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Adelsdorf
Gesundheit

Morbus Bechterew: Adelsdorfer trainiert einmal pro Woche in Strullendorf

Morbus Bechterew greift die Wirbelsäule an. Und ist unheilbar. Betroffene haben die Chance, mit Bewegung alles dafür zu tun, fit zu bleiben. Wilhelm Glökler aus Adelsdorf beweist, dass man trotz steifer Wirbelsäule Sport machen kann. Einmal pro Woche trifft er sich mit Leidensgenossen in Strullendorf zum Training.
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Foto: Sarah Dann
Foto: Sarah Dann
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Wenn der Rücken irgendwann so beweglich wie ein Besenstiel ist, hat sich der Morbus Bechterew Wirbel für Wirbel seinen Weg nach oben gebahnt. Morbus Bechterew ist eine Krankheit, an der schätzungsweise zwei Prozent der Bevölkerung erkrankt sind.

Wilhelm Glökler ist einer davon. Der 67-Jährige ist Gruppensprecher der Bamberger Bechtis, wie sie sich selbst bezeichnen. Seit 50 Jahren lebt er mit einer Wirbelsäule, die von Jahr zu Jahr mehr versteifte. Als 17-Jähriger hatte er erste Beschwerden, war vom Schulsport immer wieder befreit. Dann mit 23 bekam er vom Arzt eine Diagnose. Entgegen der ersten Annahme des Spezialisten ist Wilhelm Glökler in seinem Leben noch nie auf einen Rollstuhl angewiesen gewesen. Nur Krücken, die musste er immer mal wieder zur Hilfe nehmen.

Nach über 50 Jahren Morbus Bechterew kann der Adelsdorfer zwar nicht mehr mit dem Auto rückwärts fahren - beziehungsweise muss sich vollkommen auf die Rückspiegel verlassen, hält sich aber so sicher wie manch Jugendlicher nicht auf einem Petziball. "Es tut zwar saumäßig weh, aber man kann mit Bechterew leben", sagt der Senior.

Schmerzen hatte er schon lange nicht mehr. Medikamente, knallharte Entzündungshemmer, musste er seit einem Kuraufenthalt Anfang der 90er-Jahre nicht mehr schlucken.
Hier und da zwickt mal die Hüfte, ansonsten ist er aber fit. So fit, dass er im vergangenen Jahr den Jakobsweg von Ulm nach Santiago de Chile in dreieinhalb Monaten gelaufen ist - und jeden Mittwochabend nach Strullendorf fährt. Arme hoch, an der Hüfte vorbei schwingen, nach hinten ziehen, "schnaufen net vergessen", sagt Annegret Döhler. Die Physiotherapeutin betreut die Bamberger Sportgruppe, die vor 34 Jahren gegründet wurde, seit 19 Jahren.


Freundschaften wachsen

Sie kennt jeden persönlichen Krankheitsverlauf, weiß, dass es bei Hermann da zwickt, bei Detlev in dieser Position schwierig werden könnte und sieht, dass der Ball heute für Eva ein bisschen zu hoch ist. Immer wieder ist es so ruhig in der Turnhalle, dass nur das Ticken des Minutenzeigers und tiefe Schnaufer zu hören sind. In der ersten Stunde nach sechs Wochen Pause zeigt sich, wer in den Ferien auch zu Hause fleißig gewesen ist. Alle natürlich, mindestens zwei Stunden am Tag, pro Übung versteht sich, witzelt der Herr im roten T-Shirt. Alle lachen, alle schnaufen weiter.

"Das ist wie Sambatanzen auf dem Ball", sagt Annegret und zählt runter. Noch drei, noch zwei - jetzt sind auch die Kreis schwünge für heute geschafft. Eine gute dreiviertel Stunde werden alle möglichen Muskeln und Wirbel mit Bechterew spezifischen Übungen gefordert. Danach wird Volleyball gespielt - also an solchen Abenden, an denen genug Leute da sind - und noch etwas gemeinsam getrunken. Annegret Döhler gibt in Strullendorf nicht nur einen Gymnastikkurs. Die Physiotherapeutin hilft jedem einzelnen aus der Bechterew-"Familie" so beweglich zu bleiben, wie es die Versteifung der Wirbelsäule eben zulässt. Für Döhler ist der Mittwochabend kein lukrativer Nebenverdienst bei drei Euro pro Person und Kurseinheit, sondern eine "Herzensangelegenheit".


Tabletten hauen rein

Nicht mehr alle Gründungsmitglieder aus den 80er-Jahren zählen noch zur aktiven Truppe, erzählt Glökler. Von rund 60 Mitgliedern im Bamberger Ortsverband seien zwölf mittwochs meistens dabei. Er weiß, dass sich jüngere Patienten heutzutage oft Inspiration und Übungen aus dem Internet holen würden. Ob Lebensweisheit oder Gymnastikübung - in Strullendorf gibt es von den anderen Bechtis zum Ratschlag noch einen Witz dazu.
"Die körperliche Attraktivität lässt nach, das muss man ganz klar erkennen", sagt Glökler, der es sich zwar nicht sofort, aber rechtzeitig zum Ziel gesetzt hat, "den Bechterew zum Freund zu nehmen". Der 67-Jährige hat weißes Haar, lacht, grämt nicht über seine Krankheit. Nur für das geschulte Auge sind der typische Bechterew-Schlenkergang" und der leichte Buckel sichtbar. Die Diagnose mache einen sicherlich nicht euphorisch, aber runterziehen würden einen Betroffenen eigentlich nur die Schübe. Wilhelm Glökler hat sich damals entschieden, einen Morbus-Bechterew-Ausweis zu beantragen. Je nach Ausmaß der Krankheit kann nach dem Sozialgesetzbuch eine Schwerbehinderung anerkannt werden. Ausgefallen ist er im Betrieb zwar nicht zuhauf wegen seiner Erkrankung. Durch den Arbeitstag kämpfen, das musste er so manchmal, denn "die Tabletten, die sind wie Doping", erinnert sich Glökler.

Diese Zeiten hat der 67-Jährige überstanden: "Wenn er durch ist, dann ist er ausgebrannt", sagt er über seinen Bechterew-Verlauf. Und mit dem Vergleich, einen Rücken wie ein Besenstiel zu haben, hat er sich arrangiert.


Auf einen Blick:

Sport Jeden Mittwoch um 19.30 Uhr trifft sich die Morbus-Bechterew-Gruppe Bamberg in der Schulturnhalle in Strullendorf zum Training. Nach Gymnastikübungen wird meist Volleyball gespielt.

Treffen Am Samstag, 31. Oktober, findet die bayerische Mitgliederversammlung des Bechterew-Verbandes in Bamberg statt. Beginn ist um 10 Uhr im Bistumshaus St. Otto.

Krankheit Auch bekannt als Spondylitis ankylosans ist Morbus Bechterew eine chronisch verlaufende entzündlich-rheumatische Erkrankung, die sich vor allem an der Wirbelsäule auswirkt. Die Krankheit beginnt meist zwischen dem 15. und 30. Lebensjahr. Sie verläuft in Schüben und individuell unterschiedlich. Bei vielen Patienten beherrschen die Entzündungsschmerzen den Krankheitsverlauf, bei anderen steht die Versteifung im Vordergrund.

Kontakt Informationen zur Krankheit und Gruppe gibt es im Internet unter
dvmb-by.de/gruppen/bamberg/.

Quelle:Dt.VereinigungMB

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