Coburg
Vorsorge

Wer kümmert sich um mich, wenn ich selbst es nicht mehr kann?

Nicht nur alte Menschen können in die Situation kommen, eine Vertrauensperson zur Betreuung zu benennen. Darauf sollte jeder vorbereitet sein, findet eine Gruppe von Coburgern, die sich regelmäßig trifft.
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Foto: imago
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Helga Jahn war noch keine 50 Jahre alt, als sie zum ersten Mal in die Situation kam, eine Vertrauensperson benennen zu müssen, die bevollmächtigt ist, sich um ihre persönlichen Angelegenheiten zu kümmern - falls sie das selbst nicht mehr kann. "Ich musste mit einer Angina Pectoris ins Krankenhaus und habe in meiner Not meine Nachbarin angegeben", erzählt sie. In die gleiche Lage kam die Coburgerin, als sie kürzlich an der Hüfte operiert wurde. "Meine Söhne leben in Großbritannien und Norddeutschland. Sie sind beruflich stark eingebunden. Ich möchte ihnen auch nicht zur Last fallen", ergänzt sie.

Aber einen amtlich bestellten Betreuer will sie auch nicht haben. "Da habe ich schon unschöne Sachen erlebt." Mit diesem bislang ungelösten Problem ist Helga Jahn nicht allein, das weiß sie. Deshalb hat sie die Gründung der Selbsthilfegruppe "Vorsorgen" auf den Weg gebracht.
Die trifft sich jeden dritten Montag im Monat um 15 Uhr in den Selbsthilferäumen in der Neustadter Straße 3 - das nächste Mal am 15. Dezember.

"Wir wollen damit Menschen ansprechen, die keine Vertrauensperson haben, wenn es um eine Patientenverfügung und eine Vorsorgevollmacht geht", erläutert Helga Jahn. Wo aber kann man eine solche Vertrauensperson finden? Was kann ich selbst tun, um all meine Angelegenheiten so zu regeln, damit der von mir Bevollmächtigte ohne Schwierigkeiten damit klarkommt? All diese Fragen können in der Selbsthilfegruppe diskutiert und im Idealfall gelöst werden. Helga Jahn hat schon eine Person ihres Vertrauens in der Gruppe gefunden.

Schlechte Erfahrung mit Betreuer

Warum aber vertraut sie keinem amtlich bestellten Betreuer? "Ich habe im Rahmen des Besuchsdienstes in einem Altenheim einen Betreuer erlebt, der sich kaum um die Frau gekümmert hat, die ihm anvertraut worden war." Außerdem: "Den kennt man ja auch nicht und man muss ihm doch Einblick in sein Leben, seine finanziellen Verhältnisse gewähren", sagt Helga Jahn. Ihr wäre es schon lieber, das täte jemand, dem sie wirklich vertraut.
Es gehe ja auch darum, sich einen Überblick über die Alten- und Pflegeheime in der Stadt zu verschaffen, unter welchen Bedingungen man dort leben kann und was das kostet. "Das sollte man nicht erst tun, wenn es zu spät ist." Deshalb würde Helga Jahn sich wünschen, dass mehr junge Leute in die Gruppe kommen. "Das ist ein wichtiges Thema, darüber sollte jeder nachdenken."

Juristische Betreuung

Der ehemalige Richter Karsten Reubekeul berät die Selbsthilfegruppe "Vorsorgen" juristisch. "Ich habe in meinem Berufsleben Tausende Fälle bearbeitet. Es hat immer wieder Probleme mit Berufsbetreuern gegeben", erzählt er. Kontrollen von Seiten des Gerichts seien schwierig. "Eine Vorsorgevollmacht ist in jedem Fall besser." Und man sollte sich zum Bevollmächtigten auch gleich noch jemanden suchen, der diesen kontrolliert - damit Missbrauch weitgehend ausgeschlossen wird.

"Vielleicht kann man über die Selbsthilfegruppe eine Organisationsstruktur finden, die solche Aufgaben übernimmt", sagt Karsten Reubekeul. "Unsere Überwachung wäre kostenlos." Es sei auch möglich, einen Rechtsanwalt zur Kontrolle einzusetzen. Dann aber entstünden gleich hohe Kosten. Das Gericht setze Kontrolleure nur dann ein, wenn es um hohe Summen gehe, etwa bei Unternehmenskapital.

Ideal wäre es, wenn die Aufgaben, die heute die Selbsthilfegruppe schon teilweise übernimmt, bei einem Wohlfahrtsverband angesiedelt würden. "Dazu braucht es aber wieder Personal, das die Arbeit leistet", räumt er ein.

Betreuungsstelle

Frank Goldammer arbeitet in der Betreuungsstelle im Haus "Sozial aktiv" am Oberen Bürglaß. Erst kürzlich hat er in einer Sitzung des Sozialsenats betont, dass niemand einen Betreuer gegen seinen Willen bekommt. "Bevor wir einen Berufsbetreuer einsetzen, fragen wir immer zuerst in der Familie nach, dann im Bekanntenkreis. Findet sich dort niemand, dann versuchen wir es bei den Ehrenamtlichen. Erst dann kommen die Berufsbetreuer ins Spiel." 30 gibt es im Verantwortungsbereich von Frank Goldammer. Die Entscheidung über die Bestellung eines Bevollmächtigten treffe das Betreuungsgericht, er habe aber ein Vorschlagsrecht, erläutert er. "Noch besser ist es aber, wenn ein Betroffener selbst einen Vorschlag machen kann."

In seiner 20-jährigen Praxis habe er nicht einmal eine Handvoll Fälle von Berufsbetreuern gehabt, die unkorrekt gearbeitet hätten. "Wenn so etwas passiert, dann landen sie vor Gericht." Im Übrigen müssten die Betreuer ein Führungszeugnis vorlegen und einmal im Jahr dem Gericht Rechenschaft über ihre Arbeit ablegen.

Gravierende finanzielle Entscheidungen treffe der Betreuer auch nicht allein, sondern das Gericht. Und reich werden können man dabei auch nicht. "Viele machen einen Rückzieher, sobald sie erfahren, was sie da verdienen", sagt Frank Goldammer.

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