Höchstadt a. d. Aisch
Gottesdiensttest

Christuskirche in Höchstadt: Vertretungspfarrer ist dem Teufel auf der Spur

Die evangelische Kirchengemeinde Höchstadt steht vor großen Veränderungen, personell wie baulich. Ausbaufähig war auch die Predigt des Aushilfstheologen.
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Klein, aber fein: die Christuskirche der Evangelischen Gemeinde in Höchstadt an der Aisch Stephan Großmann
Klein, aber fein: die Christuskirche der Evangelischen Gemeinde in Höchstadt an der Aisch Stephan Großmann

Das Urteil unseres Testers:

Für einen unbedarften Neuling in der Gottesdienstwelt war diese Erfahrung leider enttäuschend. Trotz eines durchaus spannenden Tagesmottos - der Geschichte von Erzengel Michael, dem Bezwinger Satans - kommt die überlange Veranstaltung nicht über ein Referat in Kirchengeschichte hinaus. Bezüge zu aktuellen Ereignissen (derer es genügend gäbe) bleibt der Pfarrer bis auf einige zu kurz geratene Exkurse schuldig. Das Böse lauere überall, lautet die sich wiederholende Botschaft. Statt den Gottesdienst aber rückengestärkt und motiviert zu verlassen, wird der Besucher ratlos in die Gefahren der Welt entlassen. Schade.

Die kleine, gemütlich wirkende und etwas in die Jahre gekommene Christuskirche schafft ein familiäres Ambiente, in der sich der Sonntagmorgen angenehm verbringen lässt. Unterstrichen wird das von dem weichen natürlichen Licht und der dezenten Beleuchtung. Das tröstet leicht über die unbequemen Bänke hinweg. Viel ist nicht los an jenem Morgen. Die Altersstruktur ist gemischt, wobei die Jugend nur ihr Stempelheft zu füllen scheint.

Die Vertretungskraft bildet sicher nicht den Status quo ab. Zudem steht die Gemeinde gerade vor großen personellen Veränderungen, die zweite Pfarrerstelle ist derzeit nicht besetzt. Frischer Wind tut der Gottesdienst-Arbeit sicher gut.

Die Bewertung im Einzelnen:

1. Einstieg

Der Pfarrer eröffnet den Gottesdienst mit der Erinnerung, im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes zusammengekommen zu sein. Anschließend referiert er recht lange über die Bedeutung des Michaelistages am 29. September. Dass dieser Tag dem Erzengel Michael gewidmet ist und welche Bedeutung dieser Tag auch für die lutherische Kirche hat. Über Fragen bindet der Pfarrer die Besucher mit ein.

2. Musik

Die Akustik des Kirchenraumes ist sicher ausbaufähig, dennoch besticht das Orgelspiel durch klaren Klang. Einzig die Lautstärke ist für das Gesangsvolumen der Anwesenden etwas überproportioniert - von den Texten ist kaum bis gar nichts zu verstehen. Das macht es für den unbedarften Gottesdienstbesucher etwas schwer, die richtigen Seiten im Gesangsbuch aufzuschlagen. Die gerne als Gesangsstücke eingestreuten Gebete entbehrten nicht nur ob der selten getroffenen Töne den nötigen Ernst.

3. Lesungen

Es gibt zwei Lesungen. Sie werden vorgetragen von einer Dame, einer der liturgischen Lektoren. Die erste, die Epistel, stand im zwölften Kapitel der Offenbarung des Johannes und widmete sich erneut, dem Michaelistag angemessen, dem Erzengel Michael. Das Evangelium des Tages stand bei Lukas, im zehnten Kapitel. Die Besucher antworten auf diese Lesung mit dem gemeinsamen Bekenntnis ihres christlichen Glaubens.

