Wie lange brauchen Sie für Ihre Körperpflege? 20 Minuten? Dann sind Sie gut, denn das ist die Vorgabe, die die Pflegekräfte der Fazit Seniorenresidenz Tuchmachergasse zu erfüllen haben. Eine Zeit, die kaum einzuhalten ist, wenn die zu Betreuenden unter die Dusche gehoben werden müssen, wenn sie sich selber nicht mehr waschen können und per Waschlappen abgerieben werden müssen. Eine Zeit, die nicht einzuhalten ist, wenn die Demenzkranken und Alzheimer-Betroffenen nicht mehr in der Lage sind, sich rechtzeitig zu melden, um auf die Toilette zu gehen.

Überstunden für alle


Überstunden für alle? Unappetitlich? Ekelig? Ja, findet zumindest Petra P. und ärgert sich vor allem über den Chef Klaus Korn, der das alles zulasse. Sie ist die zweite Pflegekraft, die aus dem Haus erzählt. "Aber ohne Name", bittet sie. Denn beim letzten Mal, als eine Kollegin von ihr aus dem Haus berichtete, habe es ihrer Empfindung nach "eine regelrechte Hetzjagd" gegeben. "300 Euro hat der Chef derjenigen geboten, die verrät, wer da mit der Presse gesprochen hat." Es habe willkürliche Strafversetzungen gegeben, es gab sogar Entlassungen, wie die Pflegerin zu berichten weiß.
Der Betroffene sagt dazu nichts. Er sagt gar nichts zu den Vorwürfen - nicht per Mail, nicht am Telefon. Und die Liste ist lang. Es geht nicht nur um eine ausgesetzte Belohnung und die versetzten und entlassenen Arbeitskräfte. Es geht um Vorwürfe in der Pflege. So würden Bewohnern Katheter gelegt, weil die Hygieneartikel in der Summe zu teuer wären, sagt die Pflegekraft. Es gibt keine Antwort, warum so massiv gespart werde, dass ordentliche Pflege in vielen Teilen nicht mehr korrekt ablaufe.
Es gibt keine Antwort darauf, warum die Zeiten, die von den Pflegekräften mehr benötigt werden, als unbezahlte Überstunden hingenommen werden müssten, es gibt keine Antwort darauf, warum seit der letzten Kritik vermehrt Praktikanten eingestellt worden seien, die in weißer Kluft die ganz normalen Tätigkeiten ihrer ausgebildeten Kollegen ausüben würden, so Petra P. Es gibt weiterhin keine Antwort darauf, warum Auszubildende statt einer intensiven Ausbildung zu erhalten ebenfalls als vollwertige Mitglieder im Tagesgeschäft eingesetzt würden - in der Regel ohne Mentor, die es auf dem Papier zumindest gebe.
Petra P. ist sauer und desillusioniert. "Ich habe den Beruf erlernt, um Menschen zu helfen. Doch wir sind hier in einer Wirtschaftsmaschinerie eingebunden, die offensichtlich nur Gewinne erwirtschaften soll. Der alte Mensch bringt Geld, sonst spielt er keine Rolle." Bei Löhnen zwischen 700 Euro in der Ausbildung bis etwa 3000 Euro, vielen Überstunden und der fehlenden Motivation durch den Vorgesetzten sei dies kein Job, den sie im Grunde mehr ausüben möchte.
Warum Petra P. nicht geht? "Da sind doch die alten Menschen, die brauchen uns." Sie erklärt, dass sie als Pflegekräfte Vertrauenspersonen seien, die selbst bei Demenzkranken oftmals noch einen Zugang zu den Betroffenen hätten. "Wir mögen uns", erklärt sie. Das äußert sich auch darin, dass die Pfleger zum Beispiel in ihrer Freizeit mit "ihren" Alten auf die Herzogenauracher Sommerkerwa gehen. "Bei eigenem Risiko, ohne Extra-Vergütung", erklärt die Fachkraft. "Wenn da was passiert, sind wir auch noch Schuld."

