Gremsdorf
Musik

Das Gedächtnis der Finger

Uli Leppers Kurzzeitgedächtnis ist extrem schwach. Trotzdem hat er sich in den Kopf gesetzt, Klavier zu lernen.
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Wenn die Gedächtnisleistung nachlässt, kann man nur davon profitieren, ein Instrument zu lernen.  Fotos: Karina Brock
Wenn die Gedächtnisleistung nachlässt, kann man nur davon profitieren, ein Instrument zu lernen. Fotos: Karina Brock
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Uli lernt Klavier. "Für Elise" kann er schon, "The Entertainer" und einen Boogie-Woogie. "Bei ,Stairway to Heaven' fehlt mir noch die letzte Seite. Sonst klappt es aber schon ganz gut." Keine ganz einfachen Stücke, aber an sich nichts Ungewöhnliches. Außer, dass Uli 68 Jahre alt ist, ein extrem schwaches Kurzzeitgedächtnis hat und bei ihm zudem der Verdacht auf eine Frontotemporale Demenz diagnostiziert wurde. "Wobei ich mir eine Zweitmeinung eingeholt habe und der andere Arzt meinte, da sei nichts. Aber ich merke selbst, dass etwas nicht stimmt. Mein Kurzzeitgedächtnis wird einfach extrem schnell gelöscht."

Begriffe und Namen fehlen

Im Rückblick hat er realisiert, dass das schon früher bei ihm so war. "Schon im Studium habe ich Dinge schnell wieder vergessen, musste auf Prüfungen viel mehr lernen, als die anderen." Aber in den letzten Jahren sei es noch wesentlich schlimmer geworden. Oft fehlen im Begriffe, Namen kann er sich kaum merken und mit Vorliebe verlegt er Dinge.

Vor vier Jahren hat er sich deshalb in der Kopfklinik in Erlangen durchchecken lassen und regelmäßig verschiedene Tests gemacht. "Diese Diagnose, der Verdacht auf diese Demenz, hat mich schon beeindruckt." Ein befreundeter Arzt hat ihm dann geraten, ein Instrument zu lernen. Zunächst kramte er sein altes Akkordeon aus dem Keller. "Aber mir hat es keinen Spaß gemacht." Lepper wollte lieber Rock'n'Roll spielen, Boogie-Woogie, Blues. So kam er auf das Klavier. Der Rentner machte gleich Nägel mit Köpfen: Er kaufte sich ein elektrisches Klavier und begann zu üben, alleine, mit Internet-Videos, mit und ohne Noten. "Irgendwann kam ich aber nicht weiter und wollte einen richtigen Lehrer."

Eine Bekannte brachte ihn dann mit Katrin Heinz-Karg zusammen, die sich in ihrer Musikschule Mina in Gremsdorf sowieso dem individuellen Lernen verschrieben hat. Sie nimmt Schüler allen Alters, mit und ohne Behinderungen oder Einschränkungen, gibt Einzel- und Gruppenunterricht. "Es ist den kognitiven Fähigkeiten extrem zuträglich, ein Instrument zu lernen - auch und gerade im Alter", sagt die Musikwissenschaftlerin und -pädagogin. Eine beginnende Demenz könne es sogar verzögern. "Weil man das Gehirn fordert. Es bilden sich neue Querverbindungen."

Nicht nach Noten

Vor drei Jahren hat Lepper als Privatschüler bei Heinz-Karg begonnen und ist nach einer längeren Pause Anfang diesen Jahres - nun in der Musikschule - wieder eingestiegen. Zusammen erarbeiten sie sich die Stücke, die sich der frühere Ingenieur in den Kopf setzt. "Und dafür, dass er diese Einschränkung hat, lernt er wirklich schnell", sagt die 40-Jährige. Etwa ein halbes bis dreiviertel Jahr dauert es, bis Lepper ein Stück durchspielen kann. Die Besonderheit: Er will nicht nach Noten spielen. Er hat den Ehrgeiz, alles frei zu können und weil sein Kurzzeitgedächtnis Erlerntes aber nicht speichern kann, muss er die Melodien so lange und so oft wiederholen, bis sie ihm "aus den Fingern fließen", wie er es selbst beschreibt.

