Hallstadt
Nacht in Franken

Damit andere ruhig schlafen: Unterwegs mit dem Wachdienst

Wenn die letzten Geschäfte ihre Rollläden hinunter lassen und müde Klubbesitzer den Feierabend einläuten, beginnt für Dietmar Montag der Arbeitstag. Er stellt sicher, dass die Türen nachts auch geschlossen bleiben.
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Vor Ort muss Dietmar Montag erst einmal die Alarmanlage ausschalten. Foto: Marian Hamacher
Vor Ort muss Dietmar Montag erst einmal die Alarmanlage ausschalten. Foto: Marian Hamacher
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War das ein Knacken? Zeit für innere Fragen hat Dietmar Montag nicht. Ruckartig schiebt er einen weißen telefonbuchgroßen Vorhang zur Seite - und erhält die Antwort. Ebenso schnell wie sich alle Muskeln seines Körpers zuvor gleichzeitig anzuspannen schienen, lösen sie sich wieder. Müde lächelnd schließt er das gekippte Kellerfenster. "Das haben die Besitzer wohl wegen der großen Hitze offen gelassen", sagt er, während er noch schnell einen Blick hinter die geöffnete Tür wirft. Auch dort könnte sich ja ein Einbrecher verstecken.

Es ist kurz nach Mitternacht und sein erster Sondereinsatz in dieser Schicht. Keine halbe Stunde dauerte es, ehe der Kollege in der Nürnberger Einsatzleitung den ersten Einbruch in dieser lauen Dienstagnacht meldete. Alarmglocken schrillen bei Montag bei solchen Aufträgen schon lange nicht mehr - schließlich entpuppen sich die meisten vermeintlichen Einbrüche als Fehlalarm. "Die Polizei verständigen wir erst, wenn Einbruchspuren festgestellt werden", erklärt Montag.

Der erste Weg führt ihn daher zunächst um die hinter Hecken und Bäumen etwas versteckt liegende Hallstadt er Villa. Sichtbare Schäden gibt es keine. Alle Rollläden sind geschlossen, wirken unangetastet. In die Wohnung muss der 63-Jährige trotzdem, irgendwer oder irgendetwas hat immerhin einen Alarm ausgelöst. Nicht nur Firmen oder mittelständische Betriebe befinden sich in der Kundenkartei des Wachdienstes. Je nach Auftragsart lassen es sich auch Privatpersonen zwischen 50 Cent pro Einsatzminute und 20 Euro die Stunde kosten, ruhigen Gewissens in den Urlaub fahren zu können und ihre eigenen vier Wände beschützt zu wissen.

In der großzügigen Villa sind es diesmal allerdings etwas mehr als vier Wände, die es auf einen möglichen Einbrecher abzusuchen gilt. 20 Minuten sowie Blicke hinter Gardinen, Türen und in die kleinsten Nebenräume später, ist der "Übeltäter" immer noch nicht gefunden. Der aufmerksame Sensor hingegen schon.

Alarm wurde in der Einliegerwohnung ausgelöst, in der Montag außer dem gekippten Fenster nichts feststellt. Wie so oft war der Sensor wohl wieder etwas überengagiert. Montag tippt auf eine Maus, die in Nürnberg ein rotes Lämpchen munter aufblinken ließ. "Da reicht sogar schon eine Motte aus, die zu dicht am Sensor vorbeifliegt", erklärt er.