4. Predigt

Die Predigt ist mit mehr als 25 Minuten viel zu lang. Sie steigt ein mit dem Lied "Der Mond ist aufgegangen", welches der Pfarrer als Gleichnis versteht. Man solle den sichtbaren und unsichtbaren Teil der Welt gleichermaßen wahrnehmen. Mit dieser Aufgabe und der mehrfach betonten Erkenntnis, wie schlecht die Welt teilweise ist, lässt einen der Prediger leider zurück, ohne aktuelle Bezüge klar herzustellen oder gar moralische Handlungstipps zu geben. Vielmehr gleicht die Predigt einem Vortrag evangelischer Glaubenstheorie. Das ist schade, scheint den Anwesenden aber egal zu sein. Während der Pfarrer spricht, kleben die Gläubigen andächtig an seinen Lippen.

5. Abendmahl

Es gab an diesem Tag kein Abendmahl.

6. Segen

Der Segen fällt sehr umfangreich aus. Nicht nur die Anwesenden, "unser Volk" sowie alle Dekanate sollen Gottes Segen empfangen, sondern auch die Partner-Diözese in Afrika. Was dem restlichen Gottesdienst an Politischem abging, findet in der Bitte Ausdruck, keinen auf Grund seiner Hautfarbe oder Herkunft auszugrenzen. Nach dem Vaterunser und weiteren gesungenen Gebeten schließt ein kurzes Orgelstück den Gottesdienst.

7. Ambiente

Der kleine Innenraum der Christuskirche wirkt einer evangelischen Gemeinde angemessen schlicht, aber gemütlich. Das innen mit Holz verkleidete Spitzdach zaubert ein Gefühl von Luftigkeit in einen Saal, der sonst beengt wirken könnte. Vor allem, da die Orgel sehr tief über dem Eingangsbereich hängt. Die Kirche wirkt sauber und liebevoll gepflegt, nur außen hat der Bau aus den 1960er Jahren gelitten. Dies ist dem Kirchenvorstand bewusst, in den kommenden Monaten soll Hand an Fenster, Außenanlage und Turm gelegt werden.

8. Kirchenbänke

Die Bänke sind äußerst unbequem. Sowohl die kurze Sitzfläche als auch die weit nach vorne stechende Lehne befreien nur die Rücken jener von Schmerzen, die aufrecht sitzen können oder wollen. Demut vor Gott lässt sich sicher ergonomischer herstellen.

9. Beleuchtung

Die Beleuchtung erhellt, ohne zu blenden. Durch die bodentiefen, unverzierten Bleiglasfenster auf beiden Seiten des Kirchenraumes fällt viel natürliches Licht herein. Tagsüber kein Problem. Einige Kerzen an der Altarseite und etwas künstliche Beleuchtung tauchen die Kirchenbänke aber sicher auch in den Abendstunden in einen gemütlichen Schein.

10. Sinne

Die Kirche wirkt kaum aus sich selbst heraus. Durch die Schlichtheit und die natürliche Beleuchtung helfen anfangs lediglich die Kirchenbänke, den Raum als sakralen zu erkennen. Das muss aber nicht von Nachteil sein. So bleibt dem Besucher die Möglichkeit, sich zu Beginn des Gottesdienstes auf sich selbst zu besinnen und nicht von schnödem Prunk abgelenkt zu werden.

Warum ein Gottesdiensttest?

Wir wollen mit unserem Gottesdienst-Test die Kirchen ein wenig mehr ins Blickfeld der Öffentlichkeit rücken. Unter Kirchgängern, Geistlichen und Lesern soll eine Diskussion darüber entstehen, was einen guten Gottesdienst ausmacht. Dieses in der Regel sonntägliche Treffen hat für evangelische wie katholische Christen ja bis heute eine große Bedeutung. Soll lebender Ausdruck des Christseins sein. Wir haben uns für eine Bewertung nach objektiven Kriterien theologische Hilfe geholt bei den Professoren Martin Stuflesser (Würzburg), er ist auch Berater der deutschen Bischofskonferenz, und Martin Nicol (Erlangen), der mit seinem Buch "Weg im Geheimnis" ein Plädoyer für den evangelischen Gottesdienst abgibt. Ergänzt werden objektive Kriterien um die subjektiven Eindrücke, die unsere Kollegen gewonnen haben.

Alle Berichte unserer Serie finden Sie auf unserer Übersichtsseite zum Gottesdiensttest

Dort finden Sie auch ausführliche Infos.

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