Bubenreuth
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Besonderes Handwerk: Den Bogen allmählich raus

Nicht nur beim Biegen der Holzstange über offener Flamme ist von Lauritz Aigner Fingerspitzengefühl gefragt. Der 22-Jährige ist einer von nur zwei Azubis in Franken, die zum Bogenmacher ausgebildet werden.
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Das Wichtigste ist das Auge: Der Bogen muss die richtige Biegung haben und am Ende austariert sein. Foto:  Barbara Herbst
Das Wichtigste ist das Auge: Der Bogen muss die richtige Biegung haben und am Ende austariert sein. Foto: Barbara Herbst
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Jetzt nur nicht ablenken lassen. Gleichmäßig dreht Lauritz Aigner einen Holzstab rötlicher Farbe über die Flamme des vor ihm stehenden Bunsenbrenners. Sein Ausbilder Günther Spätling wird später erzählen, dass es sich um Fernambukholz handelt. Die Bäume dazu wachsen in Brasilien. Und die Bogenmacher schwören auf dieses Tropenholz, weil kein anderes so fest und zugleich so flexibel ist, um eine Biegung unbeschadet zu überstehen und zu halten.

Heimat für Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg

Aber jetzt geht es nur um eines: Langsam erwärmen, immer wieder biegen und unbedingt vermeiden, dass das Holz plötzlich zu rauchen beginnt oder gar in Flammen aufgeht.

Aigner hat darin inzwischen schon ein wenig Übung. Der 22-Jährige aus Forchheim ist im zweiten Lehrjahr zum Bogenmacher - ein Beruf, für den Interessierte in Franken in der Regel nach Bubenreuth (Landkreis Erlangen-Höchstadt) kommen müssen. Dort gibt es nicht nur die meisten Bogenbaubetriebe der Region, auch eine Reihe von Geigenbauern führen ihr Handwerk vor Ort aus. Die sogenannte Bubenreuther Geigenbausiedlung wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zur neuen Heimat für Flüchtlingsfamilien aus dem Egerland. Diese brachten die Kunst rund um die Fertigung von Streichinstrumenten nach Franken.

Vierte Generation

So auch die Familie Dörfler. Andreas Dörfler, studierter Diplom-Bogenbaumeister, führt den Betrieb, den sein Urgroßvater einst im Egerland gegründet hatte, heute in vierter Generation zusammen mit seiner Schwester und seinem Cousin. Vater, Onkel und Mutter sind auch noch im Familienbetrieb mit seinen insgesamt 30 Beschäftigten zu finden.

"Wir bilden für den Eigenbedarf aus", sagt Dörfler. "Aber eigentlich bin ich das auch dem Beruf schuldig." Der Betrieb, in dem Azubi Aigner gerade lernt, zieht sich seinen Nachwuchs regelmäßig selbst heran. "Eigentlich wurden alle, die hier arbeiten, auch hier ausgebildet." Bogenmachermeister Günther Spätling ist ein Musterbeispiel. Vor 40 Jahren hatte er bei Dörfler seine Lehre begonnen. Der Weg in den Beruf war für ihn kurz. Schon der Vater hatte hier gearbeitet.

"Wir schauen auf die Werkzeugführung"

Für Lauritz Aigner dagegen war der Weg in den Bogenbau eher zufällig. Nach der Mittleren Reife hatte er nach einem handwerklichen Ausbildungsberuf gesucht und sich bei der Handwerkskammer informiert, was es in der Gegend für Angebote gibt. Er stieß auf die Ausschreibung zum Bogenmacher. "Als Kind habe ich vier Jahre lang Geige gelernt. Ich wusste also, um was es geht", erzählt er.

Nach Praktikum und Probearbeit war der Weg für ihn frei in die Bogenmacher-Lehre. "Es ist nicht nötig, ein Streichinstrument zu spielen. Wir schauen auf die Werkzeugführung", nennt Chef Andreas Dörfler ein Auswahlkriterium. "Den Rest lernt man."

Am Tag werden bei Dörfler rund 40 bis 50 Bögen fertig, je nach Materialauswahl und Fertigung kosten diese dann zwischen 130 und 5000 Euro. Die Größe ist variabel. Dörfler fertigt Bögen für die kleinste Violine bis zum Kontrabass. Sie gehen hauptsächlich an Händler in Europa, aber auch in fernen Ländern streichen Musiker sie über die Saiten ihrer Instrumente. Das Staatsorchester Peking zum Beispiel hat alle Kontrabassisten damit ausgestattet.

Gerade Stange aus Brasilien

Wer Bogenmacher werden will, braucht vor allem Konzentration und gute Augen. Ausbilder Spätling ordnet den Beruf zwischen Schreiner und Kunsthandwerker ein. Es geht um Hundertstel Millimeter, damit der Bogen am Ende austariert in der Hand liegt. Das Rohmaterial ist eine schon gesägte gerade Stange aus Fernambukholz, die aus Brasilien geliefert wird. Die gilt es, ohne Brechen zu biegen und so zu bearbeiten, dass anschließend Pferdeschweifhaare aufgezogen werden können. Der Bogenmacher verwendet dazu die Schweifhaare von Hengsten aus der mongolischen Steppe. "Nicht von der Stute, weil die hinten raus uriniert und dadurch die Qualität der Haare leidet", erklärt Andreas Dörfler. "Fünf bis sieben Prozent solcher Haare verwenden Bogenmacher weltweit. Der Rest geht in Perücken und teure Mäntel."

Azubi Lauritz Aigner ist mit seiner Berufswahl sehr zufrieden: "Es war eine wahnsinnig gute Entscheidung. Und vor allem sieht man am Ende des Tages, was man gemacht hat."

Frankens Bogenmacher

Azubis insgesamt 2 Betriebe 2 in Oberfranken, keiner in Unterfranken, 10 in Mittelfranken Berufsschulort Mittenwald (Oberbayern)

Gehalt Je nach Betrieb sehr unterschiedlich, im dritten Lehrjahr rund 675 Euro.

Nächste Folge In der nächsten Folge unserer Serie über außergewöhnliche Ausbildungsberufe im Handwerk besuchen wir einen Büttner in Eußenheim (Landkreis Main-Spessart).

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