Der Bericht über das Seniorenheim in der Tuchmachergasse in Herzogenaurach schlägt hohe Wellen. vereinzelt kommen die Stimmen, dass es in dem Heim nicht so schlimm sei, wesentlich mehr Leserbriefschreiber und Kommentatoren im Internet bestätigen allerdings die Schilderung in dem Haus.
Doch alle erkennen, dass es sich nicht ausschließlich, um ein Problem des Hauses und der dortigen Führung handelt, es sei vielmehr ein gesamtpolitisches Problem. Der betroffene Sohn Richard Sänger, der seine Mutter in dem Haus untergebracht hatte, schrieb bereits vor einiger Zeit einen Brief an den Bundestagsabgeordneten Stefan Müller (CSU), um auf die Problematik solcher Heime aufmerksam zu machen. Er wiederholt diesen Brief als offenen Brief an die Politik.

Sehr geehrter Herr Müller, sehr geehrten Politiker;
irgendwann muss ich mir mal Luft machen, denn ich habe den Eindruck, die Probleme der Menschen gehen an der Politik oder den Volksvertretern vorbei.
Mit anderen Worten, vieles interessiert unsere Politiker nicht, weil man zu sehr mit sich selbst oder sich lieber mit den Problemen fremder Menschen beschäftigt.
Den Glauben an unseren Sozial- oder auch Rechtsstaat, habe ich schon fast verloren. Ich möchte nur ein Problem schildern, das mich schon mehr als ein Jahr beschäftigt und mir zu schaffen macht, nämlich meine Mutter. Meine Mutter wird 93 Jahr alt und hat bis Ende Juli diesen Jahres in ihrer eigenen Wohnung gelebt. Wir haben uns um sie gekümmert, d.h. geputzt, gewaschen und sie eben versorgt.
Vor etwa eineinhalb Jahren wurde ihr Zustand immer schlechter und es musste ständig jemand da sein. Nach einem langen Hin und Her, wurde Pflegestufe eins bewilligt. Es ging uns nicht darum, Geld zu bekommen, sondern ambulante Hilfe in Anspruch nehmen zu können. Daraufhin kam einmal am Vormittag die Caritas, waschen, anziehen und mehr. Ich habe auch hingenommen, dass ich jeden Monat draufzahlen musste, dazu kamen noch die Zuzahlungen, an die man sich ja schon gewöhnt hatte.
Im Laufe des Jahres verschlechterte sich der Gesundheitszustand von Woche zu Woche. An Nächte zum Durchschlafen war nicht mehr zu denken. Neben meinem Bett stand das Babyfon und ich musste im Durchschnitt zehnmal während der Nacht ins Nachbarhaus. Irgendwann meinte der Hausarzt, als ich Medikamente brauchte: "Wenn du so weitermachst, wirst noch weit vor deiner Mutter unter der Erde liegen."
Und - es war auch so, wir waren am Ende, schlaflose Nächte, das ganze Leben war mehr als Durcheinander. Ich nahm Tabletten. Ende Juli ist sie früh um drei Uhr gestürzt, Krankenhaus Höchstadt, Operation. Die behandelten Ärzte sagten dann im September: "Sie können ihre Mutter nicht mehr nach Hause mitnehmen. Sie braucht eine Aufsicht rund um die Uhr."
Also - Pflegeheim - ich konnte sie für rund vier Wochen in Erlangen unterbringen, mit erheblichen Kosten und dann nach Herzogenaurach holen. In Herzogenaurach erschien mir das Fazit in der Tuchmachergasse am geeignetsten.
Wir haben dann Pflegestufe drei beantragt. Sie sitzt im Rollstuhl und hat das Bett seit Wochen nicht mehr verlassen können. Aufgrund des Liegens kamen weitere Beschwerden, also Spezialmatratze, Vakuumpumpe etc. Die Stufe drei scheint nun bewilligt und es muss trotzdem kräftig zugezahlt werden.
Ich frage mich, wenn ich mir eine solche Rechnung anschaue, was die einzelnen Positionen überhaupt bedeuten. Ich zweifle eine solche Rechnung nicht an, schließlich wurde dieses System von weltfremden Beamten so geschaffen. Da wird eine Ausbildungsvergütung ebenso verrechnet wie tägliche Investitionskosten, Service TG, Kosten für Unterkunft und Verpflegungskosten, natürlich auch die Pflegeleistungen. Das mag alles seine Richtigkeit haben, weil ja irgendwann mal so ausgehandelt.
Allerdings spricht die Wirklichkeit und das, was man in den Heimen so mitbekommt, eine etwas andere Sprache. Tatsache ist: die Pflegeheime sind für Investor/Betreiber eine "Gelddruckmaschine", schließlich lässt sich mit Leuten, die dahin vegetieren, jeden Tag Geld verdienen. Dazu kommt: Als meine Mutter noch in ihrer Wohnung lebte, ließ ich die Medikamente, die von der Klinik bestimmt wurden, vom Hausarzt verschreiben. Diese verabreichte ich am Morgen und am Abend meine Frau. In einem Pflegeheim geht das scheinbar nicht, da kommt der Apotheker, so zumindest die Rechnung der Apotheke.
Es würde dem Bundesminister für Gesundheit, Daniel Bahr, mal gut anstehen, ein Pflegeheim zu besuchen und zwar ohne Medienrummel. Damit er auch die Zustände mal persönlich sieht, falls er überhaupt versteht, um was es dort geht. Überlastete und auch unterbezahlte Pflegekräfte, die haben keine Zeit, sich um die Leute richtig zu kümmern. Die bleiben dann einfach liegen. Von Menschenwürde kann da nicht mehr gesprochen werden, gegen das Grundgesetz wird da jeden Tag verstoßen.
Ich frage mich, wie weit will man diese noch treiben? Hat sich in Berlin schon mal jemand überlegt, dass diese Probleme mit dem Wandel der Demographie immer größer und damit teurer werden? Wer und wie soll das von Angehörigen überhaupt noch bezahlt und geleistet werden?

