Coburg

Wünsche an den künftigen Orchester-Chef: Einen Coburger Klang entwickeln

Was sich der Orchestervorstand des Landestheaters vom neu zu kürenden Coburger Generalmusikdirektor erhofft.
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Bekommt zum Herbst 2020 einen neuen musikalischen Chef - das Philharmonische Orchester des Landestheaters Coburg.foto: Sebastian Buff
Bekommt zum Herbst 2020 einen neuen musikalischen Chef - das Philharmonische Orchester des Landestheaters Coburg.foto: Sebastian Buff
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Spannende Wochen erlebt das Philharmonische Orchester des Landestheaters. Das meint nicht nur den voraussichtlich um ein Jahr bis zum Herbst 2022 verzögerten wahrscheinlichen Fertigstellungstermin für das Globe. Das meint vielmehr besonders die künstlerische Begegnung mit den drei Kandidaten für die Nachfolge von Roland Kluttig als Generalmusikdirektor am Landestheater Coburg. Mit Dirigaten von Bizets Oper "Carmen" sowie mit jeweils drei Auftritten auf dem Konzertpodium und den dazugehörigen Proben haben sich Harish Shankar, Moritz Gnann und Daniel Carter dem Orchester vorgestellt. Im Interview verrät der dreiköpfige Orchestervorstand, welche Erwartungen der künftige Chef erfüllen soll und welche Entwicklungsmöglichkeiten das Orchester für seine Zukunft sieht.

Das Philharmonische Orchester hat in den letzten Jahren eine bemerkenswerte Entwicklung genommen. Wie haben Sie diese Veränderungen wahrgenommen, seit Sie dem Orchester angehören?

Hedwig-Martha Emmerich: Es hat sich Vieles sehr, sehr positiv entwickelt. Ich habe 2012 hier angefangen, war die letzten drei Spielzeiten in Elternzeit. Schon in diesen drei Jahren hat sich musikalisch unglaublich viel getan. Es sind viele neue Kollegen gekommen. Das trägt auch dazu bei, aber es liegt sicher nicht nur an den neuen Kollegen, dass das Orchester immer besser wird.

Jonathan Baur: Gerade die Mischung aus neuen und erfahrenen Kollegen macht die gute Stimmung aus und unser GMD Roland Kluttig hat es immer gut verstanden, daraus das Orchester weiterzuentwickeln.

Wo sehen Sie weiteres Entwicklungs-Potenzial für das Orchester?

J.B.: Durch die tolle Entwicklung, die das Orchester in den letzten Jahren genommen hat, hat man z.B. auch die Möglichkeit, authentisch eine Barockoper oder Mozartsinfonie mit historischen Instrumenten oder wie jetzt das Rheingold mit Wagnertuben und Basstrompete zu spielen. Für die Zukunft hoffe ich, dass man solche Möglichkeiten noch mehr ausschöpft - das Potenzial dafür haben wir.

Das klassische Konzertpublikum wird auch in Coburg im Durchschnitt gefühlt immer älter. Was kann das Orchester tun, um diesem Trend entgegen zu wirken?

J.B.: Der Trend geht eigentlich schon wieder in die andere Richtung. Vor vielleicht zehn Jahren hat das noch gestimmt. Das Zauberwort ist Education. Da wird bereits sehr viel getan. Wir sind sehr glücklich, dass wir sehr viele Kollegen haben, die sich aktiv dafür einsetzen, die eigene Konzepte entwickelt haben. Das Publikum von morgen wird heute schon umworben. Da ist viel Gutes schon auf dem Weg.

D.S.: Wir haben in Coburg leider keine dafür benötigte Education-Stelle, die es schon in vielen anderen Orchestern gibt. Bei uns wird das hauptsächlich aus den Reihen des Orchesters heraus gestaltet.

H.-M. E.: Allein diese Saison gibt es vier neue Projekte speziell für Schulen. Roland Kluttig hat diese Entwicklung in den letzten Jahren immer sehr unterstützt und gefördert. Das ist natürlich etwas, was wir uns von unserem zukünftigen GMD wünschen - dass er in dieser Hinsicht viel macht.

Was wünschen Sie sich daneben vom künftigen Generalmusikdirektor in Coburg?

D.S.: Ich wünsche mir jemanden, der in Coburg wirklich präsent ist, der ein Gesamtkonzept hat und sich nicht nur darauf konzentriert, ein gutes Konzert auf die Beine zu stellen. Jemanden, der die bisherige Entwicklung fortsetzen und kontinuierlich etwas aufbauen will.

J.B.: So gut die Entwicklung unseres Orchesters bislang schon ist: Natürlich gibt es Sachen, wo wir noch Potenzial haben. Langfristig wäre es schön, ein gemeinsames Verständnis beim Musizieren zu entwickeln und dabei noch mehr aufeinander zu hören. Natürlich hat jeder seine eigene Interpretation, aber einer allein kann nie richtig sein. Unser Wunsch wäre es, gemeinsam mit dem GMD und den Kapellmeistern an einer einheitlichen Klangsprache zu arbeiten. Es gibt die musikalische Seite - und es gibt die strukturelle Seite. Dazu gehört, dass er z.B. die London-Kooperation weiterführt und, dass er das Orchester auch programmatisch weiter fordert.

