Herzogenaurach
Flüchtlinge

Asyl: Welle der Hilfsbereitschaft in Herzogenaurach

Die Ankunft von 150 Flüchtlingen in Herzogenaurach findet großes Interesse unter der Bevölkerung. Bei einer Informationsversammlung in der Erstaufnahme-Unterkunft wurde kein ablehnendes Wort geäußert. Viele Bürger möchten unterstützen.
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Die Infoversammlung zum Thema Asyl in Herzogenaurach fand großes Interesse.  Fotos: Richard Sänger, Andreas Brandl und Bernhard Panzer
Die Infoversammlung zum Thema Asyl in Herzogenaurach fand großes Interesse. Fotos: Richard Sänger, Andreas Brandl und Bernhard Panzer
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Am Abend vor der Ankunft der ersten von etwa 150 Asylbewerbern herrschte gespannte Zuversicht. Etwa 250 Bürger waren der Einladung zur Informationsversammlung gefolgt, die ehemalige Bauhalle in der Berufsschule platzte aus allen Nähten. Dort werden die Flüchtlinge ihren Aufenthaltsraum haben, der Schlafsaal wurde in der Sporthalle eingerichtet.

Landrat Alexander Tritthart (CSU) und die an der Betreuung beteiligten Personen klärten die Herzogenauracher über das auf, was in den kommenden Monaten zu erwarten ist. Aus den Reihen der Besucher gab es nicht nur Fragen zum Thema, auch eine große Hilfsbereitschaft wurde laut. So nutzten viele die Gelegenheit, sich in die Helferlisten einzutragen. Das weltoffene Herzogenaurach will seine neuen Mitbürger auf Zeit gastfreundlich empfangen.

Auf die "unglaubliche Hilfsbereitschaft" in der Bevölkerung hatte zuvor Bürgermeister German Hacker (SPD) aufmerksam gemacht. Der Aufruf zur Kleiderspende fand eine derartige Resonanz, dass man jetzt tausend Menschen damit versorgen könnte, sagte er. In Containern auf dem Schulgelände wird eine Kleiderkammer untergebracht, ebenso stehen Waschmaschinen bereit. Man möchte den Gästen ein möglichst normales Leben anbieten können.

In nur zwei Wochen musste diese Notaufnahme aus dem Boden gestampft werden, erklärte Landrat Alexander Tritthart. Die noch nicht sanierte Bauhalle diente bislang als Lager, das erst leer geräumt werden musste. Sein Dank galt den vielen Helfern und den Betreuern des ASB. Sie alle hätten "das Bestmögliche gemacht in der Kürze der Zeit". Tritthart hoffte, dass sich die Bevölkerung solidarisch zeige und die Notsituation der Menschen erkennen werde.

Zuversichtlich zeigte sich da der Bürgermeister. Die Stimmung in Herzogenaurach sei gut. Das zeige sich seit einem Jahr, als die ersten von zurzeit 25 Flüchtlingen eingetroffen sind. Die Stadt habe 3000 ausländische Mitbürger. Wo sei das Problem, wenn jetzt ein paar dazu kommen, fragte Hacker und stellte fest: "Unsere Stadt ist weltoffen!"

Diese Hilfsbereitschaft konnte Konrad Eitel vom Helferkreis bestätigen. Er zeigte sich überrascht, welch große Resonanz die Aufrufe gefunden haben. "Viele sind einfach gekommen und haben mit angepackt". Für Eitel ist es aber auch wichtig, sich nicht wegzuducken. Weltweit seien 50 Millionen Menschen auf der Flucht, da könne man nicht wegschauen. An die Bürger appellierte Eitel, passend zum Fall der Berliner Mauer vor 25 Jahren: "Bauen Sie bei uns keine neuen Mauern auf".

Hierfür erntete Eitel ebenso den Beifall der Besucher wie nach ihm Polizeichef Norbert Hacker für seine deutliche Stellungnahme. Er verdeutlichte, dass seine Kollegen anderswo bisher wenig polizeilich relevante Zwischenfälle registrieren mussten. Sogar in Erlangen und Fürth, wo bis zu 500 Menschen untergebracht werden müssen, gab es laut Hacker "keine Steigerungen beim Ladendiebstahl oder Vandalismus". Deshalb sehe die Herzogenauracher Inspektion den nächsten Wochen auch relativ gelassen entgegen. Deutlich verurteilte er gewisse Parolen. "Natürlich gibt es Leute, die hetzen", sagte er. Das seien "feige Auftritte aus der rechten Ecke."

Neu für den Landkreis

Was nun genau auf die Bürger, aber auch die Betreuer zukomme, wisse man nicht, sagte Landrat Tritthart. "Das ist was völlig neues für uns. Das hat's im Landkreis noch nie gegeben. Wir müssen das erstmal lernen".

