Coburg
Erziehung

Wo Kinder gequält werden

Anke Ballmann klagt in ihrem Buch "Seelenprügel - was Kindern in Kitas wirklich passiert" die schwarzen Schafe unter den Erziehern an.
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Symbolfoto: Photographee.eu, adobe/stock
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13 Millionen Kinder in Deutschland werden in ihren ersten Lebensjahren psychisch misshandelt - und zwar in der Kita. Das jedenfalls behauptet die Münchner Pädagogin Anke Ballmann. "Seelenprügel" heißt ihr aktuell erschienenes Buch, das bundesweit hohe Wellen schlägt. Der provokante Untertitel "Was Kindern in Kita wirklich passiert" hat nicht nur bundesweit Presse, Funk und Fernsehen neugierig gemacht, die Reaktionen von Eltern, Pädagogen und Erziehungswissenschaftlern zeigen deutlich, dass die 50-Jährige ein Tabuthema aufgebrochen hat.

Kein unbeschriebenes Blatt

In Coburg saßen 2017 zwei ehemalige Mitarbeiterinnen einer Kindertagesstätte wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen und vorsätzlicher Körperverletzung auf der Anklagebank. In den sozialen Medien wurde heiß darüber diskutiert und Fälle von psychischer Gewalt aus anderen Einrichtungen der Region geschildert.

Wer das Buch von Anke Ballmann liest, erfährt, dass Kinder bundesweit gequält werden. "Da werden Kinder angeschrien und in allen Varianten beschämt, sie werden zum Essen gezwungen, müssen zur Strafe in dunklen Zimmern sitzen und kriegen gesagt, was sie alles nicht können", sagt die Erzieherin, die sich seit über 25 Jahren für kindgerechtes Lernen und eine gewaltfreie Pädagogik einsetzt. In mehr als 500 Kitas, vorwiegend in Bayern, hat sie Prüfungen abgenommen oder Entwicklungsprozesse begleitet. Sie hatte mit Hunderten von Erzieherinnen persönlichen Kontakt.

2007 gründete sie das Institut "Lernmeer" für die Fort- und Weiterbildung pädagogischer Fachkräfte. Aufrüttelnde Vorträge zu ihren Kernthemen brachten der langjährigen Bildungsreferentin in der Wirtschaft den Ruf einer innovativen Bildungsexpertin ein.

Tatsächlich rangiert "Seelenprügel" auf Platz 1 der Amazon-Buchliste in der Rubrik Bildung. Es sind die eindringlichen Fallbeispiele, die beim Lesen erschrecken: "Wenn Kinder von Erzieherinnen am Stuhl festgebunden oder am Arm herumgezerrt werden, dann ist die Gewalt offensichtlich. Es ist aber auch erniedrigend, wenn ein Kind sich vor seiner Gruppe umziehen muss, weil es in die Hose gemacht hat." Anke Ballmann geht es, wie sie im Gespräch sagt, um die schwarzen Schafe unter den Pädagogen. Natürlich sei nicht die Erzieherin als solche im Fokus. "Es gibt in der überwiegenden Mehrheit gutes und engagiertes Personal. Aber es müssen eben alle auch hinschauen und gucken, wo etwas falsch läuft", sagt sie gegenüber dem Tageblatt.

"Auf den Ton kommt es an - ganz besonders in der Kommunikation mit Kleinkindern. Wenn Worte wie Pfeile verschossen werden, brauchen wir uns auch nicht zu wundern, wenn sie verletzen." Sich nicht wegducken , sondern in solchen Fällen auch einmischen, das fordert Anke Ballmann von einem Team.

Ihr Buch entwickelt sich von der Anklageschrift zum Leitfaden für Kitas. Wie Erziehung ohne Seelenprügel gelingen kann, formuliert sie in einem Zehn-Punkte-Plan. Liebe und Achtsamkeit sind dabei die zentralen Tugenden. Übrigens referierte Anke Ballmann auf Einladung der Stadt bereits zwei mal vor hiesigen Pädagogen über Entwicklungspsychologie.

Rückendeckung bekommt die Autorin auch von Professor Gerald Hüther, einem der bekanntesten Neurobiologen und Lernforscher Deutschlands. Er schreibt über das Buch: "Von anderen Personen zum Objekt ihrer negativen Bewertungen und erzieherischen Maßnahmen gemacht zu werden, tut weh. Diese schmerzvolle Erfahrung sollten wir unseren Kindern ersparen. Viele Eltern und Erzieher tun das, aber viele eben auch nicht, wie Dr. Anke Ballmann das in ihrem Buch in berührender Weise deutlich macht."

Wie Reinhold Ehl, Leiter des Coburger Amtes für Jugend und Familie die Situation in Coburgs Kindergärten bewertet und wo er präventive Ansätze in den Kitas sieht, lesen Sie im Interview.

Psychologin mit Bildungsauftrag

Anke Ballmann hat an der LMU in München Psychologie, Pädagogik und Soziologie studiert.

Stationen: Stellvertretende Kindergartenleitung , Beraterin beim Axel Springer Verlag bei der Zeitschrift "Mädchen", Multiplikatorin bei diversen Kampagnen des Sozial- und Kultusministeriums, des Staatsinstituts für Frühpädagogik; 2007 Gründung von "Lernmeer", Institut für kindgerechte Pädagogik in München.

Ab dem Wintersemester 2019/20 Lehrauftrag an der Friedrich-Alexander-Universität in Nürnberg.

Das Buch

Anke Elisabeth Ballmann

Seelenprügel

Kösel Verlag

20 Euro

KOMMENTAR

Von schwarzen Schafen und mutigen Erwachsenen

Das Buch wird vielen Erzieherinnen nicht gefallen. Zu viel Kritik, zu wenig Lob an einer Arbeit, die heutzutage zu den verantwortungsvollsten in unserer Gesellschaft gehört. Doch jedem muss klar sein: Dieses Buch wurde geschrieben, um auf ein Tabu aufmerksam zu machen. Das Tabu von Missbrauch im Kindergarten. Angesprochen sind all jene, die wegschauen, wenn Kinder grob angefasst werden, vor der Gruppe gedemütigt oder mit Worten in ihren Grundrechten verletzt werden. Natürlich sind auch all jene angesprochen, die genau dafür verantwortlich sind: die Täter. Es geht nicht darum, Eltern zu verunsichern oder gar Erzieherinnen im Allgemeinen an den Pranger zu stellen. Reinhold Ehl, zuständig für die Coburger Kindergärten, sagt: Das müssen wir aushalten! Recht hat er. Es muss möglich sein, auf Missstände aufmerksam zu machen. Anke Ballmann weist an mehreren Stellen darauf hin, dass es ihr um die schwarzen Schafe geht - nicht um engagierte und liebevolle Pädagogen.

Erziehung braucht Regeln und klare Ansagen. Erzieherinnen dürfen auch mal laut werden und gegebenenfalls in der Wahl ihrer Mittel mal falsch liegen. All das steht auch für Anke Ballmann außer Zweifel. Dass Kinder jedoch immer noch zum Essen gezwungen, grob angefasst oder vor anderen blamiert werden, das darf nicht sein. Kinder brauchen Beschützer. Daheim und in der Kita. Sie zu verantwortungsvollen, empathischen Erwachsenen zu erziehen, die später mutig und selbstbewusst ihren Mann oder ihre Frau stehen, braucht ebensolche Erzieher. Ein Kind wächst an seinen Vorbildern.

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