Coburg
Engagement

Zehn Wochen lang Grenzerfahrung

Fünf Studenten der Hochschule Coburg sind entlang der Balkanroute gereist, haben Flüchtlingen beigestanden und deren Helfer unterstützt.
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Laura Gali (Zweite von links) unterrichtet Geflüchtete im Rahmen des Projekts "Habibi.Works" im nordgriechischen Ioannina. Foto: F.E.E.L-Effect
Laura Gali (Zweite von links) unterrichtet Geflüchtete im Rahmen des Projekts "Habibi.Works" im nordgriechischen Ioannina. Foto: F.E.E.L-Effect
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Es wird weiter kontrovers diskutiert über Obergrenzen und Familiennachzug. Das Thema Flüchtlinge hat die Bundestagswahl mitbestimmt und spaltet die Gesellschaft. Fünf junge Leute aus Coburg wollten sich selbst ein Bild davon machen, wie die Situation an den sogenannten europäischen Außengrenzen ist. Zehn Wochen, von Ende September bis Anfang Dezember vergangenen Jahres, waren sie entlang der Balkanroute unterwegs. "Es ist mir bewusst, dass wir an den politischen Strukturen nichts ändern, aber wir konnten in einem gewissen Rahmen helfen. Ich bin froh, dass ich diese Entscheidung getroffen habe", sagt Laura Gali. Und Max Behrens ergänzt: "Wir haben viele unserer Ziele umsetzen können und aktive Hilfe geleistet. Das war auch gut für uns." Nun wollen sie Vorträge halten - am liebsten in Schulen -, über ihre Erlebnisse berichten und ihre Zuhörer für das Thema Flucht, aber auch damit einhergehende Menschenrechtsverletzungen sensibilisieren.

Im Sommer hatten sieben Studierende der Hochschule Coburg das Projekt F.E.E.L. (Fellowship - Equality - Engagement - Liberation)-Effect gegründet. Ihr Ziel: über Land nach Griechenland und Serbien fahren, Hilfsgüter mitnehmen und sich vor Ort in der Betreuung von Geflüchteten engagieren. Dazu waren Spenden notwendig. Einen VW-Bus haben die Eltern zweier Teilnehmer vorfinanziert. "Den wollen wir jetzt wieder verkaufen und das Geld zurückgeben", erzählt Max Behrens. Sehr viele Sachspenden kamen von der Kirchengemeinde Katharina von Bora. "Wir hatten uns vorher erkundigt, was vor Ort am meisten gebraucht wird. Das waren zum Beispiel Stoffe, Knöpfe, Kochuntensilien, Bestecks. Wir haben so viel bekommen, dass unser ganzes Auto voll war." Auch Geldspenden gab es - unter anderem vom Lions Club Coburg Veste. Darum hatten sich zwei aus der F.E.E.L-Effect-Gruppe gekümmert, die zu Hause geblieben waren. Ein Münchner Verein gab Geld, das an Sachspenden gebunden war. "Davon haben wir einen Durchlauferhitzer, eine Pumpe, eine Autobatterie für eine mobile Dusche in Serbien und warme Unterwäsche gekauft."


