Coburg
Chaos

Wie in Coburg "Elterntaxis" richtig "uncool" werden

Laufbusse oder ein Schulwegekonzept könnten helfen, die tägliche Belastung vor den Coburger Grundschulen morgens und nachmittags aufzulösen.
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In den Morgenstunden vor Unterrichtsbeginn ist viel los vor der Pestalozzischule. Viele Eltern bringen ihre Kinder mit dem Pkw zur Schule und verstärken den auch so schon starken Verkehrsfluss in der Seidmannsdorfer Straße noch mehr.  Foto: Helke Renner
In den Morgenstunden vor Unterrichtsbeginn ist viel los vor der Pestalozzischule. Viele Eltern bringen ihre Kinder mit dem Pkw zur Schule und verstärken den auch so schon starken Verkehrsfluss in der Seidmannsdorfer Straße noch mehr. Foto: Helke Renner

Ist es Bequemlichkeit oder die Sorge um die Sicherheit, die Eltern veranlassen, ihre Kinder mit dem privaten Pkw bis vor die Schule zu fahren? Andrea-Ursula Keidel, Konrektorin der Heimatringschule, vermutet eher ersteres. "Da kann man sich morgens etwas mehr Zeit beim Frühstück lassen. Viele unserer Eltern arbeiten auch in der Stadt und nehmen ihre Kinder im Auto mit." Das hört sich erst einmal vernünftig an. Was daraus aber folgt, beschreibt Jürgen Heeb von der Stadtratsfraktion Pro Coburg so: "Besonders morgens vor Unterrichtsbeginn herrscht das reinste Chaos vor den Schulen. An der Pestalozzischule ist es besonders schlimm." Das kann Schulleiterin Angelika Geiß-Dekrell nur bestätigen und ergänzt: "Ich bin von Eltern auch schon bös' angegangen worden, wenn ich sie gebeten habe, woanders als vor der Schule zu parken. Denn hier rennen die Kinder zwischen den Autos durch."

Grund genug für Louis Münster von der städtischen Verkehrsplanung, das Problem mit Hilfe der Schüler lösen zu wollen - auch im Hinblick auf die Fridays-for-future-Bewegung. Zwei Projekte hat er dabei im Visier, die er den Grundschulen anbietet. Zu einer ersten Vorstellung sind die Schulleiterinnen von vier Grundschulen gekommen. Vorausgegangen war ein Antrag der Wählergruppe Pro Coburg, vor den Schulen sogenannte Hol- und Bringzonen einzurichten, um die Verkehrsbelastung am Morgen und am Nachmittag einzudämmen. Weil durch diese Zonen aber das eigentliche Problem nicht gelöst würde, es kaum gefahrlose Bereiche in der Nähe der Schulen gibt und das Verkehrsaufkommen nicht verringert würde, soll die Sache nun von einer ganz anderen Seite her angegangen werden. "Wir haben uns sechs bis acht Projekte in ganz Deutschland angesehen und zwei ausgewählt", erläutert Louis Münster. Die Schüler sollen motiviert werden, ihren Eltern zu sagen: "Wir wollen nicht gefahren werden." Eine Idee dafür kommt vom Verkehrsclub Deutschland (VCD), wird aber auch schon in der Schweiz praktiziert: der Laufbus. Das heißt, eine Gruppe von Kindern geht zusammen zur Schule und wird dabei von einem oder mehreren Erwachsenen begleitet, bis die Kinder sicher genug sind, um alleine zu laufen. Es werden "Haltestellen" eingerichtet, an denen sich die Gruppen treffen, und es gibt eine Art Fahrplan, wann in Richtung Schule und zurück nach Hause gestartet wird. In einer Vereinbarung, die unterschrieben werden muss, sind Verhaltensregeln für die Kinder und die Begleitpersonen festgelegt. Für die Schulen bedeutet das dennoch, dass sie sich den Versicherungsschutz von ihrer Unfallkasse bestätigen lassen müssen. Die Haftung für das Verhalten der Schüler liegt weiterhin bei den Eltern.

Gefährliche "Drachenautos" zähmen

Beim zweiten vorgestellten Projekt, das in Nordrhein-Westfalen praktiziert wird, sind die Kinder "Verkehrszähmer". Dabei handelt es sich um ein Schulwegekonzept im Rahmen der Verkehrserziehung. "Die Schüler absolvieren ein Sicherheits- und Bordsteintraining", erörtert Louis Münster das Konzept. Sie sollen befähigt werden, den Schulweg allein oder in Gehgruppen zu bewältigen und die "gefährlichen Drachenautos" zu bändigen, indem sie auf das "Elterntaxi" verzichten. Dabei tragen sie Warnwesten oder -kragen. Es gibt ein Belohnungssystem. Für jeden Weg zu Fuß, auch zum Schulbus und von dort zum Klassenzimmer, werden Zaubersterne gesammelt. Die können gemeinsam beispielsweise gegen verlängerte Pausen, Spiel- und Filmstunden oder mehr Unterricht in Lieblingsfächern eingetauscht werden.

Andrea-Ursula Keidel ist, wie ihre Kolleginnen auch, angetan von den Ideen. "Für die Verkehrszähmer bin ich zu haben", sagt sie, würde aber an ihrer Schule gern eine Umfrage starten, wann die Kinder mit dem Auto zur Schule gebracht werden und aus welchem Grund. "Vielleicht könnte uns die Stadt dafür einen Fragebogen zur Verfügung stellen."

Das wäre auch für Susanne Thaler, Rektorin der Melchior-Franck-Schule, eine Option. "Meist werden zum Schuljahresbeginn die Erstklässler mit dem Fahrzeug gebracht. Das ist bei uns die heiße Phase, dann beruhigt sich das Ganze etwas", erläutert sie. Als Nächstes wird Louis Münster den Schulen die Unterlagen für die vorgestellten Projekte zur Verfügung stellen, dann kann dort bei Elternabenden und Besprechungen im Kollegium beraten werden, was man der Verkehrsbelastung durch "Elterntaxis" entgegensetzen sollte.

Oliver Proft, der Verkehrssachbearbeiter der Polizeiinspektion Coburg, weist außerdem darauf hin, dass die Umsetzung der verschiedenen Konzepte nicht in Konkurrenz zu den Schulweghelfern passieren dürfte. "Das sollte geklärt werden."

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