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Tontechniker auf Tour: Und nachts ein Bier mit Iggy Pop

Der Herzogenauracher Tontechniker Rafael Strzodka war mit der Platinband "Prime Circle" aus Südafrika drei Wochen auf Tour.
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"Prime Circle" in der Westfalenhalle Dortmund  Fotos: Rafael Strzodka
"Prime Circle" in der Westfalenhalle Dortmund Fotos: Rafael Strzodka
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"Wenn einer eine Reise tut, dann hat er viel zu erzählen". Freilich trifft dieser Sinnspruch auch auf Rafael Strzodka zu. Doch damit ist noch lange nicht alles erzählt. Denn was der 26-jährige Herzogenauracher in den vergangenen Wochen erlebt hat, übertrifft eine gewöhnliche Reise. Und Urlaub war es schon gar nicht. Was war es dann? "Es ist eine andere Welt. Wie ein Parallel-Universum", schwärmt der Musiker und Tontechniker.

Denn das Reisen an sich war nur Nebensache, und viel hat er auch gar nicht mitbekommen von den Stationen quer durch Deutschland und seinen Nachbarländern. Stattdessen waren es die Pubs und Säle, die großen Hallen und Stadien, die ihn in Beschlag nahmen. Und der Domplatz zu Mailand. Und immer war es die Musik, die das alles ermöglicht hat.


Drei Wochen on Tour

Rafael Strzodka, unter den Musikerkollegen in Herzogenaurach Raffi genannt, hat drei Wochen lang eine Band begleitet, die in ihrem Heimatland zu den Großen zählt und sich jetzt aufgemacht hat, die Herzen der Fans in Europa zu erobern: "Prime Circle" aus Südafrika. Ihn haben die mehrfach mit Gold und Platin veredelten Rockmusiker zu ihrem Tontechniker auserkoren. Weil er sie beeindruckt hatte, als er bei einem ihrer Auftritte die Vorband gemischt hat. Seitdem ist er einer der Ihren, ein "Prime Circle", und das nicht nur für diese eine Tour, sondern auch für die kommenden zumindest Monate. Denn im Juli startet bereits die nächste Tour, dann gemeinsam mit "Boss Hoss".

Drei Wochen durch Europa, das war der ehrgeizige Plan, mit dem die fünfköpfige Gruppe aus Südafrika sich auch hier bekannt machen wollte. Gestartet wurde in Herzogenaurach, wo man sich im Jugendhaus rabatz den letzten Soundschliff gab (der FT berichtete). Und dann ging's los, fast jeden Tag in einer anderen Stadt, jeden Tag eine neue Show. Neun Tage lief das mal ohne Pause so, wie Raffi erzählt. Also neun Shows "in a row", neun Tage, neun Orte, neun Auftritte - knallhart.


150 000 Watt

"Fakt ist", so fasst er zusammen, gleichsam erschöpft wie fasziniert, "das ist der anstrengendste Job, den man haben kann." Kein Wunder, dass alle sehr froh waren, einen Tag Pause zu bekommen. Die Musiker genauso wie die Crew. Was macht man da mit so viel Freizeit? "Wir haben uns in einem Pub in Saarbrücken betrunken, so froh waren wir."

So eine Tour bietet alles, was man sich vorstellen kann. Große Festivals mit riesigen Bühnen und gigantischer Musikanlage. "Solche Festivals sind eine Ebene, da kriegst du alles zur Verfügung gestellt", sagt der junge Tontechniker. Lautsprecherboxen, Verstärkeranlage, Lichter, helfende Hände, die ganze Infrastruktur. Raffi brauchte nur Mischpult und sein Knowhow. Und schon brachte man die Westfalenhalle in Dortmund zum Kochen. Und das Olympiastadion in München. Dort mit fast 150 000 Watt, das Mischpult 70 Meter von der Bühne weg. Raffi bemüht sein Lieblingswort: "Unfassbar!"