Was keine Routine werden darf

Rasch noch einen Benachrichtigungszettel für die Besitzer ausgefüllt und in den Briefkasten geschmissen, sitzt er wieder in seinem silbernen Dienst-Ford mit dem Firmenlogo auf der Motorhaube. "Ankunft 23.45 Uhr, Abrücken 00.10 Uhr. Keine Feststellung", meldet er der Einsatzleitung. Treibt ein solcher Einsatz den Blutdruck nach 17 Jahren wenigstens noch ein bisschen nach oben? "Nein, das war Routine", sagt er, schiebt aber schnell nach: "Auch wenn es natürlich nie Routine werden darf. Aber in der Regel warten die Einbrecher ja nicht auf uns."
Montag ist der Dienstälteste der 50 Mitarbeiter in der Hallstadter Filiale der Nürnberger Wach- und Schließgesellschaft. Von Haßfurt bis Höchstadt erstreckt sich das Revier, in dem er tagsüber oder nachts als Wachmann für Objektschutz unterwegs ist. Mal im Auto von Kunde zu Kunde, mal als Werksschutz vor Ort. Rund zwei Jahre hat Montag - graue, leicht gelockte Haare, farblich passender Schnauzbart und orange-gelbe Brille im Leopardenmuster - noch vor sich, ehe es in Rente geht. Darauf zu freuen scheint er sich nicht. "Es macht mir einfach großen Spaß." Auch, weil die Nacht nie endet, wie sie eigentlich geplant war.

Als Montag gegen 23 Uhr in den Wagen steigt und sein Kollege ihm durch das geöffnete Seitenfenster noch eine ruhige Schicht wünscht, hat er auf einem Klemmbrett nur die Namen und Adressen von Firmen sowie Geschäften dabei, die es im Laufe der Nacht abzuarbeiten gilt. Manchen Kunden reicht es, wenn vor Ort Präsenz gezeigt wird, andere wünschen eine Kontrollrunde durch die Gebäude.

Eine gelb-blaue Fernbedienung - von Montag liebevoll Knochen genannt - speichert nicht nur ab, wann er vor Ort war, sondern teilt ihm auch mit, wenn nicht alle Melder grünes Licht geben. Gleich zwei Mal verweigert der Knochen innerhalb der ersten drei Stunden dieser Schicht seine Zustimmung: Ist es in der ersten Firma mit einem offenen Fenster erneut der Klassiker, der Montag zu einer Extra-Runde zwingt, wird die Routine in den Hallen eines Metallherstellers durchbrochen.

Plötzlich steht ein dunkel gekleideter Mann vor ihm. Irritiert wirkt Montag nur für den Bruchteil einer Sekunde, dann kommt die Routine durch. "Was machen Sie hier?", fragt er den unerwarteten Besucher ebenso streng wie bestimmt. Es ist eine Notlösung. "Zürückziehen, beobachten, Polizei rufen" lautet das während der Ausbildung vermittelte Credo - was Auge in Auge mit einer fremden Person nur etwas schwierig umzusetzen ist.

Der Mann fühlt sich überrumpelt, der Plan geht auf. Er arbeite hier und sei über den Zaun geklettert, weil er vergessen habe, das Licht auszuschalten, versucht er Montag hektisch zu vermitteln. Einen Anruf beim Chef des Betriebs später, bestätigt sich dessen Geschichte. Der Wachmann darf abrücken, abgehakt ist der Fall aber noch nicht. Am nächsten Tag wird ein Kollege nachforschen, wie der Ertappte aufs Gelände kommen konnte.


Zwei Stunden Verzögerung

Zurück im Auto wirkt Montag erleichtert. Oft gerät er nicht eine solche Situation. Vielleicht in einer von zehn Schichten, sagt er. Erst einige Stunden später wird der 63-Jährige die Situation noch einmal Revue passieren lassen. Erneut knackt es in den Lautsprechern. Nürnberg meldet sich. Sondereinsatz. Das Sicherheitssystem eines Höchstadter Supermarktes schlägt Alarm - abermals ohne triftigen Grund. Mäuse oder Motten eben. Nach zwanzig Minuten scheint alles geklärt, doch noch immer meldet ein Sensor Probleme.

Erst rund zwei Stunden und viele Meter durch leere Gänge auf der Suche nach der fehlerhaften Technik oder eines geöffneten Fensters später, geht es zurück nach Bamberg, um die Läden der Innenstadt zu überprüfen. Mittlerweile ist es drei Uhr. "Hauptsächlich schauen wir, dass keine Schaufensterscheiben zerbrochen sind, aber das kommt unter der Woche so gut wie nie vor", sagt Montag entspannt. Von seiner Klemmbrett-Liste haben ihm Kollegen der beiden anderen Reviere wegen der Verzögerungen bereits einige Ziele abgenommen. Denn so wie geplant geht keine Nacht zu Ende.

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