Dabei zäumt das Lehrer-Schüler-Gespann das Pferd von hinten auf: "Uli will keine Grundlagen lernen, sondern Lieder", bringt es Heinz-Karg auf den Punkt. Alles andere macht ihm keinen Spaß, ist Quälerei. Er wolle quasi Schwanensee tanzen, ohne Gymnastikübungen zu machen. "Ganz ohne geht es nicht. Aber es funktioniert besser, als ich je gedacht hätte." Schließlich spielt ja mit 68 Jahren nicht nur das Gedächtnis, sondern auch die Motorik manchmal nicht mehr so mit. Aber auch die Geschmeidigkeit in den Fingern kam mit der Zeit: "Die schnellen Passagen bei ,Für Elise' und den flotten ,Entertainer' hätte ich ihm ehrlich gesagt gar nicht zugetraut."

Täglich drei Übungseinheiten

Auch wenn ihm Technik und Fingerübungen nicht liegen - einen fleißigeren Schüler als Uli Lepper hat Heinz-Karg wohl kaum: Täglich drei Mal spielt er sein kleines Repertoire zu Hause durch. "Dabei muss ich im Fluss bleiben, die Finger müssen sich von selbst bewegen." Sobald er einen falschen Ton spielt oder nachdenken muss, wie es weitergeht, ist es vorbei. Dann ist er raus. Und wenn er ein Lied zu lange vernachlässigt, kriegt er es nicht mehr hin. Darum übt er und übt und übt. Damit alles ins Langzeitgedächtnis und vor allem ins "motorische Gedächtnis" übergeht.

Erfolgserlebnisse machen glücklich

Trotzdem: "Ich kann mich nie darauf verlassen, dass ich ein Lied auch abrufen kann. Ich kann es 500 Mal fehlerfrei spielen und beim 501. Mal komme ich komplett raus", erklärt der 68-Jährige. Aber auch wenn es immer wieder schwer sei, ein neues Stück anzufangen, machen die kleinen Erfolgserlebnisse glücklich, berichtet der Senior. "Wenn ich merke, dass meine Finger von alleine spielen und sich alles richtig anhört, ist das ein riesen Glücksgefühl."

Außerdem: Seit der Untersuchung vor vier Jahren haben sich seine "Symptome" nicht verändert. Seine Gedächtnisleistung sei nicht schlechter geworden. "Ob das jetzt am Klavier liegt oder nicht, kann niemand sagen. Aber sich im Alter der Herausforderung zu stellen, nochmal etwas Neues zu lernen, bringt allemal was - für's Gehirn, die Gesundheit und die Seele", ist sich Heinz-Karg sicher.

Und Uli Lepper? "Ich bin fast 70. Ich habe mich damit abgefunden, dass ich vergesslich bin. Die Musik macht mir einfach Spaß - und wenn ich meinem Hirn damit vielleicht helfen kann, umso besser."

Frontotemporale Demenz

 

Beschreibung Seltene Form der Demenz, die sich stark von den meisten anderen Demenzformen unterscheidet. Sie kann schon in relativ jungen Jahren (ab 20 bis 85 Jahre) auftreten und äußert sich in einer Veränderung der Persönlichkeit und des Verhaltens des Betroffenen.

Ursache Eine Frontotemporale Demenz wird durch den Rückgang von Nervenzellen im Stirn- und Schläfenbereich (Fronto-Temporal-Lappen) des Gehirns verursacht. Von hier aus werden unter anderem Emotionen und Sozialverhalten kontrolliert.

Symptome Im Gegensatz zu einer Demenz vom Typ Alzheimer, bei der Gedächtnislücken mit der Zeit immer auffallender werden, äußert sich eine Frontotemporale Demenz zunächst vor allem in einer Veränderung der Persönlichkeit und des Verhaltens. Sie geht erst in fortgeschrittenen Stadien mit kognitiven Defiziten einher. Quelle: www.deutsche-alzheimer.de

Mina Musikunterricht Katrin Heinz-Karg, Mühlenweg 3, 91350 Gremsdorf, Tel.: 09193/5088110, info@mina-musikunterricht.de, www.mina-musikunterricht.de



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