Erlangen
Sterben

Trauerbewältigung: Wie dem Tod begegnen?

Das Thema Sterben ist unangenehm. Aber irgendwann muss sich jede Familie damit auseinandersetzen. Junge Leute haben dabei ihre eigene Weise zu trauern.
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Clemens, Ute, Annika und Isabel Raab am Grab von Opa Josef auf dem Burgebracher Friedhof. Foto: Barbara Herbst
Clemens, Ute, Annika und Isabel Raab am Grab von Opa Josef auf dem Burgebracher Friedhof. Foto: Barbara Herbst
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Der Tod passt so gar nicht ins jugendliche Denken. Alles ist auf Zukunft ausgelegt. Dass das Leben endlich ist? Eine Vorstellung, die von jungen Leuten lieber verdrängt wird. Stirbt ein Vertrauter, ist das Trauern oft kompliziert. Soll man sich verletzlich zeigen, während man doch eigentlich cool wirken will?


"TrauERwerk" in Erlangen

David Ganek weiß, dass Jugendliche den Verlust eines geliebten Menschen auf eigene Weise verarbeiten wollen. Seit anderthalb Jahren trifft er sich mit diesen in Erlangen in den Räumen des Kulturzentrums E-Werk - ehrenamtlich. Einmal im Monat gibt es am Abend so ein offenes Treffen. Kommen kann jeder ohne Voranmeldung. "TrauERwerk" nennt sich dieses Angebot des Hospizvereins Erlangen. Das Team, drei Frauen und Ganek, wechselt sich ab. Immer zwei kümmern sich an einem Abend um die Betroffenen. "Das ist wichtig. Da kann man bei Bedarf auch mal mit jemandem vor die Tür gehen. Außerdem haben wir gemeinsam die Möglichkeit der Reflexion", sagt Ganek. Beim jüngsten Treffen habe die Trauergruppe im E-Werk aus sieben Personen bestanden.
Der angehende Lehrer ist mit seinen 28 Jahren selbst noch nahe dran an der Zielgruppe im Alter zwischen 14 und 28. Eine Pflicht zu erscheinen oder eine spezielle Anmeldung für die Trauergruppe in Erlangen gibt es nicht. Wer kommen will, darf kommen. Auch in Begleitung. "Beim ersten Mal hilft es, wenn der beste Freund oder die beste Freundin mitgehen kann."


Wie Abschied nehmen?

Beim Trauern müssten Aufgaben bewältigt werden, sagt Ganek. Erste Aufgabe sei es, den Tod zu begreifen. "Kinder und Jugendliche trauern grundsätzlich nicht anders als Erwachsene. Aber es kommt bei ihnen mehr in Phasen und Schüben." Kinder sprängen sozusagen aus ihrer Trauer rein und raus.

Bei der Familie Raab aus Burgebrach (Landkreis Bamberg) starb vor fast vier Jahren Opa Josef, der Vater von Ute Raab. Ihre Töchter, Isabel und Annika, waren damals neun und sieben Jahre alt. Ute Raab erinnert sich noch gut. "Isabel kam zu uns ins Bett und hat geweint. Das ist der Moment, wo man merkt: Auch die Kinder müssen damit fertig werden." Durch die Krankheit sei den Töchtern allerdings schon vorher klar gewesen, dass der Opa nicht mehr heimkommt. In den letzten zwei Wochen vor dem Tod hat Raab die Töchter bei Besuchen im Pflegeheim nicht mehr mitgenommen. "Es war ein körperlicher Verfall. Sie sollten ihn in Erinnerung behalten, wie er vorher war", erzählt sie. Bei der Beerdigung waren Isabel und Annika wieder dabei. "Ganz bewusst als Signal, um Abschied zu nehmen. Hätte ich die Kinder nicht mitgenommen, hätte dieser Punkt gefehlt."


"Sie wollte da nicht mit"

Bei Familie Türcke aus Dörfles-Esbach bei Coburg liegt der jüngste Trauerfall noch gar nicht lange zurück. Anfang Oktober starb der Lebensgefährte der Oma. "Sie haben sich oft gesehen bei Familienfesten", erzählt Sandra Türcke über die Beziehung zwischen "Opa Helmut" und ihren Kindern, Hannah (9) und Jan (3). Vor allem Hannah habe sich Krankheit und Tod zu Herzen genommen. "Sie ist nicht mit zur Beerdigung. Sie wollte da nicht mit." Sandra Türcke war hin- und hergerissen. "Eigentlich gehört die Beerdigung, das Abschiednehmen zum Leben mit dazu", sagt sie. Andererseits ist sie irgendwie froh, dass ihre Kinder den Anblick des Toten im offenen Sarg nicht erleben mussten. Dieser Anblick habe sie selbst mitgenommen. "So etwas vergisst man nicht."


"So wollte ich jedenfalls nicht sein"

Trauerbegleiter Ganek empfiehlt dennoch diesen Schritt, um den Tod zu begreifen. "Das ist ganz wichtig, dass man den Toten gesehen hat. Auch im offenen Sarg."

Seit 2011 ist er im Hospizverein Erlangen aktiv. Auslöser war eine ganz bestimmte Situation. Er traf auf eine Kommilitonin, deren Bruder Krebs hatte und dem Sterben nahe war. "Sie hat geweint. Und ich habe weggeguckt", erzählt er. "Ich wusste damals nicht, wie ich mich verhalten soll. So wollte ich jedenfalls nicht sein." Der Referendar am Gymnasium für die Fächer Englisch und evangelische Religionslehre wurde auf den Hospizverein aufmerksam. Er nahm an einem Kurs teil. Sterbebegleitung, 140 Stunden, dazu eine weitere Ausbildung zum Kinderhospizbegleiter. "Ich wollte es richtig lernen", sagt er. Es folgte noch der Kurs zum Trauerbegleiter. Drei lange Wochenenden, ungefähr 100 Stunden.