Richtig Rock'n'Roll

Denn genau das ist es, was er bisher so nicht erlebt hatte. Die großen Orte, Megashows, und er mitten drin. Nicht als Zuschauer, sondern aktiv dabei. "Das ist das Wichtigste, du hast ne Rolle". Und nach der Show, in der Nacht, "hinten am Nightliner-Parkplatz, wo die Bandbusse stehen und die Jungs schlafen, trinkst du mit Iggy Pop ein Bier". Der Star, inzwischen an die siebzig, war der Headliner bei drei Auftritten von "Prime Circle". "Der spielt zwei Stunden Konzert und steht dann noch da rum mit den Leuten und spricht mit uns", sagt Raffi beeindruckt. Keine Starallüren, ein ganz normaler Typ, "das ist richtig Rock'n'Roll."

So verfliegt die Zeit, jeder Tag ist ausgefüllt und angespannt. Es ist ja nicht nur der Auftritt am Abend. Jede Band hat ihr Equipment, auch "Prime Circle" natürlich. Gestapelt im Bauch des Bandbusses. Jeden Tag muss das neu bewegt und aufgestellt werden. Da wird das Filmchen, das ein Crewmitglied mit dem Handy dreht, zum Kultvideo. Als ein Kollege auf dem 200 Kilo schweren Flightcase die Rampe herab saust. In der südafrikanischen Ausgabe der Bunten haben die das online gezeigt, berichtet Raffi.


Wenn der Tourblues kommt

Jeden Tag trifft man Mengen an Leuten, mit denen man spricht. Abstimmen mit dem Stage Manager, mit der Security, mit den Köchen und all den anderen, die in den Ablauf eines Festivals eingebunden sind. "Da hast du in einer Woche mit 500 Leuten geredet", sagt der Herzogenauracher. Und am Abend kommt dann noch das eigene Ding, der Auftritt, schon fast als Anhängsel.

Das ist es auch, was Raffi als eigene Welt bezeichnet, als Parallel-Universum. "Irgendwann hast du Matsch in der Birne und brauchst die Auszeit", sagt er. Und am Ende, zuhause, kommt der Tourblues. Wenn plötzlich alles ganz ruhig ist. "Wenn du merkst, der Pizzabote ist der einzige, der auf dich wartet." Am Abend zuvor noch Rock in Vienna vor 10 000 Menschen. Was hat Raffi gemacht? Er ist in Herzogenaurach auf die Music Base und traf Gleichgesinnte. Auch das ist Rock'n'Roll.

So eine Tour schweißt zusammen. Wer den ganzen Tag zusammensteckt, auf den anderen angewiesen ist, im gleichen Bus schläft, der muss sich und das schon auch mögen. "Man verliebt sich ineinander", sinniert Raffi. "Die Crew in die Band und umgekehrt." Nicht von ungefähr heißt es "Crew love ist true love". Die Jungs von "Prime Circle" und ihre Mannschaft treffen sich alle paar Wochen. Zuletzt standen die Harleytage in Hamburg an, dann flog die Band nach Südafrika zurück.


Auch mal vor nur 250 Leuten

Und in ein paar Wochen startet die nächste Tour durch Deutschland. Währenddessen hofft die Band, nicht nur live auf der Bühne, sondern auch mit ihrer Single erfolgreich zu sein. Die nennt sich "Ghosts" und ist in Deutschland bereits auf dem Sprung in die Top Hundred, wie Strzodka berichtet.

Und was macht der Herzogenauracher? Der werkelt in seinem eigenen Tonstudio, arbeitet Jobs auf, für andere Kunden. Und freut sich, wenn es wieder los geht. Nicht immer muss es in die großen Hallen gehen, sagt er. Klar hat die Westfalenhalle in Dortmund was ganz besonderes, mit dem Fassungsvermögen von 30 000 Menschen. Aber es gibt auch die kleinen Bühnen, wie der Pup in Pfaffenhofen am zwölften Tag. "Da haben wir vor 250 Leuten gespielt", sagt der Mann am Mischpult. Auch das ist Rock'n'Roll: "Prime Circle würden selbst für 20 Zuhörer noch mal alles geben" - echte Musiker eben.



Links

Live im Pub - kleinstes Konzert der Tour:

https://www.youtube.com/watch?v=7oOZZSWin40


Aktuelle Single "Ghosts":

https://www.youtube.com/watch?v=Y_2sDsdmBq0

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