Erlangen
Wahrheit

Diagnose Krebs: Wie mit grausamen Wahrheiten umgehen? Ein Onkologe erzählt

Der Onkologe Andreas Mackensen verrät, wann bei einer Krebsdiagnose die schonungslose Wahrheit angebracht ist und wie er mit Hoffnung umgeht.
Artikel drucken Artikel einbetten
Andreas Mackensen versucht, seinen Patienten Zuversicht zu vermitteln. Foto: privat
Andreas Mackensen versucht, seinen Patienten Zuversicht zu vermitteln. Foto: privat

Wahrheiten medizinischer Natur sind oftmals nur schwer zu verkraften. Etwa dann, wenn es sich um eine lebensbedrohliche Erkrankung handelt, eine Therapie nicht greift oder abzusehen ist, dass das Leben eines Patienten nicht mehr zu retten ist.

Doch wie geht man als Arzt mit diesem hochbrisanten Thema um? Darf ein Arzt um das Seelenheil eines Menschen Willen etwas verschweigen? Oder gar lügen? Mit Prof. Dr. med. Andreas Mackensen, Direktor der Medizinischen Klinik 5 in Erlangen, dort speziell für den Bereich Hämatologie und Internistische Onkologie tätig, findet sich ein kompetenter Ansprechpartner.

Wie lange sind Sie schon als Onkologe tätig?

Andreas Mackensen: Ich habe meine klinische Ausbildung zum Hämatologen/Onkologen 1988 an der Universitätsklinik in Freiburg begonnen. Nach einem Forschungsaufenthalt von 1991 bis 1993 am Krebsforschungszentrum Institut Gustave Roussy in Paris, bei welchem ich mich mit der Rolle des Immunsystems bei der Abwehr von bösartigen Tumoren beschäftigt habe, kehrte ich nach Freiburg zurück und habe dort meine Facharztausbildung zum Internisten mit Schwerpunkt Hämatologie/Onkologie abgeschlossen.

1999 wurde ich dann auf eine Professur für Hämatologie/Onkologie ans Klinikum der Universität Regensburg berufen, wo ich als klinischer Oberarzt und Leiter der Krebsforschung tätig war. 2007 wechselte ich nach Erlangen und wurde auf den Lehrstuhl für Hämatologie & Internistische Onkologie an der Universität Erlangen-Nürnberg berufen, verbunden ist dies mit der Leitung der Medizinischen Klinik 5 - Hämatologie & Internistische Onkologie.

Wenn ein Patient bei Ihnen vorstellig wird, ist dann die Diagnose einer bösartigen Erkrankung bereits gesichert und es steht die therapeutische Betreuung im Vordergrund? Oder stehen bei Ihnen noch weitere diagnostische Untersuchungen an?

Bei einem Teil der Patienten wurde die Diagnose einer bösartigen Erkrankung bereits extern bei einem niedergelassenen Kollegen oder in einem Krankenhaus gestellt und der Patient wird zur Behandlung an uns überwiesen. Diese Patienten sind dann bereits über ihre Krebserkrankung aufgeklärt.

Welche weiteren Untersuchungen und insbesondere welche Therapie dann auf sie zukommt, wissen die meisten Patienten jedoch oft noch nicht. Andere Patienten werden zur weiteren Abklärung von unklaren Krankheitssymptomen oder Untersuchungsergebnissen überwiesen. Bei diesen Patienten wird die Krebsdiagnose dann erst bei uns gestellt.

Wie bringen Sie Ihren Patienten die Diagnose, die damit verbundene Therapie und die daraus resultierende Prognose schonend bei?

Wichtig ist, dass wir uns als betreuende Ärzte für dieses Aufklärungsgespräch Zeit nehmen und ungestört sind. Idealerweise ist ein nahestehender Partner des Patienten dabei. Wenn wir dem Patienten dann die Krebsdiagnose übermitteln, muss in diesem Erstgespräch nicht alles im Detail besprochen werden.

Wichtiger ist, dass die Patientinnen oder Patienten den Raum und die Zeit bekommen, die Diagnose zu begreifen. Dass Emotionen aufgefangen werden, egal ob Angst, Verzweiflung, Fassungslosigkeit oder Wut - jeder reagiert anders. Alle Gefühle sind erlaubt.

Meine ärztlichen Mitarbeiter und ich beschreiben zunächst mit einfachen Worten, um welche Krankheit es sich handelt, welche Therapie vorgeschlagen wird und ob die Therapie dringend ist. Oft hat man ein paar Tage Zeit und kann in einem oder mehreren Gesprächen die Details besprechen. Wichtig ist, dass wir am Ende des ersten Gesprächs signalisieren, dass wir für weitere Gespräche zur Verfügung stehen.

Sagt man einem Todgeweihten die komplette Wahrheit oder darf man auch einen Teil verschweigen, um es dem Patienten leichter zu machen? Wenn Sie zum Beispiel der Meinung sind, dass der Patient die ganze Wahrheit nicht verkraftet.

Die Frage ist komplex - hier geht es um den Umgang mit Hoffnung. Wahrheit kann jedenfalls nicht aufgezwungen werden. Man sollte hier hoch-sensibel sein, die Patienten lassen einen in der Regel spüren, wie viel Wahrheit sie gerade verkraften und wie viel nicht. Persönlich ist mir wichtig, jederzeit den Eindruck zu hinterlassen, dass wir die Patienten und ihre Angehörige nicht alleine lassen.

Wie geht man mit den Angehörigen um? Werden diese zur Gänze über den erhobenen Befund, die Therapie und die damit verbundenen Risiken bzw. Chancen informiert oder erfahren Sie nur das Nötigste?

Die Angehörigen werden grundsätzlich nur in dem Maße wie die Patienten selbst über die Diagnose, die vorgeschlagene Therapie sowie deren Nutzen und Risiken informiert.

Wollen Ihre Patienten überhaupt die schonungslose Wahrheit? Kann man die Menge derer, die dies wissen wollen, in Zahlen ausdrücken?

Das ist ganz unterschiedlich. Manche Patienten wollen nicht alle Details der Erkrankung, der Therapie und deren Chancen und Risiken erfahren und möchten, dass das getan wird, was wir medizinisch für richtig halten. Andere Patienten haben einen sehr viel höheren Informationsbedarf und fragen ganz explizit nach, wie hoch die Chancen auf ein Ansprechen der Therapie ist, wie lange die Lebenserwartung ist, etc.. Zahlen einfach so zu nennen, ist problematisch. Man muss den Patientinnen und Patienten unbedingt erklären, was Statistiken bedeuten. Dass Wahrscheinlichkeiten zum Beispiel keinen Vorhersagewert für ihren individuellen Verlauf haben.

Waren Sie schon mal versucht, sich selbst zu belügen, um sich einen Rest Hoffnung für einen Patienten zu sichern?

Nein!

Wie verkraften Sie selbst all das Leid, das sich Ihnen in Ihrem Beruf offenbart?

Natürlich lassen mich die Schicksale nicht kalt. Bei all dem Leid fiel und fällt es mir glücklicherweise nicht schwer, auf die Menschen zuzugehen, ihnen ehrlich und professionell Hilfe anzubieten und Zuversicht zu vermitteln. Dieser persönliche Kontakt beschert mir persönlich viele gute, befriedigende Momente. Patienten geben uns viel zurück - auch dann, wenn wir nicht heilen können.

Das Gespräch führte Britta Schnake.

Verwandte Artikel
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren