Aisch
Asyl in Franken

Adelsdorf wird neue Heimat für minderjährige Flüchtlinge

In zwei Häusern in Adelsdorf sollen unbegleitete minderjährige Flüchtlinge untergebracht werden. Die WAB Kosbach informiert am Donnerstag die Bevölkerung, wie die Betreuer den jungen Leuten helfen wollen.
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Einzel- und Doppelzimmer wird es in dem großen Haus in der Aischer Straße 10 geben. Auch ein großer Garten steht den minderjährigen Flüchtlingen hier ab Herbst zur Verfügung. Foto: Mona Lisa Eigenfeld
Einzel- und Doppelzimmer wird es in dem großen Haus in der Aischer Straße 10 geben. Auch ein großer Garten steht den minderjährigen Flüchtlingen hier ab Herbst zur Verfügung. Foto: Mona Lisa Eigenfeld
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"Die anfängliche Angst vor Fremdem ist normal. Umso wichtiger ist es, die Bevölkerung in den Inklusionsprozess mit einzubeziehen", findet Christine Reymann. Seit 16 Jahren leitet die Erzieherin eine Wohngruppe für Menschen mit psychischer Beeinträchtigung und seelischen Problemen in der Aischer Straße in Adelsdorf. "Die Bewohner sind perfekt in die Gesellschaft integriert. Sogar viele der unmittelbaren Anwohner wissen nicht, dass es sich bei den beiden Häusern um Einrichtungen der WAB handelt", berichtet die Adelsdorferin.

Die WAB Kosbach ist eine soziale Einrichtung und hat sich das Motto "Wohnen, Arbeiten, Befähigen" auf die Fahnen geschrieben. Als neuestes Projekt stellte Geschäftsführer Jürgen Ganzmann am Mittwoch die beiden geplanten Wohngruppen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Adelsdorf vor. Eine der Gruppen soll in einem großen Haus direkt gegenüber der beiden bisher genutzten Einrichtungen in der Aischer Straße untergebracht werden. Auch in der Bahnhofstraße plant die WAB eine solche Unterkunft.

Als Einzugsdatum wurde bereits der 1. September dieses Jahres festgelegt. "Momentan stecken wir aber lediglich in den Planungen", versichert Ganzmann. Die Zulassung sei schließlich ein komplexer Prozess, der mit einigen Hürden verbunden sei. Jedoch bestünde für den Landkreis, der als Kostenträger fungiert, auch ein gewisser Druck.

Bereits vor einem halben Jahr erging ein Appell an alle Landkreise, vermehrt Flüchtlinge aufzunehmen. Weil der Trägerverein Puckenhof bereits zum 1. Juli Wohngruppen in Aisch schaffen möchte, sei auch die WAB nun in Zugzwang geraten, die Bevölkerung rechtzeitig über ihre Vorhaben zu informieren.

Ganzmann selbst hält Adelsdorf für den idealen Ort, um der Aufnahmeverpflichtung des Landkreises nachzukommen: "Hier findet man einfach Top-Strukturen vor." Wichtig sei nämlich, keine Überbelastung durch Asylsuchende zu schaffen und eine gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr zu gewährleisten.
Bis zu zehn Jugendliche pro Haus im Alter zwischen 13 und 18 Jahren sollen ab Herbst rund um die Uhr betreut werden. Die Heranwachsenden kommen aus Krisengebieten wie Syrien, Eritrea, Afghanistan und Somalia. Die meisten von ihnen sind Jungen. Weibliche Flüchtlinge schafften es nur selten nach Deutschland, weil sie bereits auf der Flucht verschleppt würden, weiß Ganzmann.

"Diejenigen, die ankommen, haben niemanden mehr, der Verantwortung für sie übernehmen kann oder ihnen Schutz bietet", sagt er. Als wichtigsten Beweggrund für das Projekt der WAB nennt er die humanitäre Verpflichtung zur Hilfeleistung. Um sich über den Zustand der Jugendlichen zu informieren, besuchten er und sein Team insgesamt drei so genannte "Clearing"-Stellen. Hier verbringen die Flüchtlinge insgesamt drei Monate, bevor sie auf die verschiedenen Landkreise verteilt werden. "Das Ganze dient dazu herauszufinden, was die Menschen, die hier ankommen, erlebt haben, welche Sprache sie sprechen und ob das, was sie berichten, auch stimmt", erklärt Jürgen Ganzmann das Prozedere.

