Adelsdorf
Flüchtlinge

Asyl in Adelsdorf: Vom alten Leben in Syrien bleibt nicht viel

Seit zwei Wochen lebt Familie Mahmoud in einer kleinen Wohnung in Adelsdorf. Auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat Syrien haben sie viel durchgemacht - auf einem überfüllten Boot fürchteten sie um ihr Leben.
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Neu in Adelsdorf: Mohamed Mahmoud (rechts) und Maha El Mostafa (zweite von rechts) mit ihren Kindern Nour, Omar und Ahmad.  Foto: Miriam Hegner
Neu in Adelsdorf: Mohamed Mahmoud (rechts) und Maha El Mostafa (zweite von rechts) mit ihren Kindern Nour, Omar und Ahmad. Foto: Miriam Hegner
Hell und groß wirkt das Wohnzimmer, die zusammengewürfelten Möbel füllen es nicht ganz aus. Fünf verschiedene Stühle stehen um den Esstisch, unter dem Fenster stehen ein wuchtiger Sessel und ein Gartenstuhl, über das Sofa ist sorgsam eine Decke gebreitet. Die Wände sind weiß und kahl. Seit zwei Wochen wohnen Maha El Mostafa und Mohamed Mahmoud mit ihren Kindern Omar, Ahmad und Nour hier in Adelsdorf, haben zum ersten Mal seit Jahren eine Wohnung für sich, zwei Zimmer, ein eigenes Bad, eine eigene Küche. "Wir sind sehr froh und dankbar", sagt Maha El Mostafa.

Der Tee, den sie serviert, ist heiß und süß - arabischer Tee, so wie man ihn in Syrien trinkt. In Syrien, wo sie mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in der Nähe der Hauptstadt Damaskus gewohnt hat, wo sie als Lehrerin an einer Schule Englisch unterrichtet hat, wo sie zuhause war. Das ist lange her.
Von ihrem alten Leben ist kaum etwas übrig. Ob das Haus, in dem sie gewohnt haben, noch steht? "Das wissen wir nicht", sagt Maha El Mostafa. "Wir glauben aber nicht."

Mitgenommen haben sie nichts, als sie vor Krieg und Bomben flohen. "Nur das, was wir anhatten", sagt Mohamed Mahmoud, ihr Mann, und zupft zur Erklärung am Kragen seiner Strickjacke. Damals dachten sie noch, sie würden bald wiederkommen. "Wir hätten nie gedacht, dass wir einmal nach Deutschland kommen würden", sagt El Mostafa.

Zwei Jahre ist es nun her, dass sie ihre Heimat verlassen haben. In Ägypten wollten sie abwarten, bis die Lage in Syrien sich wieder beruhigt hätte. Doch sie warteten eineinhalb Jahre, und nichts änderte sich. "Und das Leben in Ägypten war nicht gut", erklärt Ali Naji. Er stammt aus dem Libanon, lebt seit vielen Jahren in Deutschland und ist zum Übersetzen vorbei gekommen. "In arabischen Ländern gibt es kein Asyl wie in Deutschland, niemand kümmert sich, niemand hilft." Nicht mal die Schule konnten die Kinder dort besuchen. "Deshalb stand die Familie vor der Entscheidung: Zurück nach Syrien oder weiter nach Europa."

Sie entschieden sich für die Überfahrt nach Italien. 2000 Dollar mussten sie dafür bezahlen - pro Person. Die "Fähre", die sie gebucht hatten, entpuppte sich als kleiner Kutter, mit 279 Menschen an Bord völlig überladen. "Es gab kein Essen, keine Toiletten, fünf Tage lang", erzählt Maha El Mostafa. Für die ersten zwei, drei Tage reichten die Vorräte, die sie dabei hatten. "Dann hatten wir aber nichts mehr, auch kein Wasser." Nach fünf Tagen wurden sie von der italienischen Marine aufgegriffen. "Ich möchte so etwas nie mehr erleben", sagt sie.

"Ich dachte wir schaffen es nicht"

Der letzte Tag sei besonders schlimm gewesen. Die Wellen hoch, das Boot voller Wasser. "Ich habe meine Tochter in den Armen gehalten und gedacht, wir schaffen es nicht." Ihre Stimme zittert, als sie davon erzählt, sie wischt ihre Augen mit den Fingern trocken, versucht ein Lächeln. Man merkt, sie will sich nicht beklagen. "We were lucky", sagt sie auf Englisch, wir hatten Glück. "Ja", sagt ihr Mann, "ich dachte nur: Deine Familie und du, ihr lebt noch, ihr hattet wirklich Glück." Eine Verwandte ist bei der Überfahrt auf einem anderen Boot gestorben, erzählen sie.

Von Italien aus fuhren sie mit dem Auto nach Deutschland. In Erlangen wurden sie von der Polizei kontrolliert, ins Erstaufnahmelager nach Zirndorf gebracht. Dann verbrachten sie zwei Monate in Lauf in einem Asylbewerberheim, danach sechs Wochen in Gremsdorf, wo sie in einer Pension untergebracht waren. Vor zwei Wochen konnten sie in die Wohnung im Gewerbegebiet von Adelsdorf umziehen.

Zu fünft teilen sie sich hier ein Wohn- und ein Schlafzimmer, die Eltern, die beiden 17- und 18-jährigen Söhne und die zehnjährige Tochter. "Wir sind sehr glücklich, hier zu sein", sagt Maha El Mostafa. Hier, in ihrer eigenen Wohnung, hier in Deutschland, in Sicherheit, ohne Bomben und Gewehrschüsse "Unsere Jungs können rausgehen, zum Beispiel nach Erlangen fahren, und ich weiß, dass sie zurückkommen werden", sagt Maha El Mostafa.

Auch zur Schule sollen die Kinder hier gehen. "Nour will unbedingt in die Schule", erklärt Ali Naji. "Zuhause ist ihr langweilig, und sie will Freundinnen finden." Auch die Söhne wollen Deutsch lernen. "Es wäre schön, wenn sie hier studieren könnten", sagt El Mostafa.

Vielleicht zurück in die Heimat

Ob sie dauerhaft in Deutschland bleiben können, wissen sie nicht. Im Moment haben sie eine Aufenthaltsgestattung für sechs Monate. Danach wird neu entschieden. "Viele Syrer, die hier sind, bekommen danach eine Genehmigung, drei Jahre zu bleiben", erklärt Naji. Ob sie überhaupt zurück nach Syrien wollen? "Vielleicht", sagt Mohamed Mahmoud.

Er und seine Frau könnten sich vorstellen, zurück zu gehen, irgendwann, wenn ihr Land wieder Frieden gefunden hat. "Aber es wäre schön, wenn die Kinder hier bleiben könnten." Die Kinder könnten sie ja dann in Syrien besuchen, irgendwann. Aber all das liegt noch in weiter Ferne.

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