Anmerkung der Redaktion: Der Brief wurde vor dem Tod der Mutter am 1. Januar 2012 verfasst.

Unterstützung hält Sänger durch Kommentare im Internet, die sich dem Thema angenommen haben.
So schreibt Dr. Pflichtfeld: "Wer selbst eine nächste Angehörige in einer "Pflege"-Einrichtung hat, der kann nur zustimmen. Es ist unfassbar . Die Scheiße, die Michael Busch anprangert, findet statt. In allen Pflegeheimen. Überall. Weil wir alle zulassen, dass Banken, die sich verzocken mit Milliarden "gerettet" werden, anstatt mit einem Bruchteil dieser vernichteten Milliarden unseren Eltern und Großeltern ein Minimum an Würde im Alter zu bewahren."
Und Susi schreibt: "Das ist nicht nur in diesem Pflegeheim so. Habe in einer Abteilung für Demenz gearbeitet, 22 Bewohner, eine Altenpflegerin und eine Pflegehelferin, wer da noch von Menschenwürde spricht, sollte einmal in so einem Haus arbeiten.Nicht nur die Pflege bleibt auf der Strecke sondern auch die Pflegekräfte.Unbezahlte Überstunden werden erwartet und die vorgeschriebenen Pausen,stehen oft nur auf dem Papier, das übrigens gut sichtbar im Schwesternzimmer hängt.Ich wurde entlassen, weil ich meinen Mund nicht halten konnte und die Missstände beim Namen genannt habe."
Ein Schreibender namens Wissender erklärt:"Es ist eine Schande, dass wir unseren Großeltern u. Eltern nicht mal ein Minimum an Würde im Alter bewahren können. Wer sich so seiner Vergangenheit entledigt hat keine Zukunft." Was ist dazu zu sagen? Weder das Seniorenheim noch ein Politiker hat sich zu der Sache bisher geäußert.