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Rothenburg ob der Tauber
Rettung

Die Freunde der Greifvögel

Sie päppeln verletzte Bussarde, Uhus und Milane auf. Mit Blick auf ihre Arme sagen Männer wie Andreas Ritz: "Löcher hat man eigentlich immer."
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Wenn Steinadler Aslan die Flügel ausbreitet und seinen stechenden Blick auf einen richtet, möchte man keinesfalls ein Hase oder eine Maus sein...  Fotos: Diana Fuchs
Wenn Steinadler Aslan die Flügel ausbreitet und seinen stechenden Blick auf einen richtet, möchte man keinesfalls ein Hase oder eine Maus sein... Fotos: Diana Fuchs
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H ilfe, was ist das denn? Kaum hat man Andreas Ritz die Hand zur Begrüßung gereicht, zerreißt ein markerschütterndes Schrei die Luft. Und noch einer! Andreas Ritz grinst nur. "Keine Panik, das ist die Bonny", sagt er. "Sie will wissen, wer uns besuchen kommt."

Bonny? Was so niedlich klingt, ist eine ausgewachsene Weißkopfseeadlerin mit einer Stimme wie eine frisch geölte Sirene. Bonny sitzt auf einem Baumstumpf in ihrer geräumigen Voliere und beobachtet den Besuch mit stechenden Augen. Ein weiterer gellender Schrei soll wohl sagen: "Komm' mir lieber nicht zu nahe." Diese Warnung ist allerdings unnötig. Allein die zwei Meter Flügelspannweite und die Krallen, die wie kleine Dolche blitzen, halten selbst den abenteuerlustigsten Gast auf Abstand.

Nebenan lässt sich ein riesiger Steinadler nicht von seiner kreischenden Nachbarin stören. "Zu Aslan habe ich eine ganz besonders enge Bindung", sagt Andreas Ritz.
Kein Wunder: Schon bevor Aslan überhaupt auf der Welt war, begann eine kuriose Vogel-Mensch-Geschichte: Aslans Mutter hatte sich, wenn man das so sagen darf, in Andreas Ritz verguckt. "Wir waren bei einer Vogelvorführung und auf einmal hat sie losgebalzt. Aber wie!", erinnert sich der Mittelfranke lachend.

Einige Tage später meldete sich der Besitzer des Vogelweibchens und erzählte, dass seine Steinadlerin zum ersten Mal seit Jahrzehnten ein Ei gelegt hat. "Da Steinadler normalerweise innerhalb weniger Tage zwei Eier produzieren, haben meine Frau Petra, unser Sohn Matthias und ich beschlossen: Wir probieren, das zweite Ei befruchten zu lassen - und falls sich ein Jungvogel darin entwickelt, ist es unserer", berichtet Andreas Ritz. Tatsächlich schafften sie es, rechtzeitig Steinadlersperma zu beschaffen, die Adlerin legte wirklich noch ein Ei - und einige Wochen später mühte sich Aslan aus der Schale. Nach vier Monate unter Mama Steinadlers Fittichen zog er zu seiner Menschenfamilie nach Unteroestheim bei Rothenburg ob der Tauber.

Für Andreas Ritz ging ein Kindheitstraum in Erfüllung. Schon als Bub war er von Vögeln, speziell Greifvögeln, fasziniert. "Andere Kinder wollten Drachen steigen lassen, aber ich hab' mir nichts sehnlicher gewünscht als einen Adler. Einen echten."

Vorerst zog der Junge jedoch Schwalben, Spatzen, Dohlen und Tauben auf. Heute ist der 52-Jährige Mitbegründer und Vorsitzender der Greifvogelauffangstation Mittelfranken. Zusammen mit seinem Stellvertreter Dieter Weihbrecht und einem rührigen Helfer-Team kümmert er sich ehrenamtlich um derzeit 27 Greifvögel - vom flügellahmen Turmfalken bis hin zur verletzten Waldohreule.

Das kostet viel Zeit und auch Geld - allein 270 Euro Futter pro Monat, dazu Strom, Wasser und Pacht für das Grundstück mit den großen Gehegen, in denen die verwundeten Tiere versorgt werden. Denn nur Aslan und Bonny, Andreas Ritz' Privatvögel, leben bei ihm zuhause. Alle anderen werden im nahen Schnepfendorf gesund gepflegt.