Akustisch gilt das Landestheater vor der Sanierung durchaus als heikel - vor allem bei den Sinfoniekonzerten. Wie erleben Sie die aktuelle Situation?

H.-M. E.: Der Klang auf der Konzertbühne im Landestheater spiegelt eigentlich nicht wider, was wir derzeit können. Sobald wir aus dem Saal rauskommen, der uns ein bisschen hemmt, macht es einfach nur Spaß, die Konzerte zu spielen.

D.S.: Bei der Sanierung hoffen wir deshalb, dass die Akustik nicht unter den Teppich gekehrt wird und auch im Hinblick auf das Globe haben wir diesbezüglich große Hoffnungen

J.B.: Bei Konzerten im Theater spielt das Orchester leider deutlich unter seinen Möglichkeiten. Das ist nicht selbstverschuldet, sondern das sind einfach die Gegebenheiten. Roland Kluttig hat das nach dem Gastspiel in London schön formuliert: Ein Orchester braucht eine gute Akustik wie die Luft zum atmen. Auch deshalb würden wir uns sehr wünschen, dass sowohl bei der Sanierung als auch beim Globe auf eine top Akustik geachtet wird. Wir haben viel zu bieten. Mit Sinfoniekonzerten nur im Theater werden wir unter Wert verkauft.

Das Orchester probt derzeit überwiegend in einem Probenraum im Hahnweg, weil der Orchesterprobensaal im Landestheater nur unzureichende Möglichkeiten bietet. Welche Wünsche hat das Orchester für einen künftigen Probenraum?

J.B.: Akustisch ist der Probensaal im Hahnweg in Ordnung. Das ist ein großer Fortschritt zu der Probebühne im Theater, dennoch gibt es noch deutliche Mängel, die uns die tägliche Probenarbeit sehr erschweren. Da hoffen wir auf baldige Verbesserungen. Wir rechnen damit, dass wir noch acht Jahre im Hahnweg proben werden.

D.S.: Der künftige neue Probensaal soll dann ja in einem Neubau neben dem Theater entstehen, worüber wir sehr froh sind. Es ist wichtig und gut, dass das Orchester zentral in der Stadt verankert sein wird.

Das Orchester hat einen umfangreichen Katalog an Kriterien erarbeitet für die GMD-Wahl. Was sind aus Ihrer Sicht die entscheidenden Faktoren?

H.-M.E.: In Absprache mit dem Intendanten haben wir uns diesen Katalog an Kriterien erarbeitet. Wir sind sehr froh und dankbar, das er uns so mit einbezieht, weil wir uns da sehr wertgeschätzt fühlen als Orchester und unsere Meinung mit in die Waagschale werfen können.

J.B.: Unser Ansatz ist: Wir wollen eine klare Aussage treffen, aber wir wollen es uns auch nicht zu leicht machen. Persönliches Empfinden soll nicht im Vordergrund stehen. Deswegen haben wir versucht, musikalische Parameter zu finden: Wie ist das Gehör? Wie ist das Rhythmusgefühl? Wie ist die reine Schlagtechnik? Wie ist die Probenarbeit? Wie ist die Kommunikation? Uns ging es darum, dass jeder Kollege im Orchester sich wirklich mit diesen Fragen beschäftigt - das sind wir den Kandidaten ja auch schuldig. Wir haben das Privileg, in die Entscheidung über unseren künftigen Chef involviert zu sein. Das ist doch großartig für uns. Da haben wir die Verpflichtung, das so gewissenhaft wie möglich anzugehen. Sympathie allein reicht nicht - wir suchen ja keinen Kumpel.

Das Philharmonische Orchester und die Coburger GMD-Suche

Geschichte Das Philharmonische Orchester Landestheater Coburg blickt auf eine lange und traditionsreiche Geschichte zurück. Die Existenz des einst als "Herzoglich Coburg-Gothaische Hoftheater-Kapelle" gegründeten Klangkörpers lässt sich nahtlos bis ins Jahr 1714 zurückverfolgen. Große Komponisten und Dirigenten wie Richard Strauss und Hector Berlioz haben hier dirigiert, Solisten wie Wilhelm Kempff oder Joseph Szigeti sind mit dem Orchester aufgetreten.

Gegenwart Heute begleitet das Philharmonische Orchester die laufenden Opern-, Operetten-, Musical- und Ballettproduktionen des Landestheaters Coburg. Dazu kommt eine Konzertreihe mit sechs Sinfoniekonzerten pro Saison sowie verschiedene Sonderkonzerte wie das Neujahrskonzert oder das Klassik-Open-Air im Rosengarten.

Drei GMD-Kandidaten Drei Aspiranten bewerben sich um die Nachfolge von Roland Kluttig als Coburger Generalmusikdirektor. Mitte bis Ende Januar soll die Entscheidung gefallen sein unter diesen drei Kandidaten: Harish Shankar, Moritz Gnann und Daniel Carter. Jeder dieser drei Kandidaten stellte sich mit einem Opern-Dirigat sowie als Dirigent eines Gesprächskonzerts (Concertino) und eine Sinfoniekonzert-Programms vor.red

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