LKR Coburg
Kreisversammlung

Wohin geht die Reise der Landwirtschaft?

Auf seiner Kreisversammlung am Mittwochabend zog der BBV-Kreisverband eine insgesamt positive Bilanz, machte aber auf die Probleme der Bauern aufmerksam.
Artikel drucken Artikel einbetten
Im Gespräch: Gerd Sonnleitner, Kreisobmann Martin Flohrschütz und Hans Rebelein (von links). Foto: Gabi Bertram
Im Gespräch: Gerd Sonnleitner, Kreisobmann Martin Flohrschütz und Hans Rebelein (von links). Foto: Gabi Bertram
+1 Bild
Gab es im Coburger Land im Jahr 1990 noch 1421 landwirtschaftliche Betriebe, sind es heuer nur noch 721. Die Zahl der Milchviehhalter ging von 813 auf 196, der Muttersaubetriebe von 468 auf 45 und der Mastschweinebetriebe von 1027 auf 166 zurück. Die Zahlen hatte Harald Weber vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (Aelf) in seinem "Notfallkoffer". Und sie bestärken die Landwirte in ihrer Kritik an Politik und Gesellschaft. Einmal mehr monierte Kreisobmann Martin Flohrschütz die staatlichen Auflagen und Verordnungen, nennt vor allem die Düngeverordnung eine große Niederlage. Die Verordnung sei fachlich falsch und schlecht gemacht.

Aber wohin geht die Reise in der Landwirtschaft? Flohrschütz mahnte, bei allen Diskussionen um die "Landwirtschaft 4.0" und die Digitalisierung, das tägliche Wirtschaften, das Gefühl für Boden und Tiere nicht zu vergessen. Der Ehrengast des Abends - Gerd Sonnleitner, Ehrenpräsident des DBV und BBV - dagegen sieht die "Landwirtschaft 2030" wesentlich optimistischer und wollte an diesem Abend Mut machen, Mut, sich der Entwicklung zu stellen, sich einzubringen und sich nicht den Schneid von üblen Hetzparolen in den sozialen Medien abkaufen zu lassen.


Bauernfamilien sind Leistungsträger

Sonnleitner sieht die "Reise der Landwirtschaft in die Zukunft" pragmatischer, verliert sich nicht in der aktuellen Problematik, sondern spannt den Bogen weit zurück in die Geschichte der Menschheit. Immer, meint er, seien die Bauern die Dienstleister der sich entwickelnden Gesellschaft gewesen, ohne die weder das Römische Reich noch die Industrialisierung funktioniert hätten. Dabei stünden die Bauern auch immer unter dem Druck, mehr Menschen mit immer preisgünstigeren Nahrungsmitteln zu versorgen. Bauernfamilien seien die Leistungsträger in der Gesellschaft, und die Ernährung heute sei noch nie so gut, so vielfältig und so preisgünstig gewesen. Er appellierte an die Bauern, sich selbstbewusst zu geben und der Digitalisierung in der modernen Welt zu stellen. "Alle dürfen modern sein, aber wenn es die Bauern sind, ist es plötzlich schädlich." Die Landwirte müssten sich in die
gesellschaftliche, technische und politische Entwicklung einbringen und diese so steuern, dass sie auch eine faire Chance haben.

Deutschland lebe im Wohlstand, aber auch nur deswegen, "weil wir uns alle Sklaven halten", meinte Sonnleitner provokativ und legte Beweise vor: Billigkleidung aus Bangladesch, Blumen aus Kenia. "Alle sagen, das ist eine Schweinerei, aber gekauft wird immer das billigste." In diesem Spannungsfeld befände sich eben auch die Landwirtschaft. Der Verbraucher kritisiere Massentierhaltung, greife aber im Supermarkt nach den billigsten Schnitzeln. Die Bauern müssten da gute Antworten finden, und
mit offenen Höfen, Urlaub auf dem Bauernhof, Direktvermarktung oder regionalen Bauernmärkten sei man auf dem richtigen Weg, das Image zu stärken. Es gehe um Regionalität, Qualität und Nachhaltigkeit. Dabei hätten gerade die Bauern hierzulande bessere Voraussetzungen als die
meisten ihrer Berufskollegen in der Welt. "Wir haben Rechtsstaatlichkeit, ein moderates Klima, Sicherheit des Eigentums, eine gute Bildung, eine funktionierende Infrastruktur und die Einbindung in
die europäische Agrarpolitik", zählte Sonnleitner die Vorteile und Trümpfe der deutschen Bauernschaft auf und warf die Frage in den Raum: "Glauben Sie, Bürokratie ist besser zu ertragen, als Willkür und Korruption?" Klar machen müsse man der Gesellschaft aber auch, dass Ökologie und Sozialstaat nur zu leisten seien, wenn die Ökonomie stimme. In diesem Sinne, so Sonnleitner, seien Schimpfen und Jammern keine guten Ratgeber auf dem Weg in die Zukunft. Vielmehr seien Selbstbewusstsein, innere Überzeugung und offensive Strategien gefragt. Schließlich seien es die Bauern mit ihrer modernen Landwirtschaft, die weltweit Ernährungssicherheit garantierten. Und auch wenn Sonnleitner angesichts der unsicheren Zeiten eine Prognose für nahezu unmöglich hält, das war eine.
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren