Dechsendorf
Einsatz

404 Ertrunkene - Errormeldung

In der Region Erlangen schauen die ehrenamtlichen Retter des Ortsverbandes Dechsendorf auf die Gewässer und helfen Menschen in "Badenot".
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Christina Mülheims hat mit ihrem Team immer einen Blick auf den Weiher. Der Einsatzbereich ist allerdings viel größer. Die Weiherlandschaft und der Kanal fordern den ehrenamtlichen Rettern einiges ab.Busch
Christina Mülheims hat mit ihrem Team immer einen Blick auf den Weiher. Der Einsatzbereich ist allerdings viel größer. Die Weiherlandschaft und der Kanal fordern den ehrenamtlichen Rettern einiges ab.Busch
Die Zahlen sind erschreckend: Im vergangenen Jahr sind in Deutschland mindestens 404 Menschen ertrunken. 329 Männer und Frauen, das sind mehr als drei Viertel der Opfer, verloren in Flüssen, Bächen, Seen und Kanälen ihr Leben. Das meldet die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft in ihrem Jahresbericht. Und führt weiter aus: Binnengewässer sind nach wie vor die Gefahrenquelle Nummer eins.
Nur vergleichsweise wenige Gewässerstellen werden von Rettungsschwimmern bewacht. Eine Ausnahme stellt zumindest am Wochenende und an Feiertagen der Dechsendorfer Weiher dar. Der DLRG-Ortsverband Dechsendorf absolviert zu allen Jahreszeiten dort Dienst. Im Winter schauen die ehrenamtlichen Helfer auf die Schlittschuhläufer, an den sommerlichen Sonnentagen gilt der Blick den Schwimmern.
Christina Mülheims ist die Vorsitzende des Ortsverbandes und kennt sich am rund 35 Hektar großen Gewässer aus. "Auch wenn der Dechsendorfer Weiher kein wirklich tiefes Gewässer ist, darf der Schwimmer die Gefahren hier nicht unterschätzen." Der Weiher ist an der tiefsten Stelle 2,50 Meter tief. Doch es sind die "Klassiker", die oft zu Badenfällen führen, weiß Mülheims. "Der wörtlich zu nehmende Sprung ins kalte und unbekannte Gewässer führt oft zu Verletzungen, auch bei uns." Keine Abkühlung, keine Kenntnis über die Gewässertiefe beim versuchten Kopfsprung. Fehler, die fatale Folgen haben können.
"Wir haben hier in der letzten Saison keinen Ertrunkenen bergen müssen, aber die typischen Verletzungen an einem See kommen schon vor", weiß die Vorsitzende zu berichten. Also Wunden, weil man in Scherben getreten ist, der Wespenstich oder das ganz banale Blasenpflaster
Die Anzahl der Opfer ist im Jahr 2017 um 24,8 Prozent auf 404 zurückgegangen. Ursächlich für die auf den ersten Blick positive Entwicklung war der Sommer mit vielen Regentagen und kühlen Temperaturen. Er hat viele Menschen von einem Bad im See oder an den Küsten abgehalten. Wie sich einigermaßen schönes Wetter auf die Ertrinkungsfälle auswirken kann, hat der Juni gezeigt: 69 Männer, Frauen und Kinder ertranken allein in diesem Monat, mehr als ein Sechstel der tödlichen Wasserunfälle des gesamten Jahres.


Kleinkind im Pool ertrunken

Deutlich gesunken sind die Todesfälle in Schwimmbädern. 2017 verzeichnete die DLRG-Statistik zwölf Opfer in Frei-, Hallen- und Naturbädern. In privaten Swimmingpools ertranken zwei Menschen, darunter ein Kleinkind.
Besonders vom Ertrinken betroffen sind Ältere. In der Altersklasse ab 55 Jahren ertranken 147 Menschen, das sind 36,4 Prozent der Gesamtzahl, im Vorjahr waren es noch 32,4 Prozent. Negativ sind auch die Ergebnisse bei den jungen Menschen ausgefallen. Fünf Kinder im Grundschul- und neun im Vorschulalter kamen im Wasser ums Leben.
DLRG-Präsident Achim Haag sagt dazu: "Hier ist sicherlich die zurückgehende Schwimmfertigkeit bei den Kindern eine Ursache." Hart kritisiert die DLRG in diesem Zusammenhang die sich weiter verschlechternden Rahmenbedingungen für die Schwimmausbildung. Die Zahl der geschlossenen und akut vor Schließung stehenden Bäder in Deutschland erhöhe sich stets, so Haag weiter.
Eine alarmierende Entwicklung, gegen die die DLRG auch in Dechsendorf und dem Umland anzukämpfen versucht. "Obwohl wir für die kommende Saison noch weitere Bahnkapazitäten zugeteilt bekommen haben, reichen diese nicht aus, um die enorme Nachfrage nach Schwimmausbildung zu decken, so dass wir leider auch immer wieder Kindern und Eltern eine Absage erteilen müssen." Im Erlanger Westbad bringen ausgebildete Trainer des Ortsverbands Dechsendorf in insgesamt zehn Kursen und Gruppen Kindern und Jugendlichen das Schwimmen und Rettungsschwimmen bei. 0 bis 25 Prozent aller Grundschulen bieten inzwischen keinen Schwimmunterricht mehr an, weil ihnen kein Bad zur Verfügung steht.


Piktogramme warnen

Eine besondere Risikogruppe stellen weiterhin die Flüchtlinge. Im vergangenen Jahr ertranken 23 Asylsuchende, die so gut wie alle Nichtschwimmer waren. Die DLRG hat hier bereits gehandelt und die Baderegeln in über 25 Sprachen übersetzt sowie Piktogramme der Baderegeln zum kostenlosen Nachdruck entwickelt und den Kommunen wie auch Gliederungen der DLRG zum Download zur Verfügung gestellt.
Im Übrigen: Trauriger Spitzenreiter ist und bleibt Bayern. Wie in den Vorjahren ertranken die meisten Menschen in Bayern, dort kamen 86 Personen ums Leben. Auf Rang zwei rangieren Niedersachsen, das flächenmäßig zweitgrößte Bundesland mit 55 und Nordrhein-Westfalen ebenfalls mit 55 Todesfällen, dritter ist Baden-Württemberg. In der internationalen Statistik "Ertrinken je 100 000 Einwohner" schließt Deutschland bei 82 Millionen Einwohnern mit dem sehr guten Wert von 0,49 ab. Damit liegt sie im weltweiten Vergleich in der Spitzengruppe. Trotzdem sind dies immer noch zu viele Todesfälle durch Ertrinken und die Schwimmausbildung muss weiter gehen.


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