"Die Leute sind glücklich", sagt Irina Tartakovskaya. Die pädagogische Leiterin der Arbeitstherapie bei der WAB (Wohnen, Arbeiten, Befähigen) Kosbach ist ebenso begeistert wie Stefanie Kretschmann, die Inklusionsbeauftragte der Gemeinde Adelsdorf. Grund dafür ist ein Inklusionsprojekt, dessen Erfolg alle überrascht hat.
Es ist eine Win-Win-Situation: für den Adelsdorfer Schreinermeister Georg Nagengast ebenso wie für die WAB Kosbach. Nagengast, 60 Jahre alt, fand weder einen Nachfolger noch Fachkräfte für seinen Betrieb. Mit Jürgen Ganzmann, dem WAB-Geschäftsführer, entwickelte er die Idee, den Arbeitsmarkt mit dem sozialen Auftrag zu verknüpfen. Daraus wurde ein Pilotprojekt, das in einer Gemeinde wie Adelsdorf auf fruchtbaren Boden fiel. Seit Juli vergangenen Jahres hat die WAB die Schreinerei gemietet und daraus eine Arbeitsstätte für Menschen mit Beeinträchtigungen gemacht. Ein ganz wichtiger Aspekt für den WAB-Geschäftsführer ist dabei der Fachkräftemangel, der sich nicht nur im Schreinerberuf, sondern in vielen anderen Zweigen bemerkbar macht.


Fähigkeiten werden getestet

An der Schreinerei, so wie sie war, habe sich nichts geändert, sagt Nagengast. Obwohl der Schreinermeister immer noch "der Chef" ist, gehört er jetzt als Mitarbeiter zur WAB. Neu ist allerdings, dass im vergangenen November das Recycling von Europaletten integriert wurde. "Das passt gut zur Schreinerei, und bei der Arbeit kommt es nicht auf den Millimeter an", betont Ganzmann. Dabei könne man auch die Fähigkeiten der Mitarbeiter testen. "Selbst wenn sie Hoffnungslosigkeit in sich tragen, haben Menschen noch viele Fähigkeiten."
Immer geht es um Menschen, die vom Schicksal nicht verwöhnt wurden. Psychisch oder körperlich Kranke, Menschen mit Handicap, Lernschwierigkeiten, jugendliche unbegleitete Flüchtlinge, Langzeitarbeitslose oder ältere Arbeitssuchende, die auf dem freien Markt keine Chance mehr bekommen. In der Schreinerei durchlaufen sie in der Regel ein Praktikum, um festzustellen, ob eine Ausbildung oder die Vermittlung an einen anderen Betrieb möglich ist. "Wir passen den Rahmen dem Menschen an", sagt Irina Tartakovskaya. Das heißt, sie schaut, dass die der WAB anvertrauten Menschen nicht überfordert sind.
Für den Praktiker Georg Nagengast bedeutet das, dass eine Lehrzeit auch einmal vier statt drei Jahre dauern darf. "Wer keine Arbeit hat, dem wird die Würde genommen", sagt Ganzmann. "Es ist besser, Arbeit zu unterstützen, als Arbeitslosigkeit und Armut zu finanzieren!" Die WAB hat sich aber auch Umweltverantwortung auf die Fahne geschrieben. "Wir führen die Paletten in den Kreislauf zurück." Der Erfolg hat die Inklusionsschreinerei praktisch überrannt. Viele Firmen aus dem Landkreis haben bereits Interesse am Paletten-Recycling.
"Wir werden erweitern müssen", stellt Ganzmann fest. Auch ein großes Unternehmen auf dem Bausektor hat die Schreinerei schon in ihrem Kundenkreis. "Die kriegen keine Leute mehr, um ihre Aufträge zu erfüllen." Die WAB fertigt für das Unternehmen Schalungen nach Maß. Auch Arbeiten für Baudenkmäler - derzeit die Sanierung der Fenster des Adelsdorfer Schlosses - führt die Schreinerei aus.
"Adelsdorf verdient eigentlich den Namen Inklusionsgemeinde", sagt Bürgermeister Karsten Fischkal (FW). Acht Menschen mit Handicap beschäftigt die Gemeinde in Bauhof, Kindergarten oder Verwaltung. Die Gemeinde sei dafür bereits von der Staatsministerin für Arbeit und Soziales, Emilia Müller (CSU), ausgezeichnet worden. "Was in Adelsdorf passiert, macht mich richtig glücklich", sagt die Inklusionsbeauftragte Stefanie Kretschmann. Es sei schon etwas Besonderes, im Kindergarten Menschen mit Beeinträchtigungen zu beschäftigen.


Der erste Ausbildungsvertrag

Im September wird ein erster Lehrling seinen Vertrag unterschreiben. Markus ist 28 Jahre alt und verheiratet, ohne Berufsausbildung, aber sehr talentiert und mit viel Freude am Beruf. Und Schreinermeister Nagengast hat schon wieder eine neue Idee: Er möchte Wohnungen und Häuser für ältere Menschen barrierefrei machen. Die komplette Organisation könnte von der Schreinerei übernommen und zusammen mit anderen Handwerkern ausgeführt werden. Doch dafür fehlen bislang noch die Kapazitäten. Und irgendwann will der Sechzigjährige auch mal an den Ruhestand denken. Möglichst bald will er sich daher einen jungen Schreinermeister ins Boot holen, der nach ihm das Ganze übernimmt.