Angst vor der Abschiebung

Die Erfahrungen an diesen Stellen haben auch Ganzmanns Assistentin Svenja Kreiner nachhaltig geprägt. "Da war beispielsweise ein 14-jähriger Syrer, der sich für den Tod seines kleinen Bruders auf der Flucht verantwortlich machte", schildert die junge Frau. Daneben seien einige der Jugendlichen von Folter gekennzeichnet oder hätten schwere Kopfverletzungen. Den jungen Flüchtlingen falle es nach all diesen Erfahrungen schwer, Vertrauen zu fassen. Sie lebten mit der ständigen Angst, wieder abgeschoben zu werden. Verantwortlich macht Ganzmann hierfür das lange Asylverfahren, das aus seiner Sicht "eine echte Katastrophe" darstelle. Der Betreuungsansatz der WAB setze deshalb ein "intensives Ankommen" voraus. Dies beinhalte auch das Vermitteln von Sprachkenntnissen als "Schlüssel der Integration".
Auf speziellen Schulungen sollen die Mitarbeiter der WAB lernen, die fremden Kulturen zu verstehen. Im Gegenzug möchte man aber auch deutsche Sprache und Kultur vermitteln, um so das Entstehen einer Parallelgesellschaft zu verhindern. Fünf Vollzeitkräfte, darunter Sozialpädagogen und Heilerziehungspfleger, sind pro Einrichtung vorgesehen.
Sie verfügten über unterschiedliches Wissen und Können in fachlicher, kultureller und sprachlicher Hinsicht. "Aktuell können wir unter anderem auf Mitarbeiter zurückgreifen, die Arabisch, Russisch oder Amharisch (Amtssprache in Äthiopien, Anm. d. Red.) sprechen", informiert Ganzmann. Doch auch auf Seiten der Asylbewerber sei meist großes Interesse vorhanden, die deutsche Sprache zu erlernen.
Im Mittelpunkt des Projekts steht für ihn die Arbeits- und Beschäftigungstherapie. Denn Deutschland sei vor allem im Bereich der Handwerks-, Sozial- und Pflegeberufe durch den demografischen Wandel in den nächsten Jahren verstärkt auf Nachwuchs aus dem Ausland angewiesen. "Wenn wir unseren Wohlstand auch nur ansatzweise erhalten wollen, ist Zuwanderung unerlässlich", betont Ganzmann.
Zunächst sollen die jugendlichen Flüchtlinge spezielle Klassen in Höchstadt besuchen. Berufspraktika sollen ihnen bei der Suche nach einer Ausbildungsstelle helfen. Haben die Bewohner erst einmal die Volljährigkeit erreicht, können sie nämlich grundsätzlich nicht mehr in den Wohngruppen untergebracht werden. "Eine Ausbildung kann aber in jedem Fall abgeschlossen werden", stellt Ganzmann klar.
In ihrer Freizeit sollen die Bewohner hauswirtschaftliche Tätigkeiten erlernen, zur Reittherapie nach Kosbach gehen, sich in Vereinen engagieren oder bei der Gartenarbeit nützlich machen. Das von der WAB angemietete 3400 Quadratmeter große Anwesen in der Aischer Straße biete hierfür beispielsweise ausgezeichnete Bedingungen. Als übergeordnetes Ziel nennt Jürgen Ganzmann die Befähigung der jungen Menschen zu einem selbstständigen Leben. Um dieses Ziel zu erreichen, seien er und sein Team aber auf Unterstützung aus der Bevölkerung angewiesen. Nähere Informationen erhält diese deshalb heute um 19 Uhr im Foyer der Adelsdorfer Aischgrundhalle.
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