Heßdorf
Skurriler Prozess

"Was soll der Scheiß?": 20-Jähriger verwechselt K.o.-Tropfen mit Anabolika und schläft im Drive-In ein

Ein junger Mann verwechselt offenbar K.o.-Tropfen mit Anabolika - und schläft im Drive-In-Schalter ein. In Erlangen hat jetzt der skurrile Prozess begonnen.
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K.o.-Tropfen: In diesem Fall wurden sie nicht unwissentlich untergejubelt, sondern mehr oder minder bewusst konsumiert. Symbolfoto: Franziska Rieger
K.o.-Tropfen: In diesem Fall wurden sie nicht unwissentlich untergejubelt, sondern mehr oder minder bewusst konsumiert. Symbolfoto: Franziska Rieger

Skurril. Der Staatsanwalt fand das richtige Wort für das, was am Dienstag (3. Dezember 2019) vor dem Erlanger Amtsgericht verhandelt wurde.

Laut Anklage hat sich Anfang Juli dieses Jahres Folgendes im Gewerbepark Heßdorf ereignet: Ein 20-Jähriger soll K.o.-Tropfen eingenommen haben und in benebeltem Zustand zum Drive-In-Schalter des dortigen Schnellimbisses gefahren sein. Er bestellte, bezahlte - und schlief ein. Erst als ein Mitarbeiter auf die Hupe des Autos drückte, wachte der junge Mann auf, nahm sein Essen entgegen, fuhr einige Meter weiter und schlief wieder ein. In der Drive-In-Spur bildete sich ein Stau.

20-Jähriger völlig benebelt

Der Mitarbeiter war als Zeuge geladen und bestätigte diese Angaben. "Bevor er wieder stehen blieb, ist er ziemlich rasant einmal um das Haus gefahren", ergänzte er noch. Danach sei der benebelte Mann teilweise ansprechbar gewesen, teilweise nicht. Jedoch sei er in der Lage gewesen, seine Position beim Schlafen zu ändern. "Mal lag er halb auf dem Beifahrersitz, mal vornüber auf dem Lenkrad, mal streckte er die Füße durch das geöffnete Fahrerfenster."

Der Angestellte informierte Polizei und Rettungsdienst. Dieses seltsame Verhalten hätte ja auch eine medizinische Ursache haben können. Es stellte sich jedoch bei einem Drogenschnelltest heraus, dass der junge Mann K.o.-Tropfen und THC konsumiert hatte. Beides wurde durch eine Blutentnahme bestätigt.

Geständig, aber naiv

Der Angeklagte zeigte sich geständig - machte jedoch einen mehr als naiven Eindruck bei der Aussage, dass er sich die Droge eigentlich als "Fitness-Tropfen" bestellt hatte. "Ich habe auf verschiedenen Seiten im Internet gelesen, dass die das Muskelwachstum beschleunigen." Über Nebenwirkungen habe er sich nicht informiert. Auch sei er nicht vorsichtig geworden, als sich die Ware - die er über eine nicht gerade seriös wirkende Seite bestellt hatte - als braunes Fläschen ohne Etikett herausstellte. Anzeichen von Übelkeit, die er schon bei der ersten Einnahme feststellte, habe er nicht darauf zurückgeführt. "Es ist einem ja auch manchmal einfach so übel."

Drei Mal täglich habe er die Tropfen genommen, an besagtem Tag daher in der Mittagspause, bevor er sich etwas zu Essen holen wollte. Gearbeitet hat er als Verkäufer in Laufweite zu dem Fastfood-Restaurant. Warum er für die kurze Strecke sein Auto bemühte, konnte der 20-Jährige nicht hinreichend erklären. Zumal er sich an den "peinlichen Auftritt", wie der Staatsanwalt später betonte, gar nicht mehr erinnern konnte.

Der Polizist, der als Zeuge befragt wurde, meinte: "Mit dem Laufen ging es wohl nicht mehr so gut. Zumindest hat er sich auf dem Revier dahingehend geäußert." Eine Aussage, die im Saal ungläubiges Schmunzeln hervorrief.

Schon öfter Kontakt mit Drogen

Der Auszug aus dem Bundeszentralregister stellte schließlich klar, dass dies nicht die ersten Drogenerfahrungen des Angeklagten waren. Neben Diebstahl finden sich dort vor allem Delikte im Betäubungsmittelbereich, für die er zum Teil auch schon in Jugendarrest war und eine Bewährungsstrafe bekommen hat.

Der Mitarbeiter der Jugendgerichtshilfe stellte dem jungen Mann trotzdem ein recht positives Zeugnis aus: Außer im Jahr 2015, als er des öfteren halblegale Kräutermischenungen konsumiert hatte, sei er gut durch die Schule gekommen. Er hat schließlich sogar seinen Quali geschafft, eine Ausbildung absolviert und stand seitdem durchgehend in Lohn und Brot. Auch zu Hause herrschen bei der ursprünglich aus Kasachstan stammenden Familie stabile Verhältnisse. Mit seiner Freundin wolle der junge Mann im nächsten Jahr in eine eigene Wohnung ziehen.

"Was soll der Scheiß?" - Staatsanwalt fassungslos

Der Staatsanwalt sah die Prognose trotz aller positiven Punkte nicht ganz so rosig: Immerhin sei er immer wieder auf Drogen zurück gefallen. "Und sind wir mal ehrlich: Mittel zum Muskelaufbau - das haben Sie gar nicht nötig, wenn ich Ihre Oberarme so anschaue. Was soll dann der Scheiß?!" Er sei fassungslos, wie man ein doch ganz stabiles, geordnetes Leben so aufs Spiel setzen könne. "Es ist nicht die Regel, dass die jungen Leute, die hier sitzen, eine Arbeit haben."

"Ich bereue das derb und bin froh, dass nichts passiert ist", entschuldigte sich der 20-Jährige schließlich noch, als ihm "das letzte Wort" erteilt wurde.

Das Jugendschöffengericht verurteilte den jungen Mann nach Erwachsenenstrafrecht - blieb aber am unteren Rand des Strafrahmens. "Eine Freiheitsstrafe muss sein, alles andere hat ja bisher nicht gefruchtet", begründete der Vorsitzende Richter Wolfgang Pelzl. Fazit: Vier Monate und eine Woche zur Bewährung. Die Bewährungszeit beträgt drei Jahre und er bekam mehrere Auflagen, gegen die er nicht verstoßen darf: 80 Stunden gemeinnützige Arbeit, zehn Euro pro nicht geleistete Stunde, mehrere Drogenscreenings jährlich auf eigene Kosten, sechs Drogenberatungsgespräche und einen Bewährungshelfer als Stütze.

Die jüngste Verurteilung zu einer Geldstrafe, die noch nicht abgestottert war, wurde mit einbezogen. "Wenn Sie auch nur gegen eine dieser Auflagen verstoßen, wandern sie ins Gefängnis", warnte Pelzl. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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