Demonstration in Athen

Anfang September starteten die fünf Studierenden. Ihre erste Station war die griechische Hauptstadt Athen, wo sie an einer Demonstration teilnahmen, mit der darauf aufmerksam gemacht werden sollte, dass an Europas Außengrenzen Tausende Menschen sterben und nichts dagegen unternommen wird. Von Athen ging es weiter nach Ioannina in Nordgriechenland zum Projekt "Habibi.Works". Dort werden den Geflüchteten Werkstätten zur Verfügung gestellt. "Wir haben uns mit um die Organisation gekümmert, auch darum, dass möglichst genügend Essen da ist", erläutert Max Behrens. "Wir konnten aber auch viel mit den Menschen reden, ein bisschen arabisch oder kurdisch sprechen lernen und unsere Englischkenntnisse weitergeben", ergänzt Laura Gali. Viereinhalb Wochen waren sie in Nordgriechenland, dann machten sie sich auf den Weg nach Serbien - über eine Woche dauerte das. "Dort wollten wir uns die Grenzsituation anschauen, nachdem die Balkonroute dicht gemacht worden war", sagt Max Behrens. Auch in Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze haben sie sich umgeschaut und mit Frontex-Soldaten gesprochen. Flüchtlinge gibt es nach der Räumung des Lagers dort nicht mehr.
An der mit einem hohen Zaun gesicherten Grenzlinie zu Ungarn haben sie die Soldaten der Visegrád-Staaten (Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn) patrouillieren sehen. "Es gibt Wärmebildkameras, Hunde und Durchsagen, dass geschossen wird, wenn jemand versuchen sollte, die Grenze zu überwinden. Wir haben Menschen mit Hundebissen gesehen, die von den ,Ärzten ohne Grenzen‘ behandelt wurden", erzählt Laura Gali. Das Problem: Serbien ist selbst ein sehr armes Land und kaum in der Lage, geflüchtete Menschen zu versorgen. "Uns wurde erzählt, dass 2015 im Durchschnitt pro Tag 15 000 Menschen durch die Dörfer gekommen sind", erläutert Max Behrens. Doch wohin sollen sie sich jetzt wenden, nachdem die Grenzen Richtung Europa zu sind? "Es gibt noch immer Schleuser, die sie für viel Geld weiterbringen", sagt Laura Gali. Das nütze aber nur denen, die sich das auch leisten können. Andererseits gebe es auch in Serbien Menschen, die sich ehrenamtlich für Flüchtlinge engagieren. In Belgrad hatten die Coburger Kontakt zu solchen Helfern.


Immer wieder Infektionen

Von Serbien aus ist die F.E.E.L-Effect-Gruppe ins griechische Thessaloniki gefahren, wo sie in einem Camp mitgearbeitet hat. "Die versuchen, das zu übernehmen, was die NGOs nicht mehr bewältigen können", erzählt Max Behrens. Aber das funktioniere auch nur bedingt, denn die Organisatoren seien auf Spenden angewiesen. Was die geflüchteten Menschen an Regelsätzen bekommen, reiche bei weitem nicht aus. Laura Gali erinnert sich: "Weil zum Beispiel nicht genug Windeln da sind, waschen Frauen sie aus, obwohl sie aus Zellstoff sind. Deshalb gibt es immer wieder Infektionen."

Von Griechenland ging es schließlich noch einmal zurück nach Serbien zu einem Projekt, das mobile Duschen für die Flüchtlinge zur Verfügung stellt, die in Zelten oder Baracken darauf warten, dass sie weiterziehen können. Sie bekommen nicht nur die Möglichkeit, sich zu duschen, sondern werden auch mit Trinkwasser, Hygieneartikeln und frischer Bekleidung versorgt. Außerdem dokumentieren die Mitarbeiter des Projekts alles, was sie erleben, darunter auch Menschenrechtsverletzungen, wissen Laura Gali und Max Behrens. Das habe dazu geführt, dass diese Vorfälle öffentlich gemacht werden können, weil sich große überregionale Medien dafür interessieren.

Und wie geht es weiter mit F.E.E.L-Effect? Die Mitglieder der Gruppe wollen dranbleiben, nicht verbrauchtes Geld von ihrer Tour spenden und sich vielleicht auch wieder auf den Weg machen. Jetzt aber geht es erst einmal darum, weiterzugeben, was sie in Griechenland und Serbien erfahren haben. Wer sich für Einzelheiten der ersten Tour interessiert und Kontakt zu F.E.E.L-Effect aufnehmen möchte, kann sich unter www.feeleffectblog.wordpress.com

den Blog ansehen, der während des zehnwöchigen Einsatzes entstanden ist.
 


F.E.E.L.-Effect

Der Gruppe gehören sieben Studierende der Hochschule Coburg an: Laura Gali, Katharina Waldinger, Barbara Steidl, Johannes Kobras, Maximilian Behrens, Alexander Kreysig und Henning Busch. Fünf von ihnen waren entlang der Balkanroute unterwegs, zwei unterstützten das Projekt von zu Hause aus und akquirierten unter anderem Spenden.

 

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