Herzogenaurach
Geschichte

Ältestes Herzogenauracher Gebäude ist älter als gedacht

Steinweg 5 ist das älteste Haus in Herzogenaurach. Es stammt aus dem 15. Jahrhundert. Mittlerweile ist die Stadt froh, das Gebäude nicht der Abrissbirne preisgegeben zu haben.
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Das Anwesen im Steinweg 5 heute  Foto: bp
Das Anwesen im Steinweg 5 heute Foto: bp
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Wer für das Bild der Stadt etwas übrig hat, wird mit Freude gelesen haben, dass das Seelhaus am Kirchenplatz endlich saniert werden soll. Jahrelang hat es die Stadt angeboten wie Sauerbier, aber solvente Käufer sind bisher ausgeblieben. Kein Wunder, denn an dem schmucken Haus mit seinen imposanten Balkenkonstruktionen und dem leicht vorkragenden Obergeschoss nagt der Zahn der Zeit. Die Bausubstanz ist mehr als marode, und die Restaurierung ist für einen Privatmann finanziell kaum zu tragen.

40 Jahre älter als das Seelhaus

Das markante Gebäude am Kirchenplatz gehört zweifellos zu den ältesten Häusern der Stadt, und die Jahreszahl 1488 auf der bronzenen Tafel an der Front des Gebäudes zeigt dies auch an.
Doch genau 40 Jahre älter als das Seelhaus ist das Haus Steinweg 5, das der Heimatverein Mitte April 1988 von der Stadt übernommen hat.Woher kommt diese Erkenntnis?

Nun, als der Heimatverein das Gebäude vor über 30 Jahren bezogen hat, ging man jahrelang vom Jahr 1492 als Baubeginn aus. Diese Jahreszahl war auch leicht zu merken, war es doch 1492, als Christoph Columbus in der Neuen Welt vor Anker ging. Als dann Anfang der 90er-Jahre der damalige Leiter des mittelfränkischen Freilandmuseums Bad Windsheim, Professor Konrad Bedal, zu einem Vortrag und zum anschließenden Besuch des Häuschens an der Aurach weilte, meldete er Bedenken bezüglich dieser Jahreszahl an.

Altersbestimmung der Balken

Auf sein Anraten ließ der Vorstand des Heimatvereins einen Dendrochronologen zur Altersbestimmung der Balken nach Herzogenaurach kommen. Der Dendrochronologe (zu deutsch: Wissenschaftler, der aufgrund der Jahresringe das Alter von Holz bestimmen kann) Hans Tisje aus dem hessischen Neu-Isenburg kam und bohrte, nicht nur am Steinweg-Haus, sondern auch am Seelhaus und in der Reytherstraße. Und sein Ergebnis war überraschend: Die zigarillogroßen Bohrproben ergaben, an mehreren Balken entnommen, als Fälldatum eindeutig die Jahre 1447/48 für den Steinweg 5.

Nach Aussagen des Wissenschaftlers hat man im Mittelalter das frisch geschlagene Holz in der Regel noch im selben Jahr verarbeitet, nachdem der Baum gefällt worden war. Und somit kann der Heimatverein stolz darauf sein, das wohl älteste einst bewohnte Bürgerhaus verwalten und nutzen zu dürfen. Der Vollständigkeit halber sei jedoch erwähnt, dass man bei Umbauarbeiten des Schlosses in den 80er-Jahren bei einer Altersbestimmung einen dicken Holzbalken auf die Mitte des 12. Jahrhunderts datiert hat. Hierbei handelte es sich jedoch nicht um ein bürgerliches Wohngebäude, sondern um den Amtssitz (Burg?) des bischöflichen Amtmanns.

Für 687 000 DM restauriert

Der Steinweg wird als gepflasterter Weg bereits 1419 erwähnt; das Gebäude Nr. 5 liegt hinter dem ehemaligen Mittleren Tor (bei der Bäckerei Römmelt). In einem Katasterplan von 1826 trägt es die Nummer 160. Die Einführung von Straßennamen durch den Magistrat wurde 1879 beschlossen. Die Firma Desch ler aus Augsburg lieferte damals 43 "Straßenbennungstafeln" für 144,55 Mark.

1984 erwarb die Stadt das Anwesen. Die Diskussion, ob das alte Gebäude erhaltenswert sei oder zum Abbruch freigegeben werden soll, führte zu langen Diskussionen im Stadtrat. Bürgermeister Hans Ort (CSU) und sein Fraktionssprecher Wolfgang Falck setzten sich vehement für den Bestand des Hauses ein, und schließlich stimmte auch der Stadtrat in seiner Gesamtheit zu. Der Nürnberger Restaurator Peter Wolf erstellte eine 40 Seiten starke Befunduntersuchung und machte Vorschläge zur Restaurierung. Nachdem der Versuch, das alte Haus durch Mitarbeiter der Stadt und des Bauhofs zu restaurieren, fehlgeschlagen war, wurden die Arbeiten an eine Fachfirma übertragen. Fast drei Jahre dauerte es, bis die Arbeiten abgeschlossen waren, und teilweise regte sich in der Bevölkerung damals Unmut, dass man "das alte Gelumpe" doch lieber hätte abreißen sollen.
Heute kann die Stadt stolz sein auf ihr "ältestes Bürgerhaus" im Stadtgebiet. Und fairerweise muss man auch erwähnen, dass von den 687 000 DM Restaurierungskosten zwei Drittel aus Zuschüssen flossen.