Verbitterte Kräfte


Dass die Pflegekräfte völlig überarbeitet seien, und dass vieles im Argen liege, wüssten auch die Angehörigen. Da ist zum Beispiel Richard Sänger. Seine Mutter Margarete ist Anfang des Jahres gestorben, sie war Bewohnerin in dem Haus in der Tuchmachergasse. "Ich habe nichts gesagt, weil ich die Befürchtung hatte, dass alle Kritik auf meine Mutter zurückfällt."
Er bestätigt, dass die Pflegekräfte trotz unglaublichen Engagements nicht alles schaffen könnten. "Es sind zu wenige Kräfte dort", bestätigt er. Die Angehörigen müssten einen Teil der Pflege selber tätigen. Je nach Pflegestufe bekomme das Haus pro Insasse bis zu 1500 Euro. Und dann kämen noch die Zusatzzahlungen durch die Familienmitglieder. Die müssen die Differenzen, die die Kassen nicht zahlen, ausgleichen. "Bis zu 1500 Euro habe ich immer wieder bezahlen müssen", erklärt Sänger. "Also hat das Haus für meine Mutter um die 3000 Euro pro Monat erhalten."
Beim Essen sind sich Petra P. und Sänger ebenfalls einig. Keiner von beiden würde es essen. "Zwischen 80 Cent und 1,60 Euro ist die Hauptmahlzeit wert", sagt die Pflegerin. "Nachschlag will keiner", gäbe es auch nicht. "Wir haben 100-Milliliter-Löffel für die Sauce - da gibt es nicht mehr."
Als Dreistigkeit empfinde sie die Werbung auf der Internetseite. Dort heißt es zum Beispiel: "In unserem stationären Pflegebereich versorgen bestens qualifizierte Pflegekräfte jeden Bewohner nach seiner Biografie, Persönlichkeit und seinen individuellen Ansprüchen - rund um die Uhr." Petra P. kann darüber nur verbittert lachen. Praktikanten seien nicht qualifiziert, die Biografie interessiere nur bei der Einstellung.
Selbstverständlich werde versucht, diese Kritik auch an Klaus Korn heranzutragen. Doch das sei nicht einfach. Zum einen verlasse Korn bei vereinbarten Gesprächen mit Bewohnern oder Kräften einfach das Haus, sagt Petra P.; komme es mal zur geäußerten Kritik, spiele er diese herunter: Versetzungen und disziplinarische Maßnahmen seien die Folge.
Petra P. ist auf der Suche nach einem "anständigen Haus" - "Ich will hier weg." Doch sie weiß auch, dass das Haus in der Tuchmachergasse nur eines von vielen Häusern sei, das so mit den Senioren umgehe. Denn mit denen könne man richtig Geld machen - nur ausgeben will man so wenig wie möglich.
Im Übrigen auch der Grund, warum es den Angehörigen wie Sänger schwerfällt bzw. fiel, ihre Eltern umzusiedeln. "Wer weiß, ob es dann besser wird?" Eine bittere Frage angesichts des Vertrauens, das diese Menschen in die Pflege ihrer Eltern stecken.


Der Kommentar dazu (von Michael Busch):



Wetten, dass wieder alles geleugnt wird?

Fast zwei Stunden dauerte das Gespräch mit Petra P. Zwei Stunden, die so manches Mal dafür sorgten, dass mir als Zuhörer die Fassungslosigkeit wohl im Gesicht geschrieben stand. In dem Bericht steht nur ein Teil des Geäußerten. Ein Teil eines menschenverachtenden Umgangs mit anderen Menschen.
Das fängt bereits bei dem eigenen Personal an. 300 Euro Kopfgeld für eine "Verräterin", die nach Ansicht des Klaus Korn das Haus in den Schmutz zieht. Die Kräfte haben zusammengehalten, es ist das einzige Gefüge im Haus, das noch einigermaßen funktioniert. Auch wenn versucht wurde, mit Strafversetzungen das auseinanderzureißen. 300 Euro ist es wert einen Menschen zu suchen, aber offensichtlich keinen Cent mehr die anvertrauten Menschen richtig zu pflegen.
Es gab seit dem letzten Kommentar einige Gespräche mit Betroffenen. RS ist nur einer von diesen. Immer wieder zeichnet sich dasselbe Bild ab. Die Betroffenen haben Angst um ihre Angehörigen. Dass die Kritik auf diese zurückfällt, dass noch ein wenig mehr an den Daumenschrauben gedreht wird, um die Kritik im vermeintlichen Keim zu ersticken.
Keiner der Angehörigen hat sich nach den Zeitungsartikeln gemeldet, dass die Ausführungen alle gar nicht stimmen, das Gegenteil ist wie geschildert der Fall. Keiner der Angehörigen hat Partei ergriffen für den Geschäftsführer. Keiner hat die 300 Euro erhöht, um die angebliche Lügnerin zu finden. Es gab damals das anwaltliche Schreiben an die Angehörige, die erstmals über das Haus erzählte - ein Maulkorb - wir berichteten. Statt dieser Aktion hätte man lieber mal das Haus auf den Kopf gestellt, um dafür zu sorgen, dass die Pflegebedingungen besser werden, statt Leute zu versetzen, sollte man sich mit diesen konstruktiv zusammensetzen, um über Veränderungen zu sprechen.
Nur ich kann jetzt schon eine Wette anbieten, die vermutlich kaum einer halten will: Wetten, dass die Anwälte wieder aktiv werden? Wetten, dass die Ausführungen alle so gar nicht stimmen? Wetten, dass das Kopfgeld wieder ausgesetzt wird? Wetten, dass sich im Hause wieder nichts tut?