Die Botschaft war gleichermaßen aufrüttelnd wie erbaulich: Kardinal Walter Brandmüller sprach in der Pfarrkirche Sankt Georg von einer "existenzbedrohenden Zeit für die Kirche", aber auch vom wahren und echten Glauben, der als zuverlässiges Fundament Wissen und Kenntnis um die "Inhalte, Tatsachen und Wahrheiten" benötige. Die erste Maiandacht, traditionell mit einer Lichterprozession begangen, und der hohe Gast aus Rom zogen am Abend des Maifeiertags etwa 800 Gläubige in ihren Bann.
Die Schar an Kommunionkindern, Musik und Fahnenabordnungen ließen schon erkennen, dass ein ganz besonderer Anlass bevorstand. Dekan Kilian Kemmer und die Höchstadter Geistlichen begleiteten den Gast zusammen mit einer großen Schar an Ministranten in das volle Gotteshaus, wo sie von einer festlich gestimmten Gemeinde erwartet wurden. "Willkommen zuhause", rief der Dekan dem Gast zu. Denn der Kirchenhistoriker weilte nicht zum ersten Mal in Höchstadt. In Ansbach geboren, hatte Walter Brandmüller in Bamberg die Priesterweihe empfangen und war danach Priester in Bamberg und Kronach.
Seine Ansprache hatte der Kardinal auf das von Papst Benedikt ausgerufene "Jahr des Glaubens" aufgebaut. "Es gilt, das Fundament zu erneuern, damit der Bau nicht einstürzt", hielt der Prediger seinen Zuhörern entgegen. Seine Definition des Glaubens mag wohl manchen Zuhörer tief ins Herz getroffen haben: Glaube sei heute für viele ein frommes Gefühl, romantische Poesie, oder auch etwas, das mit Folklore, Brauchtum oder auch Seelentrost zu tun habe. Dies alles sei ja recht und schön, doch es dürfe nicht mit Glauben verwechselt werden. Beim Glauben gehe es vielmehr um "klare Inhalte, Tatsachen und Wahrheiten", sagte der Prediger mit dem Hinweis auf die Jünger Jesu. Sie hätten gesehen, wie er Kranke heilte, wie der Jüngling von Naim "von der Bahre sprang". Der Kardinal warnte vor den "vielen religiösen Gurus", die in Wort und Schrift ihre Botschaften verkünden. "Prüfet alles - was gut ist, behaltet", legte er seinen Zuhörern ins Herz. Wer prüfen wolle, müsse aber zuvor wissen.
Darum gehe es im Jahr des Glaubens: um den Erwerb eines soliden Wissens um den Glauben. "Nur dann können wir denen antworten, die nach dem Grund unserer Hoffnung fragen." Dadurch werde christlicher Glaube zwar nüchterner und sachlicher, aber auch krisenfest und unerschütterlich. Das sei alles andere als ein Spaziergang, da dieser Weg häufig durch Dunkel, Dürre und Kälte führe. In seiner bildhaften Sprache verglich der Kardinal den Weg "mit einem Blindflug, bei dem der Pilot ohne Bodensicht nur noch auf die Instrumente angewiesen ist". Mit dem Chor des Liederkranzes, vielen Marienliedern, den Marienrufen und dem Magnificat-Lied gestaltet, wurde die Maiandacht zu einer Glaubenskundgebung, in deren Zentrum "Maria, die Mutter der Glaubenden" stand.
"Menschen auf dem Weg durch die dunkle Nacht, habt Vertrauen", rief Dekan Kemmer den pilgernden Gläubigen zu, bevor sich die Prozession aus der Kirche hinaus bewegte. Von der Hauptstraße durch die Steinwegstraße und den Stadtturm bewegte sich der Zug zum Marktplatz. Dort fand mit dem eucharistischen Segen und dem Te Deum der festliche Höhepunkt statt.