"Ich wurde in der Spätschicht von meinem Meister in die Kantine geschickt; dort erhielt ich von den zwei Vertretern des Betriebsratsvorsitzenden wie viele Kollegen die Kündigung ausgehändigt", beschrieb ein Metallarbeiter, wie unvorbereitet für ihn das Aus seiner Tätigkeit kam. Denn - bis auf einige ganz wenige Personen - wurden alle mit der Überreichung der Kündigung bis zum Ende der Kündigungsfrist freigestellt. Der Anlagenbauer Imo Gremsdorf hat 174 von 924 Mitarbeitern gekündigt.
Als Grund hatte das Unternehmen in einer Pressemitteilung unter anderem die sinkende Nachfrage nach Windenergie angeführt, dazu schwankende Märkte vor allem in den USA und auch in China. "Wir haben lange gewartet, alles versucht, doch am Ende war die Anpassung an die Realitäten im Markt zwingend - nicht zuletzt wegen der sozialen Verantwortung für die Zukunft unserer verbleibenden Mitarbeiter", wurde Geschäftsführer Erich Ruß darin zitiert.

Erst krank, dann gekündigt


Gleich doppelt trifft es eine Frau, die wegen eines Betriebsunfalls im Krankenstand ist. 2009 wurde ihr nach zwei Jahren Firmenzugehörigkeit gekündigt. Allerdings erhielt sie ein halbes Jahr später wieder einen Arbeitsplatz. Und nun die erneute Kündigung. Zu den Gekündigten gehören auch zwei junge Männer, die sich für eine berufliche Qualifikation von Imo bis kommenden Mai freistellen ließen und derzeit keine Bezüge von der Firma erhalten.
"Weder wurde die Belegschaft durch eine außerordentliche Betriebsversammlung über die bevorstehenden Kündigungen informiert noch die IG Metall eingeschaltet", eröffnete Gewerkschaftssekretär Thilo Kämmerer die Informationsveranstaltung für die 174 bei Imo entlassenen Mitarbeiter. Über 50 Personen waren der Einladung gefolgt. Kämmerer trug die Fakten der unerfreulichen Entwicklung zusammen: Erstmals im Juli dieses Jahres wurde in der Imo ein Betriebsrat gewählt; Vorsitzender wurde Thomas Brückner aus der mittleren Führungsebene. Auf einer Betriebsversammlung in der Aischtalhalle berichtete die Firmenleitung von Restrukturierungen und dass Kündigungen nicht ausgeschlossen seien. Tatsächlich wurde im Oktober 30 Mitarbeitern gekündigt. Bis dato habe noch keiner der Betroffenen den Sozialplan gesehen, sagte Kämmerer. "Bis heute nicht", ergänzte eine Stimme aus den Zuhörerreihen. Und ein Zweiter behauptete, der Betriebsratsvorsitzende Thomas Brückner habe ihm am Tag nach der Kündigung gesagt, der Sozialplan sei noch gar nicht fertig gewesen. Zumindest in einigen Kündigungsschreiben werde auf den Sozialplan nicht hingewiesen, wurde bei der Informationsveranstaltung betont. Kämmerer wertete das Verhalten der Firma als ungewöhnlich. "Wie soll man nachprüfen können, ob die sozialen Auswahlkriterien eingehalten wurden, wenn die Kriterien der Auswahl nicht auf dem Tisch liegen?"
Fakten, die man brauche, um eine Kündigungsschutzklage gut zu begründen. 14 der Anwesenden haben trotzdem schon die Klage eingereicht. Die ersten Gütetermine stehen schon im Januar an. Kämmerer wies darauf hin, dass eine solche Klage erst ab einer Firmenzugehörigkeit ab sechs Monaten Sinn ergebe.
Verärgerung kam auf, als Anwesende berichteten, dass am Samstag nach den Kündigungen und Freistellungen andere Firmenangehörige eine Sonderschicht gearbeitet hätten.

Gute Nachricht zum Schluss


Zu den unbestätigten Gerüchten gehört auch, dass bei den Kündigungen kein Interessenausgleich nach dem Betriebsverfassungsgesetz zwischen Firma und Betriebsrat ausgehandelt worden sei. In diesem Interessenausgleich, so erläuterte Kämmerer, werde normalerweise auch die wirtschaftliche Lage der Firma behandelt. Die IG Metall stelle dafür Sachverständige bis hin zu Betriebsberatern, um andere Instrumente als die Kündigung einzusetzen. Kämmerers Einschätzung nach wäre das bei Imo Kurzarbeit gewesen, die noch dazu von der Agentur für Arbeit bezahlt worden wäre.
Einer warf ein, die Kündigungen seien eine Forderung der Banken vor neuen Krediten gewesen. Die klamme Situation, so glaubte ein Dritter zu wissen, rühre aus großen Verlusten einer der vier Imo-Teilfirmen.
Ein weiterer Mitarbeiter wusste angeblich, dass der komplette Sozialplan nicht veröffentlicht werde, weil die Firmenleitung befürchte, dass ihre darin niedergelegten Strategien gegen die missliche Situation zu den Wettbewerbern getragen würden. Zum Inhalt sagte er noch: "Jedes unterhaltsberechtigte Kind wird mit 250 Euro berücksichtigt, eine Schwerbehinderung mit 350 Euro." - "Es werden noch Leiharbeiter beschäftigt; deswegen Geheimpapier", warf ein Mann ein. Dann fielen noch Begriffe wie "manipulierte Betriebsversammlung" und "ein Teil der Betriebsratsmitglieder ist doch gekauft".
Eine gute Nachricht hatte Kämmerer zum Schluss: Mehrere Metallbetriebe in der Region suchen Mitarbeiter. Der Betriebsrat der Firma Waasner in Forchheim habe ihm sogar eine Liste mit genauen Stellenbeschreibungen übermittelt.