Erlangen
Tierschutz

Erlangerin kämpft gegen Tierversuche: Gibt es Umdenken an der Uni Erlangen?

Tiere für die Wissenschaft zu opfern, sei von gestern, findet Margit Vollertsen-Diewerge,Tierschützerin aus Erlangen. Doch sie schöpft Hoffnung.
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Labormaus «Agnes» Foto: IEMM/Münster/dpa
Labormaus «Agnes» Foto: IEMM/Münster/dpa
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Ohne Forschung gibt es keinen Fortschritt. Diesen Satz kann Margit Vollertsen-Diewerge voll unterschreiben. Dass dafür Tiere sterben müssen, geht dagegen gar nicht, findet die 83-jährige Tierschützerin aus Erlangen, die seit 30 Jahren für eine tierversuchsfreie Forschung kämpft.

"Wir brauchen die Forschung. Aber wir brauchen eine andere Richtung und alternative Methoden", ist sich die ehemalige Journalistin aus der Hugenottenstadt sicher, die sich im Verein "Ärzte gegen Tierversuche" engagiert. "Der Mensch kann zum Mond fliegen. Aber wenn er etwas über seine Niere wissen will, fragt er die Maus", sagt die resolute Dame mit den blonden Haaren und schüttelt lächelnd den Kopf.

Virtuelle Alternativen wie der sogenannte Roboterhund oder der "Mensch-auf-dem-Chip" seien längst auf dem Vormarsch. Die Uni in Erlangen müsste nur Hirnschmalz und Geld in deren Entwicklung stecken und könnte sich schnell zum Vorreiter in Deutschland entwickeln.


"Wir brauchen neue Methoden"

Stattdessen setzen die Erlanger Forscher weiterhin auf Tierversuche, kritisiert sie. Die enden ihrer Meinung nach in einer Sackgasse. Denn die Ergebnisse aus den Tierversuchen könnten nicht vollständig auf den Menschen übertragen werden.

Die unterschiedlichen Gene würden dies verhindern, sagt die Tierschützerin. "Wir brauchen neue Methoden in der Wissenschaft, damit unsere tollen Wissenschaftler wirklich für das Wohl der Menschheit forschen können", sagt sie und lächelt schon wieder. Militant ist die Tierschützerin nicht. Sie wolle auf keinen Fall auf die Tränendrüse drücken oder wild vor Affenliebe schreiend durch die Straßen rennen und Plakate mit Bildern von entstellten Laborratten in den Himmel recken. Sie wolle mit ihren Argumenten ernst genommen werden.

Auch wenn sie einräumen muss, nicht vom Fach zu sein. In all den Jahren habe die ehemalige Journalistin unzählige Artikel gegen Tierversuche in der Erlanger Tagespresse veröffentlicht. Pünktlich zum Tag der Abschaffung der Tierversuche am 24. April. Oder zum Tag des Tierschutzes am 4. Oktober. Gebracht hat es auf den ersten Blick nicht viel.

Das könnte sich nun ändern, sagt sie und zieht freudestrahlend ein ganz frisches Schreiben aus einem Aktenstapel. Auf dem Briefkopf prangt das Logo der Friedrich-Alexander-Universität. Unterschrieben hat der Präsident höchstpersönlich. Laut liest sie die Zeilen aus der Feder von Joachim Hornegger vor.

Zunächst dankt der Uni-Präsident der Tierschützerin für ihr "fortgesetztes Engagement in der wichtigen gesellschaftlichen Frage nach Ersatz- und Alternativmethoden zu Tierversuchen". Am Ende steht dieser Satz: Die Friedrich-Alexander-Universität lege bei der Berufung von neuen Professoren großen Wert darauf zu achten, dass diese "nicht ausschließlich auf der Basis von Tierversuchen arbeiten, sondern diese Versuche erst an das Ende einer langen Reihe von Forschungen legen", schreibt der Informatik-Professor aus Franken, der seit April letzten Jahres die Universität in der Hugenottenstadt leitet und bereits für viel frischen Wind gesorgt hat.


Hornegger mahnt zur Geduld

Margit Vollertsen-Diewerge lächelt schon wieder. Kündigt sich in diesem Schreiben ein Umdenken an? Wenn dem so wäre, hätte sich das langjährige Engagement gegen Tierversuche endlich bezahlt gemacht. Sie macht keinen Hehl daraus, dass sie große Stücke setzt auf den neuen Mann an der Unispitze. Der sei im Stande, die alten Zöpfe abzuschneiden.

Zwischen den Zeilen mahnt Hornegger zur Geduld und warnt vor übertriebenen Erwartungen. Weder der "Mensch-auf-dem-Chip" noch der "Roboterhund" könnten derzeit Tierexperimente ersetzen.

Hornegger versichert, dass man alles daran setze, im 2005 errichteten "Franz-Pentzold-Zentrum" die Zahl der Tierversuche zu verringern. Als "Schandfleck" bezeichnet dagegen die Tierschützerin das interfakultäre "Pentzold-Zentrum", das nach eigenen Angaben der "grundlagenorientierten und präklinischen Forschung an Tiermodellen" dient.

Noch funktioniert Forschung in der Praxis ohne Tierversuche offensichtlich tatsächlich nicht. Die Universität verweist trotzdem bereit auf einige Erfolge, die Zahl der Tierversuche mit Hilfe von alternativen Methoden zu minimieren.

Eine Arbeitsgruppe vom Lehrstuhl für Medizinische Biotechnologie entwickelte demnach 2013 ein Verfahren, das es ermöglichen soll, chemische Substanzen in vitro kostengünstiger und schneller auf ihre giftige Wirkung hin zu untersuchen als bisherige Prüfungen im Tierversuch. Neurowissenschaftler entwickelten außerdem eine Zellkulturtechnik , die es erlaubt, die Vorgänge des Tumorwachstums direkt in Echtzeit und ohne Verwendung aufwendiger Tierversuche zu studieren. Grundsätzlich versichert das Pentzold-Zentrum, dass man in Erlangen der Leitlinie folge, Tierversuche zu reduzieren, zu verbessern und möglichst zu ersetzen.


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