Man kenne auch die Herkunft und Zusammensetzung der Gruppen nicht. ASB-Geschäftsführer Jens Kasberger rechnet mit vielen Flüchtlingen aus Syrien. Aber auch aus der Ukraine könnten Neuankömmlinge stammen. Hierfür habe man Dolmetscher für arabisch und russisch. Außerdem besagen die Erfahrungen, dass die Syrer ein sehr gutes Englisch sprechen. Dort habe man eine Hochkultur, sagte er.

Ganz unproblematisch sieht ASB-Chef Jens Kasberger die Aufgabe aber nicht. So könnte ja auch eine Gruppe allein stehender junger Männer aus Syrien darunter sein. Da wäre dann Sozialarbeit nötig.

Auch ASB-Mitarbeiterin Martina Reuel-Grimm ist gespannt. Es liegt ein arbeitsreiches Wochenende hinter den Betreuern. Neben dem Besorgen und Montieren der Betten für die Turnhalle, mit einem Lastwagen voller Verpackungsmüll, hat man auch die Nebenräume eingerichtet, wie zum Beispiel ein Spielzimmer. Die Neuankömmlinge werden zunächst mit Hygiene-Päckchen versorgt.

"Viele Kleinigkeiten wissen wir noch nicht", sagte die Helferin. Dass Moslems kein Schweinefleisch essen dürfen, das wisse man. Man dürfte den Kindern dann aber auch keine Gummibärchen geben, weil da Gelatine drin ist. Und für die Getränke müsse man Unmengen an Zucker bereit halten. In Erlangen habe man das in den vergangenen Wochen alles erst lernen müssen, sagte sie. Und: "Man wächst mit jeder noch so kleinen Aufgabe". Dazu zählt auch, dass man den Frauen im kalten deutschen Winter näher bringen müsse, geschlossene Schuhe anzuziehen. Denn sie würden viel lieber Schlappen tragen.

Für die Sicherheit der Bewohner ist ein Erlanger Securitydienst zuständig. Sieben bis zehn Kräfte wolle man in Herzogenaurach einsetzen, sagte Benjamin Fricke. Alle Mitarbeiter seien definitiv qualifiziert und bekämen Schulungen. Ausländer im Team würden für die sprachliche Verständigung sorgen.

Die sprachlichen Barrieren beseitigen möchte auch gern Georgios Halkias. Der Grünen-Politiker und Dritte Bürgermeister der Stadt ist Grieche und spricht mehrere Sprachen. "Ich möchte die Menschen einfach gern begrüßen und sie aufheitern. Damit sie sich gleich etwas wohler fühlen", sagte er. Er steht damit nicht alleine da. Viele kündigten ihre Hilfe an.


Die Weltoffenheit jetzt beweisen

Konrad Eitel ermunterte die Bürger bei der Informationsversammlung, zu einem Treffen des Helferkreises zu kommen. Man treffe sich donnerstags um 18 Uhr in der Langenzenner Straße 3. Nicht wenige haben sich anschließend in die Listen eingetragen.

Unter ihnen auch Inga Winkelmann. Sie stammt aus der Ukraine und lebt seit drei Monaten in Herzogenaurach, wo sie geheiratet hat. Vor allem für Flüchtlinge aus ihrem Heimatland könnte sie eine Hilfe sein, sagte sie. Und die junge Frau hat noch einen Vorteil: "Sie kann ja Tipps geben, sie kennt das Ganze ja schon", sagte ihre Begleiterin Michela Eichler.

Erfahrung mit der Betreuung von Asylbewerbern haben Birgit Schaufler und Johann Striegl. Beide sind ein Jahr schon im Helferkreis aktiv. Striegl betreut in Niederndorf drei Familien, die sich inzwischen integriert hätten und sich auch einbringen, beispielsweise beim Schneiden der Sträucher. Kürzlich seien sogar vier Kinder getauft worden. Striegl glaubt, dass Herzogenaurach weltoffen genug sei, auch die anstehende große Aufgabe zu meistern. Birgit Schaufler pflichtet ihm bei. "Wir kriegen das hin", sagt sie und ergänzt: "Jetzt können wir beweisen, wie weltoffen wir sind. Und nicht nur darüber reden".

Absolut positiv betrachtete ein anderer Besucher diese Versammlung, in der kein ablehnendes Wort gefallen ist. Klaus Ruppelt begrüßte es, wie die Stadt und der Landkreis mit der Aufgabe umgehen, wie schnell man reagiert habe. "Man muss einfach was tun", sagte er. Man könne da ja auf den erzielten positiven Erfahrungen aufbauen.
Helfen können die Bürger auch bei Kleinigkeiten. Viel Beifall gab es für die 16-jährige Gymnasiastin Laura Löhlein. Sie bot sich an, gemeinsam mit ihrer Pfadfindergruppe aus Veitsbronn für die Flüchtlingskinder einen Spielenachmittag zu organisieren. "Das ist keine große Sache", sagte die Schülerin. "Aber die werden sich freuen. Und ein paar Stunden ihre Sorgen vergessen".
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