Herzogenaurach
Geschichte

Da war die erste "Welle"

Eine große Anzahl Menschen, die untergebracht werden müssen, zu wenig Wohnraum und Ortsansässige, die den "Neuen" gegenüber skeptisch sind: Fluchtschicksale
Artikel drucken Artikel einbetten
Die Ankunft Heimatvertriebener am Bahnhof  Historische Aufnahme: M. Welker
Die Ankunft Heimatvertriebener am Bahnhof Historische Aufnahme: M. Welker
+6 Bilder
Der Leiter des Kreisflüchtlingsamts Höchstadt an der Aisch, Max Martin Brehm, schrieb nach dem Zweiten Weltkrieg rückblickend zur Flüchtlingshilfe: "Der Landkreis Höchstadt an der Aisch liegt am äussersten Rande des Regierungsbezirkes [Oberfranken]. Leicht könnte er da und dort bei entscheidenden Hilfsmaßnahmen übersehen werden." Dass Brehm mit seinem Appell nicht übertrieb, ist allein am sprunghaften Anstieg der Einwohnerzahl in wenigen Jahren zu erkennen. Der Bevölkerungsstand im Landkreis Höchstadt betrug vor Kriegsausbruch 29 456 Personen. 1950 lebten auf den 475,64 Quadratkilometern des Kreises 44 803 Einwohner in 59 Gemeinden und 93 Ortschaften, darunter 15 601 Heimatvertriebene.

Von den Einheimischen wurden die neuen Mitbürger meist als "Flüchtlinge" bezeichnet. Tatsächlich handelte es sich dabei nur zum Teil um Flüchtlinge, die vor der nahenden Front im Osten des Deutschen Reichs geflohen waren. Das größte Kontingent waren aber Menschen, die ab März 1946 vornehmlich aus dem Sudetenland kamen. Ihre Zahl war so groß, dass sie später sogar als Bayerns vierter Stamm bezeichnet wurden.

Der Höchstadter Landrat Peter Weber schrieb dazu 1950: " ... so kann doch heute schon mit Genugtuung festgestellt werden daß sie, auf die Dauer gesehen, einen wesentlichen Gewinn für unsere Volkswirtschaft darstellen. Ihr Fleiß, ihre Geschicklichkeit und ihr Unternehmungsgeist sind bewundernswert und befruchten unsere heimische Wirtschaft überaus günstig."

Die Aktivitäten des Kreisflüchtlingsamts im Landkreis Höchstadt an der Aisch von 1945 bis 1951 geben einen Einblick in die Schwierigkeiten, die zu bewältigen waren.

Zur Bündelung der Maßnahmen für die entwurzelten Menschen wurde Ende Oktober 1945 Max Martin Brehm von der Regierung als Flüchtlingskommissar in Höchstadt an der Aisch eingesetzt. Brehm übte zusätzlich von 1946 bis 1948 ehrenamtlich das Bürgermeisteramt in Höchstadt aus.

Die Anliegen waren sehr differenziert. Es gab Evakuierte, die in ihre Heimatstädte zurückwollten; Heimkehrer, die Angehörige suchten oder bei der Durchreise auf Verpflegung und Beihilfe angewiesen waren, Familienangehörige, die den noch im Aufbau befindlichen Suchdienst beanspruchen wollten, sowie Ausgebombte und Kriegsgeschädigte aus der ansässigen Bevölkerung. Von Kriegsende bis zum Ende 1945 kamen rund 50 Heimatvertriebene im Landkreis an.

Im Februar 1946 zog das BRK-Büro in die Hauptstraße von Höchstadt um, was einen geregelten Parteiverkehr ermöglichte. Zu Beginn des Jahres wurden in allen Gemeinden des Landkreises Räte für die Heimatvertriebenen eingesetzt. Ihre Aufgabe war es, die örtliche Betreuung zu verbessern. Schwieriger wurde die Situation, als im März 1946 der erste Transport mit Zwangsausgesiedelten ankam, die im Landkreis untergebracht werden mussten. Die ankommenden Heimatvertriebenen der Züge wurden nach ihrer Ankunft am Bahnhof Adelsdorf in das Lager Nainsdorf überführt. Von dort aus wurden sie teils mit Lastkraftwagen, vielfach auch mit Pferdegespannen in die Aufnahmegemeinden gebracht.

Im Juni wurden erste Zwangsräumungen zur Sicherung des dringlichsten Wohnraumbedarfs durchgeführt. Erst der beginnende Neubau von Wohnungen und Häusern linderte diese Not. Es entstanden im Kreis neue Siedlungen, die zum größten Teil von Heimatvertriebenen erbaut und bewohnt wurden.


