Herzogenaurach
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Adidas versus Puma: Die Geschichte der Brüder Adolf und Rudolf Dassler

Adidas und Puma - Wie kommt es, dass ausgerechnet die fränkische Kleinstadt Herzogenaurach die Heimat von gleich zwei Weltmarken ist?
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Ein adidas- und ein Puma-Fußballschuh liegen in Düsseldorf neben einem Nike-Fußball. Foto: Achim Scheidemann/dpa (Archiv)
Ein adidas- und ein Puma-Fußballschuh liegen in Düsseldorf neben einem Nike-Fußball. Foto: Achim Scheidemann/dpa (Archiv)
Als Lothar Matthäus 1970 in der Jugendmannschaft des FC Herzogenaurach seine ersten Gehversuche als Kicker machte, war der Ausdruck noch gebräuchlich: Der "Loddar" schnürte die Fußballstiefel. Doch ein "Stiefel" war das Handwerkszeug des Fußballers schon damals nicht mehr. Dass der Stiefel vom Schuh zum High-Tech-Wunder wurde, hat die Sportwelt Franken - Herzogenaurach zu verdanken.

Der Beginn der Erfolgsgeschichte von Adidas und Puma war ebenso unspektakulär und ebenso wenig vielversprechend wie die ersten Schüsse von Lothar Matthäus aufs Tor. Der Schuhmacher Christoph Dassler und seine Frau Paulina kamen Ende des 19. Jahrhunderts nach Herzogenaurach; er fand in einer der zahlreichen "Schlappenschustereien" in der mittelfränkischen Kleinstadt einen Arbeitsplatz, bei B. Berneis. Seine Frau steuerte mit einer Wäscherei und Dampfbüglerei ihren Teil zum Lebensunterhalt bei.

Das Ehepaar, das in einem Häuschen am Hirtengraben lebte, hatte vier Kinder: Maria, die Erstgeborene, Fritz, Rudolf (geboren 1889) und Adolf (1900). Sport war in den Jugendjahren der Dassler-Buben Rudolf und Fritz ein Luxus; der Erste Weltkrieg, Wirtschaftskrisen und politische Unruhen prägten die Zeit. Deshalb war der Start ins Berufsleben für die beiden Sprösslinge des Schuhmachers Dassler auch sehr bodenständig: Rudolf ging in den Vereinigten Fränkischen Schuhfabriken in Herzogenaurach in die Lehre und strebte nach dem Ersten Weltkrieg eine Karriere als Kaufmann an. Sein jüngerer Bruder Adolf lernte Bäcker.


Ehrgeiz und Erbmasse

Die beiden Buben einten der Ehrgeiz und die väterliche Erbmasse: Schuhe ließen ihnen keine Ruhe. Adolf Dassler hat, so erzählt die Familienchronik, seine Mutter lange bearbeitet, bis er um 1920 in ihrer Waschküche endlich das machen durfte, wovon er schon immer geträumt hatte: Schuhe, Sportschuhe, um genau zu sein, und zwar Sportschuhe, wie sie die Welt noch nie gesehen hatte: federleicht, perfekt auf den Fuß des Athleten zugeschnitten.

Trotzdem war der Start für Adolf Dassler, den alle "Adi" nannten (sein Bruder hatte den Spitznamen "Puma", weil er so sportlich war) mindestens so holprig wie "Loddars" Gehversuche in der englischen Sprache. In den Notjahren nach dem Ersten Weltkrieg standen Sportschuhe, wenn überhaupt, ganz unten auf dem Einkaufszettel; die Restriktionen des Versailler Vertrages verhinderten eine Teilnahme deutscher Athleten an den Olympischen Spielen 1920 in Antwerpen und 1924 in Paris. "Adis" Traum vom "goldenen" Sportschuh schien in weiter Ferne.
Die beiden Schusterjungen ergänzten sich in ihrem Ehrgeiz und ihren Begabungen. Mit übersichtlichem Startkapital, gebrauchten Maschinen und Restbeständen aus der Armee wie Leinentuch und Leder gründeten die Brüder Dassler 1924 eine Schuhfabrik. Erste Erfolge und schließlich der rasante Aufstieg des Fußballs zum Volkssport ließen in den "goldenen 20er-Jahren" die Kasse in Herzogenaurach klingeln. Wer Erfolg haben wollte, trug Schuhe der Marke Geda aus Franken: Gebrüder Dassler Schuhfabrik.