"Ich gehe da ganz beseelt raus"

Trauerbegleiter ist kein geschützter Beruf. Jeder kann sich so nennen. Die Hospizvereine achten aber darauf, dass die ehrenamtlichen Begleiter geschult sind. Auch bei den Kirchen findet Trauerbegleitung statt. Aber da gibt es in der Regel keine Spezialisierung, etwa auf Jugendliche.

"Man fühlt mit, aber man leidet nicht mit. Sonst könnte man die Arbeit nicht machen", sagt Ganek. "Ein Abend im Trauerwerk ist für mich immer schön. Ich gehe da ganz beseelt raus."

Zumindest an Allerheiligen gehört der Gang zum Friedhof für die Familien Raab und Türcke an diesem Tag dazu. Anders bei Familie Jürgens aus Bamberg. "Wir waren zuhause", erzählt der elfjährige Lian. Oma und Opa - sie leben alle noch. Beim Thema Tod hat Lian festgestellt, dass sein Opa nicht so gerne darüber redet. Auch er ist verunsichert. "Ich mag den Tod überhaupt nicht. Ich habe ein bisschen Angst, weil ich nicht weiß, wie das sein wird."


Anderen geht es ähnlich

Schematisieren lässt sich der Prozess der Trauer nicht. "Das Allerwichtigste ist nicht das, was wir den Trauernden bieten, sondern, dass die Teilnehmer Erfahrungen austauschen und sehen: Ich bin nicht der Einzige, dem das so geht. Es gibt mehrere Menschen in meiner Situation", erklärt Ganek."Das macht den eigenen Verlust zunächst nicht leichter, aber es hilft langfristig."


Hilfsangebote in Franken


Ein Angebot, das junge Menschen anspreche, habe bisher in Nordbayern gefehlt, hieß es vor einigen Wochen, als dem Erlanger "TrauERwerk" der Bayerische Hospizpreis verliehen wurde. Doch das stimmt nicht ganz. Es gibt auch andernorts kostenlose Angebote - und es kommen neue hinzu. Eine Auswahl:

Erlangen Das "TrauERwerk" in Erlangen ist eine Trauergruppe für Jugendliche, die vom Hospizverein Erlangen veranstaltet wird. Es trifft sich einmal monatlich in den Räumlichkeiten des E-Werks, Fuchsenwiese 1. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Nächster Termin ist der 14. Dezember, 19 Uhr. Thema: Weihnachten ohne dich.

Nürnberg "Lacrima" nennt sich die kostenlose Trauerbegleitung für Kinder und Jugendliche der Johanniter-Unfall-Hilfe. Ansprechpartnerin für Mittelfranken ist in Nürnberg Ursula Gubo, Telefon 0911 / 27 257 - 0.

Bamberg "Lacrima" gibt es bald auch in Bamberg. Seit Juni arbeiten die Johanniter daran, demnächst in Oberfranken ein Zentrum für trauernde Kinder zu eröffnen. Ansprechpartnerin ist Vera Mertens, Telefon 0951 / 20 87 98 74.
Schon mehrere Jahre aktiv sind die offenen Trauergruppen des Hospizvereins Bamberg - für Vier- bis Zehnjährige und für Elf- bis 18-Jährige. Leiterin ist Marlene Groh. Eine Anmeldung ist notwendig über das Büro des Hospizvereins, Telefon 0951 / 95 50 70.

Würzburg In Würzburg gab es bis zum Sommer eine offene Trauergruppe der Malteser. "Mangels Nachfrage haben wir dieses Angebot derzeit nicht", berichtet Georg Bischof vom Kinderhospizdienst. Ein Einzelkontakt sei aber möglich (Telefon 0931 / 45 05 - 225). Einer der Ehrenamtlichen stünde dann für ein kostenloses Einzelgespräch bereit.

Haßfurt In Haßfurt hingegen haben die Malteser derzeit eine Trauergruppe für Kinder im Grundschulalter laufen. Sie trifft sich einmal im Monat, freitags von 16 bis 18 Uhr, im Diözesanbüro, Pfarrgasse 4. Eine Anmeldung ist erforderlich über Telefon 09521 / 9 52 99 00.

Bad Kissingen Als Beratungsstelle im Raum Bad Kissingen, Bad Neustadt und Schweinfurt steht die Christian-Presl-Stiftung in Bad Kissingen bereit. Sie bietet eine Kinder- und eine Jugendgruppe, die sich alle drei, vier Wochen am Freitagnachmittag trifft und mit Kunsttherapeuten arbeitet. Die Stiftung wurde vor etwa zehn Jahren von den Gesellschaftern der Bavaria-Kliniken gegründet. Teilnahme an der Trauergruppe ist nur nach Anmeldung möglich, Telefon 0971 / 699 19 07 - 0.

Coburg Hier gibt es die Kinder- und Jugendtrauergruppe des Hospizvereins (Bahnhofstraße 36). Sie trifft sich jeden zweiten Freitag im Monat von 15 bis 16.30 Uhr. Weitere Infos unter Telefon 09561 / 79 05 33 und im Internet unter www.hospizvereincoburg.de.


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