Erlangen
Einkaufserlebnis

Shopping: Das Geschäft wird zur Fabrik

Die Friedrich-Alexander-Universität und Adidas forschen gemeinsam an einer Technik, bei der passgenaue Kleidungsstücke direkt im Laden hergestellt werden.
Artikel drucken Artikel einbetten
In einem Laden in Berlin testet die Firma Adidas die Bekleidungsfertigung der Zukunft.  Foto: Adidas
In einem Laden in Berlin testet die Firma Adidas die Bekleidungsfertigung der Zukunft. Foto: Adidas
Gehören lange und frustrierende Shoppingnachmittage bald der Vergangenheit an? Einen Blick ins Kleidungsgeschäft der Zukunft gewährte Matteo Colaianni, ehemaliger Student der Informationstechnik und Kommunikationstechnik, unlängst am Fraunhofer-Institut für integrierte Schaltungen IIS.

Wer sich einen neuen Pullover kaufen will, stöbert für gewöhnlich in der Auslage seines Lieblingsgeschäftes nach mehreren in Frage kommenden Kleidungsstücken, um diese anschließend in der Kabine anzuprobieren. Wenn man Glück hat, ist gleich etwas Passendes dabei, wenn nicht, geht es in die nächste Runde und von Geschäft zu Geschäft.

Im Kleidungsgeschäft der Zukunft, so Colaianni, "stolpert" der Kunde förmlich durch den Laden und hält am Ende ein maßgeschneidertes, nach eigenen Vorlieben gestaltetes Kleidungsstück in der Hand. Zusammen mit dem Herzogenauracher Sportartikelhersteller Adidas entwickelte die Friedrich-Alexander-Universität in einem zweijährigen Projekt, gefördert vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, eine solche "Store Factory", bei der das passende Kleidungsstück direkt im Laden hergestellt wird. Das Einkaufen wird so zu einem außergewöhnlichen Erlebnis, bei dem der Kunde verschiedene Stationen durchläuft.

1. 3-D-Scan - Maß nehmen
Die erste Station besteht aus einem 3-D-Scanner, wie man ihn vom Flughafen kennt. Doch statt die Person auf gefährliche Gegenstände zu untersuchen, nimmt der Scanner eine Reihe von Körpermaßen ab, mit welchen später ein passgenaues Kleidungsstück angefertigt werden kann. Bei den nächsten Ladenbesuchen fällt dieser Schritt weg - vorausgesetzt, der Kunde hält seine Figur.

2. "Creator Space" - virtuelle Anprobe
Im zweiten Schritt wird der Kunde selbst kreativ: Während er sich vor einer Kamera bewegt, sieht er auf einem Bildschirm bereits, wie das fertige Kleidungsstück an ihm aussehen würde. Für die wahrheitsgetreue Darstellung hat der so genannte "Creator Space" die Körpermaße direkt vom 3D-Scanner erhalten.
Muster können durch Handbewegungen auf dem Körper hin und her geschoben, vergrößert und verkleinert werden, während sich das Muster selbst verändert, indem sich der Kunde im Raum bewegt. Besteht das Muster etwa aus Kreisen, werden diese größer, wenn man sich nach vorne, oder kleiner, wenn man sich nach hinten bewegt.

3. "Workbench" - der Feinschliff
An einem Computer wählt der Kunde nun ganz in Ruhe die Momentaufnahme aus dem Video des "Creator Space" aus, die ihm am besten gefällt. Außerdem kann er noch kleine Korrekturen vornehmen und die Farben beliebig verändern.

4. Herstellung
Schließlich kann der Kunde live miterleben, wie sein selbst gestaltetes Kleidungsstück produziert wird, im Falle eines Pullovers zum Beispiel von Strickmaschinen, die sich direkt im Laden befinden.

Dass das Ganze funktioniert, hat ein Concept Store von Adidas in Berlin bereits gezeigt, der im Rahmen des Forschungsprojektes mit der Friedrich-Alexander-Universität entstanden ist. Die Passanten konnten sich einen maßgeschneiderten Pullover aus Merinowolle selbst gestalten. Da die technischen Vorgänge vom 3-D-Scan bis zum fertigen Pullover sehr komplex sind und die Forschung noch in den Kinderschuhen steckt, waren zusätzlich zu den Strickmaschinen Strickerinnen anwesend, um für einen reibungslosen Ablauf zu sorgen.
Der voll automatisierte Design- und Herstellungsprozess würde nicht nur dem Kunden Zeit sparen, sondern bringt auch der Industrie viele Vorteile: Datenerhebungen zur Ermittlung der gängigen Körpergrößen fallen weg, ebenso das Anfertigen von Prototypen unter hohem Stoffverbrauch, um nur ein paar zu nennen. Nicht zuletzt würde die Produktion wieder vermehrt im Inland stattfinden. Bis die ersten Wühltische durch 3-D-Scanner ersetzt werden, sei es allerdings noch ein weiter Weg, auf dem noch viel Umdenken und Forschung geschehen müsse, erklärte Colaianni.


was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren