Adelsdorf
Experiment

Adelsdorf: die Rückkehr der Kreativität

Die Kinder der Kita Sancta Maria in Adelsdorf haben acht Wochen ohne Spielzeug verbracht - und es kaum vermisst.
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Die Lego- und die Klicksteine wollten die Kinder als erstes zurück haben.    Foto: Larissa Händel
Die Lego- und die Klicksteine wollten die Kinder als erstes zurück haben. Foto: Larissa Händel
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Die Lego- und die Klickbausteine waren die ersten, die wieder zurück in den Gruppenraum durften. Acht Wochen haben die Kleinen des Kindergartens Sancta Maria in Adelsdorf ohne Spielzeug verbracht, danach lautete das Motto: Es kommt nur zurück, was wirklich vermisst wird.

Jeden Tag durften sich die Mädchen und Jungen in einer Kinderkonferenz entscheiden, welche Spielzeuge sie zurückhaben möchten. Allzu groß fiel die Wiedersehensfreude über die zurückgewonnenen Spielzeuge allerdings gar nicht aus, im Gegenteil: "Fast alle Kinder hätten sich gewünscht, dass die spielzeugfreie Zeit noch länger dauert", erzählt Erzieherin Klaudia Meier-Gügel. Beim morgendlichen Stuhlkreis kamen die Mädchen und Jungen auch nicht selbst auf die Idee, das Spielzeug anzusprechen - erst die Erzieherinnen mussten daran erinnern, dass die Einräumphase mittlerweile begonnen hat.

Das Fazit der Kinder ist durchweg positiv. Natürlich ist es zunächst eine Umstellung, wenn plötzlich alles, mit dem man sich bisher die Zeit vertrieben hat, weg ist. Aber nach ungefähr zwei Wochen Findungsphase sprudelten die Ideen nur so aus den Mädchen und Jungen heraus. Die Eltern hatten fleißig "wertloses" Material angesammelt, darunter Korken, Küchenpapierrollen, Behälter, Stoffe, Kartons und Verpackungsmaterial. Daraus entstanden Schiffe, Maschinen, Roboter, Bälle und Ketten, um nur einige Beispiele zu nennen. Mit Kleber, Stiften und Papier wurden die Materialien bearbeitet und am Ende waren die Kinder mächtig stolz auf ihre selbstgebastelten Objekte.

Eigene Ideen entwickelt

Indem sie ihr Spielzeug aus diesem "wertlosen" Material selbst herstellten, lernten die Kinder nebenbei auch eine ganz neue Auseinandersetzung damit. Sie mussten sich überlegen: Was möchte ich machen, welches und wie viel Material verwende ich dafür und wo bekomme ich es her? Bei vorgefertigten Spielzeugen sind Zweck und Funktion häufig vorgegeben, an die Herstellung müssen die Kinder erst gar keinen Gedanken verschwenden - da bleibt kaum Raum für Kreativität. "Es ist schön zu sehen, wie die Kinder anfangen, eigene Ideen zu entwickeln und umzusetzen", freut sich Erzieherin Meier-Gügel.

Ein besseres Miteinander

Ein weiterer Punkt ist, dass Spielzeug Altersgruppen trennt. Was für einen Dreijährigen interessant ist, findet ein Vorschulkind eher weniger spannend. Durch die spielzeugfreie Zeit ist ein Miteinander entstanden, das die Altersgruppen wieder zusammenbringt. Besonders aufgefallen ist das den Erzieherinnen bei den in letzter Zeit immer beliebter werdenden Rollenspielen. Denn: "In so einem Spiel gibt es für jeden eine Rolle, egal wie alt ein Kind ist." Die Rollenspiele haben auch zur Sprachentwicklung beigetragen, da die Kinder viel mehr und auch anders miteinander kommunizieren. Streit ist dabei selten ein Thema.

Vom Animateur zum Beobachter

"Spielzeug ist einfach der größte Streitfaktor und da es nicht da war, gab es deutlich weniger Krach unter den Kindern", berichtet Meier-Gügel. "Wenn, dann ging es um zwischenmenschliche Missverständnisse, die sich schnell klären ließen." Nicht nur bei Streit mussten die Erzieherinnen weniger eingreifen, auch beim alltäglichen Spielen konnten sich die Kinder viel besser selbst beschäftigen. "Für mich war das eine Veränderung vom Animateur zum Beobachter. Plötzlich musste ich nicht ständig Anregungen geben, sondern konnte zusehen, wie die Kinder ihre eigenen Ideen verwirklichten und sie dabei unterstützen", erzählt Kinderpflegerin Mary Fehling.

Das Projekt wird sicher auch in Zukunft noch mal durchgeführt werden, da sind sich Klaudia Meier-Gügel und Mary Fehling sicher. "Das Bewusstsein der Kinder, eigentlich doch nicht so viel zu brauchen, ist deutlich zu spüren, und es tut gut, sie und uns von Zeit zu Zeit daran zu erinnern", sind sie sich einig.

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