Die Braunen und der Farbige

Die Zäsur in der Firmengeschichte kam mit der Machtübernahme Hitlers in Deutschland 1933. Chronisten sind sich uneins, ob die Dassler-Brüder sich aus Überzeugung oder Opportunismus der NS-Bewegung anschlossen so wie viele Unternehmer. Rudolf und Adolf Dassler wurden schon im Mai 1933 Mitglieder der NSDAP, ohne sich explizit politisch zu betätigen.

Adolf "Adi" Dassler zog bei den Olympischen Spielen in Berlin sogar den Zorn von Adolf Hitler auf sich: Dassler stattete den amerikanischen Sprinter Jesse Owens mit maßgeschneiderten Laufschuhen aus. Der Farbige wurde mit vier Goldmedaillen zum Star der Spiele, mit denen Nazi-Deutschland der Welt seine Schokoladenseite zeigen wollte. Hitler soll bei einem der triumphalen Siege des Afroamerikaners wutschnaubend seine Loge verlassen haben. Er wollte deutsche Siege.

Am Marktführer aus Herzogenaurach kam der "Führer" trotzdem nicht vorbei. Sport war ein wichtiger Teil der Nazi-Ideologie, das körperliche Training gehörte zur militärischen Grundausbildung. Anders als viele andere Betriebe musste Geda daher zu Beginn des Krieges nicht mit Produktionseinschränkungen zurechtkommen. Aus Herzogenaurach kamen auf Wunsch von oben Schuhe mit martialischen Namen wie "Blitz" und "Kampf".
Adolf Dassler wird von den Militärbehörden als Firmenleiter unabkömmlich gestellt und nicht zum Kriegsdienst eingezogen, anders als sein Bruder Rudolf, der sich hintergangen und verraten fühlt - das ist der Beginn für den Bruder- und bis heute anhaltenden Familienzwist. Rudolf wird als Desserteur von der deutschen Militärpolizei verhaftet und entgeht knapp dem Standgericht. Nach Kriegsende gerät er in amerikanische Gefangenschaft, weil er angeblich für den deutschen Sicherheitsdienst spioniert haben soll. Die Behörden haben persönliche Informationen, die nur aus der Familie stammen können, meint Rudolf Dassler und fühlt sich ein weiteres Mal verraten.

Im Gegenzug beschuldigt er seinen Bruder Adolf, mit den Nazis eng zusammengearbeitet zu haben. Tatsache ist, dass die Schuhfabrik Dassler in den letzten Kriegsjahren von den Nazi-Machthabern wie viele andere Unternehmen zum Rüstungsbetrieb umfunktioniert wurde. Statt Schuhen wurde in Herzogenaurach der "Panzerschreck" hergestellt, eine Raketenwaffe, die ein Soldat tragen und bedienen konnte und der hunderte Panzerbesatzungen der Alliierten zum Opfer fielen, als der Krieg für Deutschland längst verloren war. Dass der fanatische Schuhmacher Adolf Dassler aus freien Stücken zum Rüstungsschmied wurde, ist allerdings unwahrscheinlich.


Ziemlich beste Feinde

Es gibt Ermittlungen, Prozesse, gegenseitige Anschuldigungen. Weil Aussage gegen Aussage steht, stellen die Militärbehörden das Verfahren "Dassler/Dassler" entnervt ein. Doch die gemeinsame Geschichte von Dassler und Dassler ist damit Historie. Rudolf Dassler gründet seine eigene Firma, Puma, Adolf Dassler macht unter dem Namen Adidas weiter - und wird spätestens mit dem "Wunder von Bern" zur lebenden Legende, als elf Freunde aus Deutschland in Adidas-Schuhen Weltmeister wurden. Außerhalb des Fußballplatzes gab es in der Sport-Wunderwelt von Herzogenaurach aber nie wieder Freunde.




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