"Ziel ist es stets, die Vögel später wieder in die Freiheit zu entlassen", erklärt der 68-jährige Dieter Weihbrecht, der früher als Zivilangestellter bei der Bundeswehr gearbeitet hat und sich nun im Ruhestand ganz der Natur und der Vogelwelt rund um seine Heimat Crailsheim widmet. Fahrlehrer Andreas Ritz fügt an: "Meist klappt das auch. Aber manchmal..." Grinsend erzählt er von Friedolin, einem Mäusebussard, der als wenige Tage alter Jungvogel in einem Sturm abgestürzt war und von Menschen aus einer Pfütze gerettet wurde. "Seine Augen waren schon ganz trüb. Aber wir haben ihn nicht aufgegeben. Mit Hilfe von homöopathischen Augentropfen hat er seine Sehschärfe zurückgewonnen und ist ein schöner, kräftiger Vogel geworden. Als er völlig fit war, wollten wir ihn auswildern", berichtet Ritz. Doch nach kurzem Rundflug saß Friedolin wieder auf seinem Gehege. Also nochmal das Ganze. Und noch einmal. "Viermal haben wir's probiert. Friedolin ist immer wieder zurückgekehrt."

Die allermeisten der durchschnittlich 75 verletzten Greifvögel, die Tierärzte, Polizeibeamte und Privatpersonen pro Jahr in die Station bringen, schaffen jedoch den Abflug in die Freiheit. Dort können sie überleben, weil sie in der Station genau das zu fressen bekommen haben, was sie auch in der Natur zu sich nehmen. Bussarde, Weihen, Habichte, Turmfalken, Milane, Sperber, Eulen und Uhus brauchen fürs Knochenwachstum unter anderem Innereien, etwa von Ratten - "sonst bekommen sie krumme Füße". Auch Küken stehen auf dem Speiseplan, aber niemals geschredderte oder auf andere Art gequälte Geschöpfe. Darauf legt das ganze Stations-Team großen Wert. "Wir sind schließlich Naturschützer und arbeiten eng mit der Unteren Naturschutzbehörde zusammen." Diese ist am Landratsamt angesiedelt und prüft regelmäßig den Bestand. "Jedes Tier wird dort gemeldet. Die Mitarbeiter unterstützen uns, wo es geht", lobt Ritz.

Was macht einen guten Greifvogelretter aus? Andreas Ritz und Dieter Weihbrecht - Letzterer teilt sein Zuhause nicht nur mit seiner Frau Angelika, sondern auch mit Weißgesichtseule Luna - sind sich einig: Man müsse den Charakter und die Natur der Vögel verstehen und respektieren. Und außerdem müsse man hart im Nehmen sein. Der Umgang mit den starken Kreaturen sei naturgemäß immer wieder schmerzhaft: "Löcher hat man eigentlich immer", stellt Andreas Ritz mit Blick auf seine Unterarme fest.

"Unser Hobby hat viele schöne Seiten, aber auch grausige", analysiert er. "Bei offenen Brüchen - nach einem Zusammenprall mit Autos oder Windrädern - können wir nicht helfen. Dann muss der Tierarzt den Vogel einschläfern. Das tut jedes Mal weh."

Für die meisten Vögel, die in der Station landen, gibt es aber zum Glück ein Happy End. "Kürzlich habe ich Uhus gesehen, die wir ausgewildert hatten", erzählt Dieter Weihbrecht. "Die haben jetzt Junge."

Um Geld für die Greifvogelauffangstation zu erwirtschaften, besuchen die Mitglieder mit ihren Vögeln regelmäßig Veranstaltungen, etwa Mittelaltermärkte. "Riesig freuen würden wir uns, wenn uns jemand eine große Tiefkühlzelle fürs Futter spendet oder einen finanziellen Beitrag dazu leistet", sagt Andreas Ritz.
Kontakt/ Infos:
Tel. 0175/ 150 05 49; www.gam-ev.de

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