Erlangen
Comic-Salon

Comic-Salon Erlangen: Comic-Künstler zeichnen gegen Unterdrückung

Am Donnerstag startet der Comic-Salon in Erlangen. Festivalleiter Bodo Birk spricht über die (Un-) Freiheit von Comic-Künstlern.
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Birk Bodo. Foto: Erich Malter
Birk Bodo. Foto: Erich Malter
Erlangen steht in den nächsten Tagen ganz im Zeichen der neunten Kunst. Am Donnerstag, 26. Mai startet der 17. Internationale "Comic-Salon".

Wir haben zum Auftakt des wichtigsten Comic-Festivals im deutschsprachigen Raum mit Festivalleiter Bodo Birk über die (Un)Freiheit von Comic-Künstlers in der Türkei, den Reiz exotischer Bildergeschichten aus Indien und die Meisterschaft der japanischen Manga-Künstler gesprochen.



In diesem Jahr gibt es einen Türkei-Schwerpunkt beim Comic-Salon. Wie ist die aktuelle Situation für Comiczeichner dort?


Bodo Birk: Wie für alle, die von Meinungs-, Presse- und Kunstfreiheit abhängig sind, sehr schwierig.
Als wir vor eineinhalb Jahren entschieden hatten, uns beim diesjährigen Salon mit Comics aus der Türkei zu beschäftigen, ahnten wir nicht ansatzweise, wie aktuell das Thema bis zum Salon werden könnte. Wir wollten zunächst einfach die reiche Tradition an Bildgeschichten in der Türkei präsentieren, die international viel zu wenig beachtet wird. Schnell stellte sich heraus, dass es vor allem die populären Istanbuler Satiremagazine wie Gigir, LeMan und Uykusuz sind, um die herum sich eine spannende Zeichner-Szene schart, die sich mutig und experimentierfreudig mit der gesellschaftlichen Gegenwart in ihrer Heimat auseinandersetzen. Dabei darf man nicht erwarten, dass in diesen Zeitschriften ständig nur Erdogan-Karikaturen abgedruckt werden. Vielmehr wird die Gesellschaftskritik in Comics verpackt, die als Science-Fiction oder Abenteuerstoffe daherkommen. Die Leser - und diese Zeitschriften werden nach wie vor von Hunderttausenden gelesen - wissen dann schon sehr genau, was gemeint ist. Dennoch sind die Künstler dieser Magazine jeden Tag den Repressionen des Regimes ausgesetzt. Viele von Ihnen mussten bereits Prozesse überstehen oder wurden inhaftiert.


Sie diskutieren auf dem Comic-Salon auch über die Meinungs- und Pressefreiheit. Wie schaut es damit in der internationalen Comic-Szene derzeit aus?


Bodo Birk: In der Türkei sind die Künstler großen Einschränkungen ausgesetzt. Zeichner aus Indien können sich hingegen freier äußern, wobei es besonders für Künstlerinnen dort nach wie vor schwierig ist, die Unterdrückung der Frauen oder das Kastensystem zu kritisieren. In der westlichen Welt sind es weniger die Regierungen, die die Freiheit der Künstler einschränken. Die Schere im Kopf setzt in den letzten Jahren vor allem dann ein, wenn es um Religion, vor allem den Islam geht. Schon die Diskussion um die Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung ,Jyllands-Posten` hat dafür gesorgt, dass Künstler im Westen darüber nachdenken müssen, wie groß das Risiko ist, dass sie eingehen, wenn sie sich mit dem Islamismus zeichnerisch auseinandersetzen. Der französische Zeichner ,Luz`, der bis vor eineinhalb Jahren zur Redaktion von Charlie Hebdo gehörte, wird übrigens im Rahmen des diesjährigen Comic-Salon mit einem ,Max und Moritz-Preis` für sein Buch ,Katharsis` ausgezeichnet, in dem er den Tod seiner Zeichner-Freunde verarbeitet. Er kann allerdings leider nicht zur Preisverleihung kommen, weil den französischen Behörden das Sicherheitsrisiko zu groß ist. Eine Kollegin aus der Redaktion von ,Charlie Hebdo` wird aber in Erlangen sein. Auch sie steht unter Personenschutz. Soviel zum Thema Freiheit.


Und welche Themen greifen afrikanische Künstler auf, denen Sie ebenfalls eine Bühne bieten auf dem 17. Comic-Salon?


Bodo Birk: Marguerite Abouet beispielsweise erzählt in ihrem bekanntesten Comic ,Aya` von ihrer Kindheit und dem alltäglichen Leben an der Elfenbeinküste. Und das macht sie wahnsinnig unterhaltsam und mit ganz viel Humor. So lernen wir die andere Seite Afrikas kennen. Dort gibt es nicht nur Hunger und Elend, sondern positive, lebensbejahende Menschen, die, allem Unbill zum Trotz, ein ganz normales Leben führen. Der junge Künstler Karo Akpokiere, dessen Arbeiten irgendwo zwischen Comic, Illustration, Bildender Kunst und Design anzusiedeln sind, beschäftigt sich mit dem Leben in Metropolen. Er stammt aus der nigerianischen Hauptstadt Lagos, einer der am schnellsten wachsenden Mega-Cities Afrikas, und hat zuletzt einige Zeit in Berlin verbracht. Von diesen beiden Erfahrungen ,erzählen` seine Bilder, die im letzten Jahr sogar auf der Biennale in Venedig zu sehen waren.


Mit Jiro Taniguchi zeigen Sie auch die Arbeiten einen japanischen Manga-Großmeisters. Was macht die fernöstliche Comic-Kunst so besonders?



Bodo Birk: Erst einmal ist der Manga in Europa ein Thema für ein jüngeres Publikum. Ältere Semester, die mit franko-belgischen Comics aufgewachsen sind oder sich heute mit Graphic Novels beschäftigen, scheitern ja häufig schon an der japanischen Lese-Richtung. Deshalb assoziieren wir mit Manga in Deutschland häufig vor allem kostümierte Cosplayerinnen und Taschenbücher zu Teenager-Themen. Das ist aber ein ganz falscher Eindruck. Manga ist in Japan ein alle Alters- und Gesellschaftsschichten übergreifendes Phänomen. Es gibt großartige Meisterwerke, die sich mit politischen Fragen und ernsten Themen beschäftigen, ,Barfuß durch Hiroshima` von Keiji Nakazawa beispielsweise. Jiro Taniguchi ist ein Brückenbauer zwischen dem japanischen Manga und den europäischen Comic-Traditionen. Er ist ein großartiger Erzähler, der in Büchern wie ,Der Spaziergänger` oder ,Vertraute Fremde` Literaturgeschichte geschrieben hat. Und seine zurückhaltenden, den Erzählungen angemessenen, detailreichen und virtuosen Zeichnungen unterstreichen den ruhigen und kontemplativen Erzählfluss. Er ist wirklich ein Meister!
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