Der damalige Kreisheimatpfleger Richard Tille setzte sich mit Nachdruck dafür ein, dass der Heimatverein das Anwesen zur Nutzung übernehmen solle. Schließlich konnte der Vorstand des Vereins von dieser Idee überzeugt werden. Man ging daran, das Haus einzurichten und so zu gestalten, wie es sich heute dem Besucher präsentiert. Es dient für Ausstellungen und Gesprächsabende und Vorstandssitzungen des Heimatvereins. Führungen im Anschluss an Stadtrundgänge und nicht zuletzt die beliebten "Stadt-Ver führungen" finden hier in gemütlicher Atmosphäre statt.

Die Unterlagen im Stadtarchiv bezüglich der Besitzer sind recht spärlich. Heimatforscher Luitpold Maier hat vor Jahren Folgendes herausgefunden: Georg Benisch, Schuhmacher, besitzt im Jahr 1731 "ein Haus auf dem Steinweg zwischen dem Haus von Hans Jakob Fischer (Fischer Moden) und Hans Plohner dem Älteren". Im selben Zusammenhang treten auch die Namen Maria Marg. Förderin und 1796 Jörg Bitter als Besitzer auf.

1849 ist der Besitzer ein gewisser Nikolaus Wild, der unter anderem einen Acker am Weihers bachweg und einen Acker beim Siechhaus und der Eichelmühle besitzt (gegenüber dem heutigen Liebfrauenhaus). 1857 hat ein Johann Kremer das Holzrecht auf diesem Anwesen und ist somit wohl der Besitzer. Was die weiteren Besitzer des Hauses Steinweg 5 betrifft, so sind wir auf mündliche Überlieferungen angewiesen. Ältere Herzogenauracher erinnern sich, dass der Flurer Roppelt hier gewohnt hat.

Kaufvertrag aus dem Jahr 1921

Vom 28. September 1921 existiert schließlich ein Kaufvertrag, in dem der Notar Dr. Weise beurkundet, dass der frühere Bader und Musikant und jetzige Schuhfabrikant Georg Hetzler und dessen Ehefrau Maria Margaretha (geb. Bauer) das Haus an die Eheleute Leonhard und Anna Farnlucher (Fabrikarbeiters eheleute) sowie zur gleichen Hälfte an Martin und Margaretha Griener (ebenfalls Fabrikarbeiterseheleute) für 40 000 Mark verkauft hat. Der Kauf umfasste "das Haus Nr. 160/Plan 169 mit Gebäude, Wohnhaus mit abgesondertem Schweinestall, dann Hofraum zu 0,0140 ha, das Recht zum Bierbrauen und Branntweinbrennen in dem Kommunbrauhause und dem gewöhnlichen Bier- und Branntweinschenkrechte" sowie einem "Ganzem Anteil an der Korporationswaldung Burg, Dohn und Birkenbühl".

Einen Teil der Kaufsumme finanzierte damals ein in die USA ausgewanderter Onkel der Familie Farnlucher. Anstelle des Schweinestalls wurde darauf ein Anbau für eine Transmission errichtet, und es wurden Schuhe für die Schuhfabrik Hetzler und Mahr gefertigt. Dieser Anbau wurde 1929/30 abgerissen, und das Haus selbst diente nur noch als Wohnhaus. Mutter Farnlucher steppte hier in Heimarbeit Schuhe, um den armseligen Lohn ihres Mannes in diesen Hungerjahren etwas aufzubessern. Vater Farnlucher arbeitete zunächst als Bäcker und später als Arbeiter in einer Schuhfabrik.

Zehn Personen, Vater, Mutter, Großvater und sieben Kinder, lebten hier auf engstem Raum. Während das Erdgeschoss als Küche, Arbeitsraum und Wohnraum genutzt wurde, befanden sich im Obergeschoss vier "Schlafstuben".

Schuppen für Stallhasen

Hinter dem Haus war das "Häusla" mit dem Herzen in der Tür, ein kleiner Garten für Gemüse und ein Schuppen für einige Stallhasen.

Nach dem Krieg haben die Farnlucher das Haus dann nicht mehr bewohnt. Kunigunde Wellein (geb. Farnlucher) scheute davor, neben dem bestehenden Milchgeschäft der Familie Islinger ein weiteres Geschäft gleicher Branche zu eröffnen, und zog in die Erlanger Straße. Die Familie Grosse erwarb das Anwesen und betrieb hier eine Nähmaschinenhandlung sowie kurze Zeit eine Fahrradreparaturwerkstatt. Später wurde eine Wäscherei (Amon) betrieben. Und dass nach dem Krieg hier zwei Flüchtlingsfamilien untergebracht waren, darf nicht unerwähnt bleiben.
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