Beim Neujahrsempfang in Herzogenaurach zeigten sich die Grünen zu Recht selbstbewusst: 30 neue Mitglieder im vergangenen Jahr und mehr als 120 Gäste, die Claudia Roth, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, hören wollten. "Es hat sich in vielen Teilen der Bevölkerung etwas verändert, weil man uns eine ehrliche und optimistische Politik zutraut. Viele Menschen haben - pardon - die Schnauze voll von Streit und Machtkämpfen!" sagte Roth und hob zu einem flammenden Plädoyer für Europa an.

"Im weltweiten Wirrwarr war Europa immer ein Ruhepol mit gemeinsamen Prinzipien und Werten. Genauso ein Europa braucht es jetzt mehr denn je!" Aber in der EU sei nicht mehr alles so wie es sein sollte, wenn zum Beispiel Viktor Orbán ein gern gesehener Gast bei der CSU und in Polen die Gewaltenteilung in Gefahr sei, Großbritannien gar aussteige. Und in Deutschland sei mit der AfD eine Partei im Deutschen Bundestag, deren Mitglieder zum Beispiel in Chats das Bild eines Stahlhelmsoldaten mit Maschinengewehr kommentieren mit "Das schnellste deutsche Asylverfahren". Roth: "Lasst uns die Verfassung schützen! Die Würde des Menschen ist unantastbar und es ist die Würde eines jeden Menschen, nicht nur des deutschen, männlichen, heterosexuellen, weißen Menschen."

Die AfD tage und spreche gar von Dexit, dem Austritt von Deutschland aus der EU. "Europa hat uns 70 Jahre Frieden gebracht. Das müssen wir bewahren." Aber auch als begeisterte Europäerin sehe sie Änderungsbedarf: 80 Prozent der Agrarsubventionen gingen an 20 Prozent der Bauernhöfe ("Agrarindustrieanlagen"), in Herzogenaurach gäbe es 1,7 Prozent Erwerbslosigkeit, in Griechenland sehe das ganz anders aus, im Mittelmeer seien 2200 Menschen ertrunken.

Probleme kennen keine Grenzen

Eindringlich forderte sie die jüngeren Gäste im Raum auf, an der Europawahl teilzunehmen: "Nur 30 Prozent der Jungen hatten über den Brexit abgestimmt, aber 90 Prozent der Älteren. Kann ganz schön schiefgehen, wenn man nicht zur Wahl geht."

Der Rückzug in Nationalstaaten ergebe keinen Sinn, denn Umweltprobleme würden nicht an den Grenzen haltmachen. "Dem Planeten droht die Unbewohnbarkeit, und wir diskutieren im Bundestag die Folgen des Verbots von Plastikbesteck für die deutsche Plastikindustrie." Das Angehen dieser Probleme erfordere eine gemeinsame, europäische Politik. China, Russland und die USA hätten ein Interesse an einem schwachen Europa. "Soziale Gerechtigkeit und Ökologie sind zwei Seiten einer Medaille - es sind die Ärmsten, die in den Wohnungen an den großen Straßen wohnen." Verkehrswende und Einsatz für den Wirtschaftsstandort Deutschland würden sich nicht ausschließen. Das Publikum spendete viel Applaus.