Heime eingerichtet

Um die Maßnahmen zu koordinieren, schuf man im September für die Abteilung "Wohnraumbewirtschaftung" ein eigenes Büro. Im Oktober traf der letzte Sammeltransport des Jahrs ein. Zur Unterbringung neu Zugezogener wurden das Kinderheim in Großdechsendorf, das Erholungsheim in Neuenbürg und im Juli das Altersheim in Hemhofen eingerichtet. Das Flüchtlingskommissariat hatte außerdem die ehemaligen RAD-Lager in Nainsdorf und in Heßdorf übernommen.

Bereits im April nahm in Sterpersdorf ein Steinbruch für 50 Arbeitskräfte seinen Betrieb auf. Ende 1946 wurden Obleute aus den Reihen der Heimatvertriebenen eingestellt, die bis Ende 1948 amtierten.

Eine Tagung sämtlicher Bürgermeister und Flüchtlingsräte fand im Dezember in Höchstadt statt. Es wurden die Weihnachtsvorbereitungen für die Heimatvertriebenen im Kreis getroffen.


Forcierung des Hausbaus 1947

Im Februar 1947 war eine neuerliche Erfassung sämtlicher Wohnräume im Landkreis nötig geworden. Die erste Tagung des politischen Flüchtlingsausschusses konnte im März gehalten werden. Im Juli eröffnete die 25. Wanderausstellung der Flüchtlingswerkstätten in Höchstadt für die Besucher ihre Pforten.

Durch die Anstrengungen des Kreisflüchtlingsamts konnte im August der sogenannte "Flüchtlingsbau" eröffnet werden. Einen Monat später begannen in Falkendorf die Bauarbeiten am ersten Siedlerhaus.

Am meisten Erfolg versprach der Bau von Doppelfamlienhäusern durch Gemeinschaftshilfe und Eigenarbeit von Heimatvertriebenen. Die Materialkosten in Höhe von 5000 bis 6000 DM wurden durch Staatsdarlehen getragen. Paradebeispiel könnte die Zeckerner Siedlung sein.

Eine kleine Volkshochschule, die größtenteils Heimatvertriebenen diente, wurde im März 1948 begründet. Im Oktober erreichte ein weiterer Sondertransport A mit 200 Personen den Landkreis und musste untergebracht werden. Erst im Dezember konnte das Lagergebäude für diesen Sondertransport fertiggestellt werden. Im Zug der Eingliederung in das Landratsamt übersiedelte das Flüchtlingskommissariat im November in das Amtsgebäude des Landratsamts.

Ein Rückblick auf das Jahr 1948 zeigte erste Erfolge auf dem Feld des Wohnbaus. Neu geschaffen werden konnten Siedlungsbaustellen in Falkendorf, Niederndorf und Röttenbach mit insgesamt 160 neu erstellte Wohnungen. Davon waren 131 privater, und 29 sozialer Wohnungsbau.


Landkreisbaugenossenschaft

Ein zweites Wohngebäude der Regierung mit acht Wohnungen wurde im März 1949 in Angriff genommen und konnte im November bezogen werden. Um die Lage auf dem Wohnungsmarkt zu bessern, beantragte und bewilligte der Kreistag zur rascheren Ankurbelung des Baujahrs einen erheblichen Baukostenvorschuss für staatlich geförderte Bauten. Zusätzlich erfolgte im August die Gründung der Landkreisbaugenossenschaft.

1949 wurden Siedlungsbaustellen in Herzogenaurach, Höchstadt a.d. Aisch, Zeckern, Niederndorf, Schlüsselfeld und Röttenbach mit 340 Wohneinheiten errichtet. Davon waren 269 privat erstellte Wohnungen und 71 sozialer Wohnungsbau.

Durch die Anstrengungen der Landkreisbaugenossenschaft konnte im Juli die erste Neubauwohnung bezogen werden. Es zeigte sich aber, dass der Landkreis nicht alle Zwang sausgesiedelten aufnehmen konnte. Im August 1950 ging der erste Sammeltransport nach Baden.

Erfreulich war die Entwicklung des Arbeitsmarkts. Im September erreichten die drei großen Herzogenauracher Betriebe von Heimatvertriebenen eine Beschäftigtenzahl von über 200. Der Landkreis wies zum 1. Januar 1950 insgesamt 29,2 Prozent Heimatvertriebene auf. In Siedlungsbaustellen in Herzogenaurach, Höchstadt a.d. Aisch, Zeckern, Niederndorf und Schlüsselfeld wurden 428 Wohneinheiten erstellt, davon waren 312 privater und 116 sozialer Wohnungsbau.




was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren