Stellen Sie sich vor, ihre Ehe scheitert. Sie fangen an, jeden Abend drei, vier Bier oder eine Flasche Wein zu trinken. Sie bekommen ein Alkohol-Problem, sind als Folge den steigenden Anforderungen im Job nicht mehr gewachsen, können ihren Tagesablauf nicht mehr organisieren, verlieren schließlich ihren Arbeitsplatz, trinken noch mehr und landen irgendwann im Bezirkskrankenhaus in Erlangen.

Solche Schicksale sind schon längst keine Einzelfälle mehr, weiß Jürgen Ganzmann, Geschäftsführer der WAB Kosbach. In der gemeinnützigen, vollstationären Langzeiteinrichtung mit verschiedenen Standorten im Landkreis Erlangen-Höchstadt werden psychisch erkrankte Menschen Tag und Nacht betreut. Diesen Menschen, die oft völlig am Boden liegen, will die WAB Kosbach Hilfe zur Selbsthilfe geben und sie zurück ins Leben führen.

Nach einem Aufenthalt im Bezirkskrankenhaus werden viele Patienten an die WAB Kosbach weiter vermittelt - falls es dort noch freie Plätze gibt. Derzeit gibt es die nicht. "Wir sind voll", muss Ganzmann auch dem Bezirkskrankenhaus antworten. Seine Einrichtung spüre "eine enorme Nachfrage nach Betreuung", sagt Ganzmann, "sechs Anfragen in der Woche". Bei der WAB Kosbach sieht man immer mehr Verlierer in unserer Gesellschaft.


Normales Arbeitsumfeld

Ganzmann und seine Mitarbeiter versuchen, Menschen wieder in Arbeit zu bringen. Dafür kooperieren sie mit Integrationsfirmen, wie neuerdings der Gesellschaft Intec im Höchstadter Gewerbegebiet Aischpark. Bei Intec, das zur Lebenshilfe Erlangen-Höchstadt gehört, arbeiten inzwischen neun Bewohner der WAB Kosbach, vorwiegend in Lager und Versand. "Unsere Menschen werden nicht bei Siemens oder Schaeffler landen", stellt Ganzmann ganz nüchtern fest.

Intec-Geschäftsführer Johann Kraus kann den Menschen von der WAB Kosbach ein ganz normales Arbeitsumfeld bieten. Seine Firma im Aischpark zählt 49 Mitarbeiter, davon 18 Schwerbehinderte. Alle haben ein normales Arbeitsverhältnis. Die Firma erledigt hauptsächlich Metallarbeiten wie drehen, biegen oder bohren und muss sich mit ihrem Angebot der Konkurrenz am Markt stellen. Etwa 15 auch namhafte Firmen hat Johann Kraus als Kunden. Für ihn ist der erfolgreiche Spagat zwischen Menschlichkeit und Wirtschaftlichkeit eine tägliche Herausforderung.

Seit Februar läuft die Kooperation von Intec mit der WAB Kosbach. Für Ganzmann ein Erfolg, hat seine Gesellschaft doch die Möglichkeit, ihre Bewohner an den ersten Arbeitsmarkt heranzuführen. Dazu zählt sich Intec, auch wenn bei der Leistungsfähigkeit der einzelnen Mitarbeiter Abstriche gemacht werden müssen. "Wir müssen die Arbeit den Menschen anpassen", sagt Intec-Geschäftsführer Kraus.


Arbeitsprozesse anpassen

Auch vier Stunden am Tag sei Arbeit, findet Ganzmann. Für den Staat sei es aber immer noch billiger, diese Arbeit zu finanzieren als Armut. Arbeit müsse dafür so heruntergebrochen werden, dass sie auch Behinderte leisten können. Arbeitsprozesse gelte es anzupassen, damit auch Menschen eine Chance bekommen, die am normalen Arbeitsmarkt nicht landen können.

Die WAB Kosbach gehe schon auf Werbetour und klopfe an Türen, um Arbeitsmöglichkeiten aufzutun. Bei den Bemühungen, Berührungsängste abzubauen, habe man beim Mittelstand den größten Erfolg, sagt Ganzmann. Warum sollen nicht Facharbeiter im Handwerk Kollegen bekommen, die ihnen einfache Tätigkeiten abnehmen. "Man muss es nur wollen", meint dazu Intec-Geschäftsführer Kraus.

Er hat noch eine Empfehlung parat: "Die Leute auf der Sonnenseite des Lebens sollten sich mal auf den Stuhl des anderen setzen und nachdenken, was wichtig ist."