Höchstadt
Azubis

Wer hilft dem Handwerk aus dem Auftragsstau?

Die Berufsschüler beginnen heute ihr Ausbildungsjahr. Im Landkreis Erlangen-Höchstadt gibt es einige Betriebe, die noch händeringend Lehrlinge suchen. Ist das der Fachkräftemangel, über den in der Einwanderungs- und Asyldebatte geredet wird?
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Dass gute Leute schwer zu kriegen sind, hat Markus Schäfer (r.) in seiner Bauschlosserei in Höchstadt schon lange erkannt. Er sucht seit Jahren einen geeigneten Lehrling.  Foto: C. Bauriedel
Dass gute Leute schwer zu kriegen sind, hat Markus Schäfer (r.) in seiner Bauschlosserei in Höchstadt schon lange erkannt. Er sucht seit Jahren einen geeigneten Lehrling. Foto: C. Bauriedel
Für viele junge Leute beginnt heute der Ernst des Lebens: die Arbeit. "Die Hitliste der Lieblingsjobs ist unverändert zum Trend der letzten Jahre", sagt Elmar Forster, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Mittelfranken.

Die meisten Frauen entscheiden sich demnach für eine Ausbildung als Frisörin, Fachverkäuferin oder Bürokauffrau. Bei den Jungs lägen die technischen Berufe vorne: Kfz-Elektroniker, Anlagenmechaniker und Elektroniker. Eher schlecht sehe es im Nahrungsmittelhandwerk aus. Bäcker, Metzger, Konditor gehören eher zu den unbeliebteren Azubi-Stellen, so Forster. Es gebe etliche Betriebe, die noch händeringend Lehrlinge suchen.

Dass es auch in der Metallbau-Branche nicht nur rosig aussieht, einen geeigneten Azubi zu finden, davon kann Markus Schäfer mit eigener Bauschlosserei und -spenglerei in Höchstadt ein Lied singen. Seine Erfahrungen mit jungen Schulabgängern seien in den letzten Jahren katastrophal. "Es macht langsam keinen Spaß mehr. Meine Lust, einen neuen Azubi einzustellen ist sehr gering", sagt der 47-Jährige. Motiviert, wissbegierig und fleißig. So wünscht sich wohl jeder Unternehmer seine Lehrlinge. Schäfer erzählt jedoch von anderen Erfahrungen. Unzuverlässigkeit, Anspruchsdenken und eine eher lockere Einstellung gegenüber Arbeit und Berufsschule bescheinigt er seinen letzten Praktikanten und Azubis. Zwei Auszubildende habe er im ersten Vierteljahr ihrer Ausbildung schon wieder ausgestellt.


"Bewerbungen: null."

Doch das größte Problem sei, überhaupt Bewerber zu bekommen. Momentan bietet er eine Azubi-Stelle als Metallbauer an. "Bewerbungen: null", sagt Schäfer. Ein Hauptgrund sei auch die starke Industrie in der Region, die sich die besten abgreife. "Die Arbeitsbedingungen in der Industrie sind einfach besser. Das muss man schon sagen", so Schäfer.

Im Landkreis Erlangen-Höchstadt gibt es 107 neu eingetragene Lehrverhältnisse im Handwerk, etwa so viele wie im letzten Jahr. Die Zahl der offenen Stellen in der Lehrstellenbörse hat sich jedoch von 35 auf 52 erhöht. Selbiges gilt für die Stadt Erlangen: 58 leere Ausbildungsplätze. Im Vorjahr waren es nur 21.

"In ganz Mittelfranken reden wir von über tausend offenen Lehrstellen", sagt Forster von der Handwerkskammer, wo bald ein sogenannter "Matcher" damit beschäftigt sein wird, arbeitslose Jugendliche und Stellenmarkt "passgenau zueinander zu bringen". Bundesweit gebe es 40.000 unbesetzte Ausbildungsplätze alleine im Handwerk. "Der demografische Wandel schlägt voll zu. Wir haben einfach zu wenig Kinder gemacht", sagt Forster.
"Im Moment können wir nur 30 bis 40 Prozent aller Aufträge annehmen", sagt Schäfer, der sich noch an ganz andere Zeiten erinnern kann, als Flaute herrschte, nicht Auftragsstau wie im Moment.


Sind Asylbewerber die Lösung?

Könnten, wie zur Zeit diskutiert wird, Asylbewerber und Einwanderer diese Lücke schließen helfen? "Die tollsten Auftragsberge nützen nichts, wenn niemand da ist, der sie abarbeiten kann", sagt Forster. Es sei nur sinnvoll, die jungen Flüchtlinge als Azubis zu beschäftigen, "bevor wir sie in einer Asylunterkunft hocken lassen."

Forster erzählt vom Beispiel zweier Afghanen. "Das sind dort die Lieblinge im Betrieb." Sie seien sehr engagiert, weil sie die Chance, die man ihnen bietet, nutzen wollen.


Abschiebestopp für Azubis

Die Handwerkskammer drängt auf eine Garantie, dass der Azubi während der Ausbildung nicht abgeschoben werden kann. Und auch für die Zeit nach dem Abschluss soll im Falle einer Anstellung der Asylbewerber bleiben können. "Wenn wir das hinkriegen, können wir den Betrieben sagen: Du kannst den ruhig einstellen."
Forster begrüßt, dass die sogenannte Vorrangprüfung aussetzt ist. Demnach muss ein Betrieb, bevor er einen Asylbewerber einstellt, nicht mehr nachweisen, dass es keinen deutschen oder europäischen Bewerber gegeben hatte. "Bei tausend offenen Stellen ist es völlig egal, ob das ein Franke, ein Norddeutscher oder ein Afghane macht", sagt Forster.

Auch Metallbauer Schäfer ist dieser Meinung. Das wichtigste sei Können, Fleiß und Zuverlässigkeit. Die Herkunft spiele da keine Rolle. Auch er würde einen Asylbewerber einstellen. Er brauche "einfach nur jemanden, der den Job ordentlich macht".


Fleiß kennt keine Grenzen - ein Kommentar von Redakteur Christian Bauriedel

Hier die dekadenten Null-Bock-Deutschen, dort die motivierten Syrer. Nein, so einfach ist das sicher nicht. Flotte Schüler, träge Asylbewerber, das gibt es alles. Fleiß kennt keine Grenzen. In einer Zeit, in der brummende Wirtschaft, alternde Gesellschaft und eine offenkundige Völkerwanderung zusammen kommen, wäre es dumm, aus Asylbewerbern keine Azubis zu machen.

Schon alleine wegen dem gesellschaftlichen Zusammenhalt. Viele können bestimmt bestätigen: Es gibt wohl nichts, das Integration mehr fördert, als in der Mittagspause gemeinsam zum Imbiss zu gehen.

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