sich, Grenzen zu überwinden".
"Wir dachten bei diesem Thema von Anfang an daran, etwas mit Flüchtlingen in Herzogenaurach zu veranstalten, vielleicht etwas basteln oder kochen", erklärt die 14-jährige Leah. Recht bald schon fiel die Entscheidung auf das Kochen typisch fränkischer Spezialitäten, gleichzeitig sollte es nicht zu aufwendig oder zu kompliziert sein. Der Start sei ziemlich schwierig gewesen, weil niemand genau wusste, wie man eigentlich vorgehen wollte, sind sich die Mädchen rückblickend einig.
Von ihrem Betreuungslehrer bekamen sie aber die entsprechenden Impulse, so dass sich auch die angestrebten Interviews mit den Bürgermeistern von Herzogenaurach und Erlangen zur aktuellen Situation der Flüchtlinge in beiden Städten problemlos in das Gesamtprojekt integrieren ließen. Schließlich gaben die fünf Teenager ihrem Projekt den Titel "Integration von Flüchtlingen gestalten".


Umfrage in der Fußgängerzone

"Es begann, richtig Spaß zu machen", erinnert sich die 15-jährige Mona, auch wenn es nicht das reine Vergnügen war, sich an einem bitterkalten Februarnachmittag in die Herzogenauracher Fußgängerzone zu stellen, um dort die Bürger nach ihrer Meinung zum Thema Flüchtlingsintegration zu befragen. Obwohl sich die Schülerinnen hier sowohl über eine angemessene Beteiligung an ihrer Umfrage als auch über insgesamt freundliche Reaktionen der Passanten freuen konnten, gab es doch zumindest eine Bürgerin, deren radikale Meinung und ausfallende Worte das Quintett regelrecht schockierten.
An besagtem Donnerstagabend in der Schulküche erscheint den Mädchen eine solche Reaktion umso fragwürdiger. Die fünf bescheidenen, höflichen und gutmütigen jungen Männer verkörpern so gar nichts von dem, was diverse Meinungs- und Stimmungsmacher die Bevölkerung so gerne glauben machen wollen. Es wird zusammen gescherzt, gelacht, gekocht, gegessen, gespült. Dazwischen bleibt Zeit für Gespräche. Über die Flucht, über das Leben in Deutschland.
Al-Krad ist der Älteste in der Wohngruppe. Er ist vor zwei Jahren mit seiner Schwester aus Syrien geflohen und seine Geschichte macht nachdenklich. Bewunderung bricht sich Bahn für das, was diese jungen Menschen auf sich genommen haben, um hier ein besseres und menschenwürdigeres Leben führen zu können.


Ohne Sprachkenntnisse geht nichts

"Das Schlimmste in Deutschland war das erste Jahr, in dem ich noch kein Deutsch lernen konnte. Man kann sich mit niemandem unterhalten. Man möchte so gerne an der Kultur teilnehmen, aber es geht nicht", berichtet Al-Krad, der wie seine Mitbewohner inzwischen ein recht gutes Deutsch spricht, so dass die Verständigung an diesem Abend keine Hürde darstellt. Wie die Schülerinnen erfahren, ist die deutsche Sprache auch für die Kommunikation untereinander wichtig, da in Afghanistan Persisch gesprochen wird, in Syrien jedoch Arabisch, was für einen deutschen Beobachter vordergründig gar kein Unterschied zu sein scheint, weil beide Sprachen dieselben Schriftzeichen benutzen.
Über das Kochen hinaus sollte aber tatsächlich auch die Sprache innerhalb des Projekts eine Rolle spielen, immerhin ist Deutsch das Schulfach ihrer Wahl gewesen, für das sie ihre Projektnote erhalten. "Babberdeggl", spricht Leah vor und die Flüchtlinge dürfen nicht nur fränkisch nachsprechen, sondern müssen auch noch erraten, um welchen hochdeutschen Begriff es sich da handelt.
Nicht nur bei der Aussprache von "Gschmarri", "edzerdla" und "badscherdnass" muss die aus Thüringen stammende Antonia bekennen, dass die Flüchtlinge eine bessere Figur machen als sie. Auch das Aussprechen arabischer Worte, wozu hinterher von den Flüchtlingen aufgefordert wurde, bereitet sichtlich Schwierigkeiten. Ganz kleinlaut werden die Damen vorübergehend, als Shoiab aus Afghanistan sie nach grammatischen Begriffen wie Dativ oder Akkusativ fragt. Der Ehrgeiz, die Ernsthaftigkeit und das Tempo, womit diese jungen Männer eine fremde Sprache lernen, ist sicherlich auch etwas, was an diesem Abend Eindruck auf die Schülerinnen macht.
Mit den Worten "Danke für deine Hand" eröffnen die jungen Syrer das gemeinsame Essen. Und man kann geradezu schmecken, wie gut dieser Abend, an dem so viele Grenzen überwunden werden, allen gefällt.


Ein interkulturelles Erlebnis

"Auch ich habe bei diesem Projekt persönliche Grenzen überwunden", resümiert die zurückhaltende Lana. Die Mädchen wissen nach diesem arbeitsreichen Vierteljahr von Korrespondenzen mit Behörden und anderen Personen via E-Mail, Telefon oder persönlich zu berichten, von Planungen, Organisationen, Ideenaustausch und Teamwork, vor allem aber von einem bereichernden interkulturellen Erlebnis.
"Wir würden uns freuen, wenn wir im Liebfrauenhaus auch für euch einmal syrisch kochen dürfen", ergeht am Ende des Kochabends die Gegeneinladung an die Schülerinnen - und spätestens hier ist spürbar, dass sich das Überwinden aller sprachlicher, kultureller, kulinarischer und organisatorischer Grenzen mehr als gelohnt hat, weil so etwas wie Freundschaft entstanden ist.
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